Parallel zur Datenkritik entfachte eine ideologische Debatte über die Notwendigkeit des Portals. Kritiker argumentieren mit dem Vorwurf unnötiger Doppelstrukturen. Bereits bestehende Klinikverzeichnisse, insbesondere das Portal der Deutschen Krankenhausgesellschaft, würden ähnliche Informationen bereitstellen. Die Schaffung paralleler Systeme sei ineffizient und kostentreibend, wurde vielfach proklamiert. Verbraucherschützer und Patientenverbände widersprachen dieser Einschätzung jedoch vehement. Der Verbraucherzentrale Bundesverband betonte die Notwendigkeit einer unabhängigen, nicht von Partikularinteressen beeinflussten Informationsquelle. Das DKG-Portal richte sich primär an Fachpersonal und biete nicht die patientengerechte Aufbereitung, die der Bundes-Klinik-Atlas anstrebe. Die AOK warnte gar vor den Folgen einer Abschaffung. „Eine Einstellung des Portals würde die Transparenz für Patienten deutlich verschlechtern und könnte zu einer rein von Klinikträgern bereitgestellten Darstellung führen“, betonte ein Unternehmenssprecher. Einen Schritt weiter ging der Sozialverband VdK, der in einer möglichen Abschaltung des Angebots sogar eine Gefährdung der Patientenrechte sah.
Hinter den politischen Diskussionen verbargen sich jedoch auch schwerwiegende technische Probleme. Die Zusammenführung heterogener Datenquellen verschiedener Bundesländer, Klinikträgern und Qualitätssicherungseinrichtungen erwies sich als deutlich komplexer als ursprünglich von politischer Seite angenommen. Unterschiedliche Standards, Datenformate und Erfassungszeiträume erschwerten die einheitliche Darstellung zusätzlich.
Die angestrebte Echtzeit-Aktualisierung kollidierte mit der Realität des Klinikalltags. Qualitätskennzahlen wurden und werden oft erst mit monatelanger Verzögerung verfügbar, Personalzahlen schwanken saisonal und darüber hinaus sind medizinische Daten überaus komplex. All diese Punkte machen eine „einfache“ Darstellung für Patientinnen und Patienten zu einer schier unüberwindbaren technischen Herausforderung.
Kosten versus Nutzen
Während genaue Zahlen nicht öffentlich sind, dürfte die Entwicklung des Bundes-Klinik-Atlas jedoch bereits Millionenbeträge verschlungen haben. Kritiker sehen diese Investition angesichts der zahlreichen Kinderkrankheiten des Portals als verschwendet an. Befürworter argumentieren hingegen, dass die Kosten für echte Transparenz im Gesundheitswesen gerechtfertigt seien.
Eine ehrliche Kosten-Nutzen-Analyse müsste daher auch die indirekten Effekte berücksichtigen, die ein derartiges Angebot mit sich bringt. Wie viele Patientinnen und Patienten profitieren von besser dargestellten Informationen? Welche Kosten entstehen durch Fehlentscheidungen aufgrund mangelnder Transparenz? Führt mehr Transparenz zu Qualitätsverbesserungen in den Kliniken selbst?
Vor dem Hintergrund der Haushaltslücke von rund 30 Milliarden Euro sind wohl alle Bundesministerien dazu angehalten, den Gürtel etwas enger zu schnallen und vermeidbare Kostenfaktoren signifikant zu reduzieren. Auch das CDU-geführte Bundesgesundheitsministerium ist vor dem Sparkurs nicht gefeit. Wie kann es nun also für den Bundes-Klinik-Atlas weitergehen?
Eine Option wäre eine temporäre Abschaltung des Angebots, um grundlegende Designfehler auszumerzen. Das wäre wohl eine der teuersten Varianten – jedoch auch eine derjenigen, die am wenigsten nach politischem Offenbarungseid aussehen würde.
Option zwei wäre eine Integration der bestehenden Daten in das Angebot der DKG. Diese hatte diesbezüglich grundsätzliche Gesprächsbereitschaft signalisiert. Eine dritte Möglichkeit wäre eine komplette und stillschweigende Abschaltung und Einmottung des Atlas. Dies könnte jedoch zu einer Zerreißprobe der Regierung Merz werden. Schließlich handelt es sich beim Klinik-Atlas des Bundes um ein Herzensprojekt des ehemaligen SPD-Gesundheitsministers Lauterbach. Nach dem Prinzip „Kill your Darlings“ könnte eine Abschaltung zu einer Kompromisslösung führen, zu der die Unionsfraktion unter Umständen nicht bereit ist.
Eines darf jedoch nicht vergessen werden. Wenngleich der Bundes-Klinik-Atlas an zahlreichen Kinderkrankheiten litt und leidet und der Start des Angebots alles andere als „glatt über die Bühne“ lief, waren die ursprünglichen Ziele klar definiert. Den Patientinnen und Patienten sollte eine möglichst gute Gesundheitsversorgung geboten werden. Kritiker des Atlas verweisen oftmals auf bestehende – und zugegebenermaßen sehr ansprechende – Lösungen aus dem Auslandm die bereits seit Jahren etabliert und von der Breite der Bevölkerung akzeptiert sind. Bei dieser Diskussion wird ein Punkt jedoch gerne ausgelassen. Auch die Vorzeigeprojekte unserer Nachbarn haben bei ihrer Einführung viel Zeit und Kapital verschlungen. Das deutsche Gesundheitssystem der Zukunft wird sich daran messen lassen müssen, wie effizient, wie flexibel, wie patientenfreundlich es agiert. Der Klinik-Atlas könnte einen entscheidenden Teil dazu beitragen. Aktuell würden sämtliche Optionen geprüft, vermeldete das BGM kürzlich. Man darf also gespannt sein, ob der Atlas zum Politikum wird oder ob man von gesundheitspolitischer Seite dem Angebot eine weitere Chance einräumt.
Stand: 08.12.2025
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