Cyber-Resilienz im Gesundheitssektor EU will Kliniken schützen – aber reicht das aus?

Ein Gastbeitrag von Frank Schwaak 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

309 schwerwiegende Cyberangriffe im Gesundheitssektor zwangen die EU zum Handeln. Eine Initiative soll jetzt Europas Krankenhäuser widerstandsfähiger machen. Doch über ein reines Schutzkonzept via EU hinausgedacht: Wie können medizinische Einrichtungen ihre Cyber-Resilienz selbst nachhaltig stärken?

Allein schon zur Aufrechterhaltung des Betriebs, aber auch aus Gründen der Datensicherheit und des Datenschutzes, ist die Cyberresilienz in Gesundheitseinrichtungen ein wichtiges Thema.(© MIRIAM – stock.adobe.com)
Allein schon zur Aufrechterhaltung des Betriebs, aber auch aus Gründen der Datensicherheit und des Datenschutzes, ist die Cyberresilienz in Gesundheitseinrichtungen ein wichtiges Thema.
(© MIRIAM – stock.adobe.com)

Ein EU-weites Sicherheitszentrum, verpflichtende Standards und bessere Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten – die Europäische Kommission reagiert auf die wachsende Bedrohung durch Cyberangriffe im Gesundheitssektor. Die „Initiative zur Stärkung der Cybersicherheit“, die am 15. Januar 2025 auf den Weg gebracht wurde, soll vor allem Kliniken und medizinische Einrichtungen resilienter machen. Ziel ist es, deren Fähigkeiten zu verbessern, Bedrohungen zu erkennen, vorzusorgen, sowie angemessen und rasch zu reagieren.

EU-Strategie für resiliente Krankenhäuser

Der Aktionsplan zählt zu den obersten Prioritäten der EU-Kommission für die ersten 100 Tage der neuen Amtszeit. Er setzt auf die folgenden vier Schwerpunkte:

  • Prävention: Gesundheitseinrichtungen sollen ihre Schutzmechanismen durch klare Leitlinien zu Cybersicherheitspraktiken stärken. Dazu empfiehlt die EU den Mitgliedsstaaten, Cybersicherheitsgutscheine einzuführen. Diese sollen kleine und mittelgroße Krankenhäuser finanziell unterstützen.
  • Bedrohungserkennung: Ab 2026 wird ein Echtzeit-Warnsystem Krankenhäuser frühzeitig über potenzielle Cyberangriffe informieren und eine koordinierte Abwehr ermöglichen.
  • Reaktion: Die EU plant, Incident-Response-Dienste von vertrauenswürdigen Anbietern bereitzustellen. Zudem sollen Mitgliedstaaten verpflichtet werden, Lösegeldzahlungen bei Cyberangriffen an die EU zu melden.
  • Abschreckung: Die Mitgliedstaaten sollen durch „Cyber-Diplomatie“ Angreifer besser aufspüren, bestrafen und Attacken erschweren.

Eine öffentliche Beratung zum neuen Aktionsplan zwischen den EU-Staaten, Gesundheitsdienstleistern und der Cybersicherheitsbranche ist im Gange. Weitere Empfehlungen werden bis Ende 2025 erwartet und spezifische Maßnahmen sollen bereits dieses Jahr und 2026 eingeführt werden.

Datenberge und Schwachstellen – ein gefährliches Duo

Aktuelle Zahlen unterstreichen die dringende Notwendigkeit dieser Initiative: Laut dem Rubrik Zero Labs Report speichern typische Gesundheitseinrichtungen 50 Prozent mehr sensible Daten als Unternehmen in anderen Branchen. Dazu gehören Patientendaten, Laborergebnisse, Versicherungsinformationen und andere geschützte Gesundheitsdaten.

Diese hohe Datendichte macht den Gesundheitssektor zu einem lukrativen Ziel für Cyberkriminelle. Denn sie gelangen mit einem einzigen Angriff an überdurchschnittlich viele und vor allem wertvolle Daten.

Vor allem Ransomware-Angriffe sind eine Bedrohung: 97 Prozent der von ihnen betroffenen Daten im Gesundheitswesen befinden sich in virtualisierten Umgebungen, die oft unzureichend geschützt sind. Zudem zeigt der Report, dass ein erfolgreicher Ransomware-Angriff hier im Durchschnitt 20 Prozent der sensiblen Daten kompromittiert, verglichen mit nur sechs Prozent in anderen Branchen. Besonders bedrohlich: Double-Extortion-Ransomware. Hierbei verschlüsseln Angreifer nicht nur Daten, sondern schleusen sie auch aus und drohen mit Veröffentlichung. Sind Organisationen davon betroffen, zahlen sie oft das Lösegeld – 2023 bezahlten sie über fünfmal höhere Beträge als bei klassischen Ransomware-Angriffen.

