Die Europäische Kommission legte Anfang 2025 einen Aktionsplan vor, der die Cybersicherheit im Gesundheitswesen strukturell verbessern soll – und einen Paradigmenwechsel markiert.
Cybersicherheit wird im EU-Aktionsplan nicht mehr als nachgelagerte technische Aufgabe behandelt, sondern als strategischer Bestandteil der Gesundheitsversorgung.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Motor für mehr Effizienz, Qualität und Verfügbarkeit der medizinischen Versorgung entwickelt. Elektronische Akten, vernetzte Geräte, Telemedizin und cloudbasierte Dienste steigern die Leistungsfähigkeit von Einrichtungen, vergrößern jedoch zugleich die Angriffsfläche für Cyberkriminelle. Krankenhäuser zählen inzwischen zu den bevorzugten Zielen komplexer Ransomware-Angriffe und gezielter Sabotage. Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission Anfang 2025 einen Aktionsplan vorgelegt, der die Cybersicherheit im Gesundheitswesen strukturell verbessern soll.
Sicherheit beginnt bei Infrastruktur und Qualifikation
Die erste Säule des Aktionsplans konzentriert sich auf präventive Maßnahmen. Gesundheitsorganisationen sollen ihre IT-Systeme systematisch auf Verwundbarkeiten analysieren und veraltete Komponenten schrittweise ersetzen. Prävention bedeutet jedoch nicht nur technische Modernisierung. Ebenso wichtig ist die Qualifizierung der Mitarbeitenden, da menschliche Fehler nach wie vor zu den häufigsten Einfallstoren zählen. Cyberhygiene soll daher als fester Bestandteil des Arbeitsalltags etabliert werden und nicht als isolierte Spezialkompetenz einzelner Fachkräfte. Ergänzend plant die EU Förderinstrumente, die insbesondere kleineren Einrichtungen den Zugang zu modernen Sicherheitslösungen erleichtern sollen.
Ein sektorweites Lagebild als Schlüssel zur Resilienz
Ein zweites Handlungsfeld befasst sich mit der Verbesserung der Früherkennung. Ein europaweites Frühwarnsystem soll Cyberangriffe frühzeitig erkennen und sektorübergreifend melden. Die Einführung eines solchen Systems zielt darauf ab, potenzielle Bedrohungen zeitnah zu identifizieren und den Informationsaustausch zwischen Krankenhäusern und Behörden deutlich zu verbessern. Ergänzend dazu wird ein europäisches Unterstützungszentrum eingerichtet, das kontinuierliche Bedrohungsanalysen, Leitlinien und technische Hilfestellungen bereitstellt. Damit sollen Einrichtungen nicht erst im Notfall, sondern bereits im Vorfeld entlastet werden.
Strukturierte Prozesse für den Ernstfall
Im dritten Handlungsfeld widmet sich der Aktionsplan der Fähigkeit, Angriffe kontrolliert zu bewältigen und die Versorgung schnell zu stabilisieren. Zu diesem Zweck wird eine europaweite Cyber-Resilienz-Reserve aufgebaut, auf die Einrichtungen im Ernstfall zugreifen können. Die Reserve stellt spezialisierte Incident-Response-Teams bereit, die bei erheblichen Störungen Unterstützung leisten. Zudem sollen standardisierte Playbooks definiert werden, die Handlungsschritte für typische Vorfallszenarien festlegen. Ob Ransomware-Befall, Datenleck oder Störung vernetzter Medizintechnik – die entsprechenden Abläufe sollen klar dokumentiert und in regelmäßigen Übungen erprobt werden. Diese Standardisierung soll dabei helfen, Fehler zu reduzieren und die Wiederherstellungszeit erheblich zu verkürzen.
Politische Signale an staatliche sowie nichtstaatliche Angreifer
Ein weiteres Element des Aktionsplans ist die gezielte Abschreckung potenzieller Angreifer. Mithilfe der „Cyber Diplomacy Toolbox“ kann die EU koordinierte politische und diplomatische Maßnahmen ergreifen, die bis zu Sanktionen gegen staatliche und staatsnahe Akteure reichen. Die Botschaft ist klar: Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen gelten als Angriff auf kritische Infrastruktur und werden entsprechend geahndet. Damit wird Cybersicherheit nicht allein als technisches Thema, sondern als sicherheitspolitische Aufgabe betrachtet.
Organisationsstrukturen: Ein europäisches Ökosystem für Cybersicherheit
Neben technischen und operativen Maßnahmen setzt der Aktionsplan auf ein strukturiertes organisatorisches Fundament. So ist ein europäisches Kompetenzzentrum geplant, das ab Mitte 2026 operativ werden soll und als zentrale Anlaufstelle für Krankenhäuser und Versorger dienen soll. Dort werden Schulungsprogramme, Beratungsleistungen, Best-Practice-Sammlungen und technische Dienste gebündelt. Ergänzend dazu wird ein Netzwerk von Sicherheitsverantwortlichen im Gesundheitswesen aufgebaut, um den Wissensaustausch zu stärken und die Harmonisierung von Sicherheitsstandards zu fördern. Mit diesem koordinierten Ansatz soll die Fragmentierung des Sektors überwunden und der Umgang mit komplexen regulatorischen Anforderungen erleichtert werden.
Implikationen für das deutsche Gesundheitswesen
Für Einrichtungen in Deutschland ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Sie müssen ihre IT-Infrastrukturen umfassend überprüfen, veraltete Systeme ersetzen und die Sicherheit vernetzter Medizintechnik in ihre strategische Planung integrieren. Die zunehmende Bedeutung von Governance erfordert klar definierte Rollen, etwa in Form eines zentral verantwortlichen Sicherheitsbeauftragten oder eines Chief Information Security Officers (CISO). Ebenso gewinnen Notfallpläne an Relevanz, da im Ernstfall ein strukturiertes und geübtes Vorgehen über das Ausmaß und die Dauer einer Störung entscheidet. Schulungen und Awareness-Programme werden zu festen Bestandteilen der Personalentwicklung, da Cybersicherheit stetige Aufmerksamkeit erfordert.
Stand: 08.12.2025
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Herausforderungen auf dem Weg zur Umsetzung
Trotz der strukturierten Vorgaben bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. Der Fachkräftemangel im Bereich der IT-Sicherheit ist bereits heute spürbar und viele Einrichtungen stehen finanziell unter Druck. Die Integration verschiedener regulatorischer Ebenen, vom Datenschutz über das IT-Sicherheitsgesetz bis hin zum Medizinproduktrecht, erhöht die Komplexität zusätzlich. Darüber hinaus müssen technische Anforderungen und klinische Abläufe stärker verzahnt werden, um sowohl Sicherheit als auch Versorgungskontinuität zu gewährleisten.
Ein Kulturwandel ist für das europäische Gesundheitswesen erforderlich
Der EU-Aktionsplan markiert einen Paradigmenwechsel. Cybersicherheit wird darin nicht mehr als nachgelagerte technische Aufgabe behandelt, sondern als strategischer Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Strukturierte Präventionsmaßnahmen, verbesserte Früherkennung, klare Reaktionsmechanismen und eine politische Dimension der Abschreckung schaffen ein neues Sicherheitsniveau. Für deutsche Gesundheitseinrichtungen bedeutet dies, dass Cybersicherheit zu einer zentralen Führungsaufgabe wird. Wer jetzt investiert, Risiken analysiert und Prozesse optimiert, sorgt nicht nur für Compliance, sondern stärkt vor allem die eigene Resilienz und die Versorgungssicherheit für Patientinnen und Patienten.
Der Autor Gerald Eid, Managing Director DACH bei Getronics