Künstliche Intelligenz KI im Krankenhaus: zwischen Schnellschuss und Strategie

Ein Gastbeitrag von Dirk Wolters 4 min Lesedauer

Künstliche Intelligenz soll Prozesse beschleunigen, das Personal entlasten und Versorgungsqualität steigern. Doch vielerorts wird sie eingeführt, bevor Strukturen dafür geschaffen wurden. Warum KI ohne Fundament zum Risiko wird – und was Kliniken jetzt tun müssen.

KI-Projekte sind keine IT-Initiativen, sondern Change-Prozesse.(Bild:  KI-generiert)
KI-Projekte sind keine IT-Initiativen, sondern Change-Prozesse.
(Bild: KI-generiert)

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde – auch im Krankenhaus. Laut Bitkom nutzen bereits rund 18 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in deutschen Krankenhäusern KI, was doppelt so viele wie noch vor drei Jahren sind. Doch immer wieder begegnen mir Einrichtungen, die „etwas mit KI machen wollen“, Pilotprojekte starten oder Tools lizenzieren, ohne sich vorher mit den eigenen Prozessen, Datenstrukturen oder Zielbildern zu befassen. Das ist nicht nur naiv, sondern gefährlich.

Denn KI ist kein Plug-and-Play-System. Sie benötigt Klarheit über Abläufe, Datenflüsse und Verantwortlichkeiten. Ohne dieses Fundament droht kein Innovationssprung, sondern im besten Fall Frustration. Im schlechteren Fall werden Ressourcen verschwendet, Vertrauen verspielt und die Versorgung gefährdet. In der Praxis zeigt sich: Kliniken, die auf Technologie setzen, bevor sie ihre Strukturen geklärt haben, stolpern über eigene Versäumnisse. Nicht selten werden Projekte mittendrin gestoppt, weil unklar ist, wer eigentlich Entscheidungen trifft, wie Ergebnisse bewertet werden oder welche Fachabteilungen involviert sein müssen.

Wunschdenken statt Wirklichkeit: Was fehlt

Ein Grundproblem ist der Glaube an technologische Magie. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ suggeriert Fähigkeiten, die in der Praxis oft nicht eingelöst werden können. KI braucht nämlich strukturierte Daten, definierte Prozesse und standardisierte Schnittstellen, was jedoch in vielen Häusern noch fehlt. Beispiel Diagnosedaten: Was in Freitext dokumentiert wird, kann von einem Algorithmus kaum genutzt werden. Beispiel Prozessmodellierung: Wenn nicht klar ist, wie ein Ablauf funktioniert, kann er auch nicht automatisiert oder unterstützt werden. Beispiel Governance: Wenn niemand verantwortlich ist, bleibt jede Entscheidung im luftleeren Raum.

Ohne nachvollziehbare Datenbasis und Prozessintegration wird jede KI-Anwendung früher oder später zur Blackbox. Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungsmitarbeitende sind zu Recht skeptisch, wenn ein System Empfehlungen gibt, ohne dass die Herkunft oder Logik nachvollziehbar ist. Dabei geht es nicht um Technologiefeindlichkeit, sondern um Verantwortungsbewusstsein. In einem hochsensiblen Umfeld wie dem Krankenhaus braucht es keine technologische Alchemie, sondern Transparenz und Vertrauen.

Drei Fragen vor jedem KI-Projekt

Wer KI ernsthaft in der Klinik einsetzen will, muss sich vorab drei Fragen stellen:

  • Was ist das konkrete Ziel? „Innovation“ reicht nicht als Projektziel. Es braucht eine fachlich präzise Fragestellung: Wie können wir den Medikationsprozess sicherer machen? Wie lässt sich die Patientenaufnahme beschleunigen? Erst dann lassen sich Aufwand, Nutzen und Erfolg bewerten.
  • Sind unsere Prozesse und Daten dafür bereit? Eine KI ist nur so gut wie die Struktur, auf der sie aufsetzt. Das bedeutet: standardisierte Abläufe, nachvollziehbare Datenflüsse, saubere Schnittstellen. Wer diese Hausaufgaben nicht gemacht hat, sollte nicht mit KI beginnen, sondern mit Prozessarbeit.
  • Wer übernimmt Verantwortung – inhaltlich, technisch, rechtlich? Ohne klare Governance bleibt jedes Projekt ein Risiko. Kliniken brauchen Strukturen, in denen Zuständigkeiten für Datenqualität, Algorithmuswahl, Ergebnisinterpretation und Fehlerfolgen geklärt sind, bevor die KI live geht.

Pilotprojekte ja – aber nicht aus dem Bauch heraus

Es spricht nichts gegen Pilotprojekte – im Gegenteil. Kleine, realistische Use Cases sind oft der beste Einstieg in die Welt der KI. Entscheidend ist aber die Passung: Ein KI-Projekt sollte nicht „spannend“ sein, sondern sinnvoll. Ob das nun die strukturierte Dokumentation von Diagnosen ist, die Vorhersage von Verweildauern oder die Optimierung der Stationslogistik, ist nicht der Glamour entscheidend, sondern der konkrete Mehrwert. Und: Pilotprojekte brauchen ein Ende. Entweder sie führen in den Regelbetrieb oder sie werden beendet. Ein Dauerpilot hilft niemandem.

Ein gutes Pilotprojekt beginnt also mit einer präzisen Analyse: Wo sind heute Reibungsverluste? Welche Informationen liegen bereits vor? Wo könnte KI konkret unterstützen und wie lässt sich dieser Nutzen nachweisen?

Ohne Change kein Erfolg

Ein oft unterschätzter Aspekt bei KI-Projekten ist, dass sie keine IT-Initiativen, sondern Change-Prozesse sind. Sie verändern Abläufe, Verantwortlichkeiten und manchmal auch Rollenbilder. Wer das ignoriert, wird scheitern und wer es gestaltet, kann gewinnen. Deshalb gehört professionelles Change Management von Anfang an dazu: mit Kommunikation, Schulung, Beteiligung und mit ehrlicher Auseinandersetzung mit Ängsten und Unsicherheiten. Die besten technischen Lösungen nützen nichts, wenn sie in der Klinik nicht gelebt werden.

Der Satz: „Wir warten noch, bis die Technologie reifer ist“ fällt oft und klingt vernünftig, ist aber ein Trugschluss. Denn selbst wenn die nächste Generation von KI-Systemen noch leistungsfähiger wird, entstehen die strukturellen Voraussetzungen in den Häusern nicht von allein. Der Aufbau von KI-Readiness ist ein langfristiger Prozess und beginnt nicht mit dem Tool, sondern mit der Infrastruktur. Wer wartet, wird nicht von der Technik überholt, sondern von jenen, die frühzeitig die eigenen Hausaufgaben gemacht haben. Kliniken, die jetzt klein starten, bauen eine wertvolle Grundlage auf. Nicht als Selbstzweck, sondern als Vorbereitung für das, was kommt: KI als Werkzeug für mehr Qualität und weniger Belastung.

Dirk Wolters
Geschäftsführer und Leiter des Bereichs Consulting bei der NeTec GmbH. Zwischen Juli 2014 und Juni 2017 leitete Wolters die IT-Abteilung der Bezirkskliniken Mittelfranken.

Bildquelle: NeTec GmbH

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