Wie schützen Kliniken ihre Daten wirksam?

Grundsätzlich geht es beim Datenschutz um die Kontrolle der Datenbewegungen. Daher liegt der Kernpunkt einer erfolgreichen Prävention in der Bedrohungserkennung. Komplexe IT-Infrastrukturen, die digitale Patientenakten, medizinische Geräte und Cloud-Systeme vernetzen, verlangen einen ganzheitlichen Überblick: Gesundheitsorganisationen sollten verstärkt auf Policy-basierte Sicherheitslösungen setzen, die:

  • Datenzugriffe in Echtzeit überwachen, um unbefugte Aktivitäten frühzeitig zu erkennen,
  • auf Metadatenanalyse zurückgreifen, um ungewöhnliche Datenbewegungen oder unautorisierte Transfers zu identifizieren,
  • Bedrohungserkennung mit KI-gestützten Systemen implementieren, um Angriffe schneller zu stoppen.

Wer solche Sicherheitsmechanismen zur Datenbewegungskontrolle einsetzt, vermindert die Wahrscheinlichkeit von Datenverlusten bei Ransomware-Angriffen. Deshalb wollten schon 2024 57 Prozent der Unternehmen in Cybersicherheit investieren. Doch ein wirksamer Schutz allein genügt nicht. Dies betont auch Henna Virkkunen, Mitglied des Europäischen Parlaments: „[Wir] starten einen Aktionsplan, um sicherzustellen, dass Gesundheitssysteme, Institutionen und vernetzte Medizinprodukte widerstandsfähig sind.“

Vorbereitung auf den Ernstfall

Resilient zu sein, bedeutet allerdings mehr als nur Abwehrmaßnahmen – es geht um die Fähigkeit, nach einem Angriff schnell und sicher wieder handlungsfähig zu werden. Krankenhäuser und Gesundheitsdienstleister erreichen dies mit folgenden Maßnahmen:

  • 1. Unveränderbare Backups einrichten: 96 Prozent der Cyberkriminelle greifen gezielt Backup-Systeme an, um eine Wiederherstellung der Daten zu verhindern. „Immutable Storage“ – also nicht manipulierbare Sicherheitskopien – unterstützen dabei, den Klinikbetrieb rasch wieder aufnehmen zu können.
  • 2. Auf Tools mit Threat Hunting setzen: So können Gesundheitseinrichtungen nach einem Angriff in Sekundenschnelle saubere Wiederherstellungspunkte identifizieren und Ausfallzeiten und damit die Auswirkungen für Patienten nach Angriffen minimieren.
  • 3. Sicherheitsüberprüfungen und Penetrationstests: Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren, hilft das allgemeine Sicherheitsniveau kontinuierlich zu verbessern.
  • 4. Incident-Response-Pläne und Notfallstrategien etablieren: Häufig haben Gesundheitseinrichtungen noch keinen definierten Notfallplan für Cyberangriffe – ein hohes Risiko. Hier gilt es vorzusorgen.
  • 5. Zero-Trust-Modelle umsetzen: Keinem Gerät oder Nutzer wird automatisch vertraut, sondern jeder Zugriff geprüft. So wird die Datenintegrität gewahrt.
  • 6. Sicherheitsbewusstsein im Personal stärken: Sicherheitsvorfälle haben eine menschliche Komponente. Regelmäßige Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen Rücken das Thema ins Bewusstsein und vermindern die Fehlerhäufigkeit.

Fazit: Cyber-Resilienz erfordert mehr als Prävention

Die EU-Initiative setzt ein klares Zeichen: Mit Prävention und Bedrohungserkennung legt sie eine solide Grundlage, doch echte Cyber-Resilienz geht darüber hinaus. Kliniken müssen in der Lage sein, nach einem Angriff schnell wieder handlungsfähig zu werden. Das erfordert robuste Backup-Systeme mit fortschrittlichen Wiederherstell-Funktionen, klare Notfallpläne und regelmäßige Tests der Wiederherstellungsprozesse. Nur so können sie den Betrieb sichern und das Vertrauen der Patienten bewahren.

Frank Schwaak
ist Field Chief Technology Officer (CTO) für den EMEA-Raum beim Cybersecurity-Unternehmen Rubrik, dem auch die erwähnten Rubrik Zero Labs angehören. Schwaak ist seit über 20 Jahren als Data-Protection- und Recovery-Spezialist tätig.

Bildquelle: Rubrik

(ID:50464622)

Jetzt Newsletter abonnieren

Wöchentlich die wichtigsten Infos zur Digitalisierung im Gesundheitswesen

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung