Am Tag des ursprünglich geplanten Kabinettsbeschlusses führten das Wissenschaftliche Institut der AOK und der AOK-Bundesverband die aktuelle Lage der Krankenhäuser und den Gesetzesentwurf zur Krankenhausreform noch einmal vor Augen. Dabei wurden Qualitätsprobleme analysiert, Fallzahlen herangezogen und ein neuer Prototyp vorgestellt, der die Konzentration auf bedarfsnotwendige Kliniken ermöglicht.
Qualitätsorientierte Bündelung von Behandlungen – ein neuer Prototyp ermöglicht den Fokus auf bedarfsnotwendige Kliniken.
Die Probleme in der deutschen Krankenhauslandschaft bestehen weiterhin: zu viele Patienten, zu wenig Fachpersonal und zu wenig technische und finanzielle Mittel. „Fest steht: Ohne Reform werden viele Krankenhäuser ungesteuert Insolvenz anmelden müssen. Mit der Reform bekommen Krankenhäuser wieder eine Perspektive“, sagte Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach noch vor einem Jahr. Doch der Kabinettsbeschluss verzögert sich weiter bis zum 8. Mai.
Der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) lieferten stattdessen am Tag des ursprünglich geplanten Kabinettsbeschlusses am 24. April aktuelle Fallzahlen und eine Lagebeschreibung zu Qualitätsproblemen in den Krankenhäusern Deutschlands. Die AOK fordert eine Bündelung qualitätsorientierter Behandlungen und eine Konzentration der Leistungen für die dafür geeignetsten Kliniken. Ein Modell soll beim Planungsprozess helfen und zwar noch präziser, als das in der Vergangenheit möglich war.
Das Ziel sei noch nicht erreicht und die Reform verzögere sich, so führte Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes am Anfang der Sitzung an. Doch die müsse kommen, denn aktuelle Analysen des WIdO machen den dringenden Bedarf und auch den wirtschaftlichen Druck auf die Krankenhäuser deutlich. Qualitätsprobleme bestünden schon seit einiger Zeit darin, dass zu viele Patienten in Kliniken behandelt werden, die weder technisch noch personell dafür ausgestattet sind.
Mangelnde Versorgung und keine Zertifizierung
Fallbeispiele aus den Fehlversorgungen von Brustkrebs- und Herzinfarkt-Patienten sowie eine aktuelle Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigen, dass 2022 in insgesamt 95 der an Brustkrebs-Versorgung beteiligten Krankenhäuser weniger als 25 Brustkrebs-Operationen durchgeführt wurden. „Das bedeutet, dass etwa alle zwei Wochen ein solcher Eingriff stattfand. Bei solchen Fallzahlen kann man nicht davon ausgehen, dass es in diesen Kliniken ein routiniertes Behandlungsteam oder gar eine eingespielte Prozesskette gibt“, erläuterte Christian Günster, Leiter der Qualitäts- und Versorgungsforschung im WIdO.
Ein weiteres großes Problem, das sich an den Beispielen von Brustkrebs- und Herzinfarkt-Patienten zeigt ist, dass trotz positiver Entwicklung, im Jahr 2022 immer noch jede achte Brust-OP in nicht-zertifizierten Kliniken stattfand. Das heißt, etwa 40 Prozent der beteiligten Kliniken für Brustkrebs-Fälle konnten kein Zertifikat der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) oder eine vergleichbare Zertifizierung nachweisen. Doch operierten diese Krankenhäuser 13 Prozent der betroffenen Patienten. „Somit wurden mehr als 9.000 Frauen mit Brustkrebs in Krankenhäusern behandelt, die dafür nicht optimal aufgestellt sind“, so Günster. Es ergeben sich allerdings große Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern: Zum Beispiel wurde in Sachsen-Anhalt jede vierte Brustkrebs-OP in einer nicht-zertifizierten Klinik durchgeführt, dagegen waren es in Berlin nur 0,2 Prozent.
„Glücklicherweise ist bei der Brustkrebs-Versorgung in den letzten Jahren eine gewisse Konzentration erkennbar. Auch die 2024 neu eingeführte Mindestmenge für Brustkrebs-OPs wird sicherlich Fortschritte bringen“, sagte Günster. „Dennoch muss der Konzentrationsprozess gerade bei den Krebsbehandlungen dringend beschleunigt werden. Denn wenn wir im bisherigen Tempo weitermachen, würde es zwanzig Jahre dauern, bis alle Patientinnen und Patienten mit Krebs in zertifizierten Zentren behandelt werden.“
Vor zwei Jahren hatte das Innovationsfonds-Projekt „Wirksamkeit der Versorgung in onkologischen Zentren“ (WiZen) belegt, dass die Sterblichkeitsrate von Frauen mit Brustkrebs um 20 Prozent gemindert werden kann, wenn sie in DKG-zertifizierten Zentren behandelt werden.
Ein anderes Versorgungsproblem besteht für Herzinfarkt-Fälle: Auch hier mangelt es an Qualitätsvorgaben, denn etwa 4,9 Prozent der Betroffenen wurden in einem Krankenhaus behandelt, wo es kein Katheterlabor gab. Damit betraf es ca. 9.400 Behandlungen und 368 Kliniken, die weniger als 25 Fälle im Jahr 2022 behandelten. Bei schweren Herzinfarkten sollte aber innerhalb von 90 Minuten gehandelt werden und eine Herzkatheter-Behandlung erfolgen.
Zusammen mit einem sinnvollen Finanzierungssystem sollen sich auch die Krankenhausleistungen auf die Qualitätsorientierung konzentrieren. Das heißt, finanzielle Unterstützung sollen bestenfalls die Kliniken erhalten, die sie am meisten nötig haben. Eine wertvolle Unterstützung für die Länder stellt nun ein neues Simulationsmodell dar, das anhand einer Beurteilung von Qualität, Leistungsfähigkeit und Erreichbarkeit von Krankenhaus-Standorten eine Prognose über die bedarfsnotwendigsten Kliniken in Deutschland treffen kann.
Stand: 08.12.2025
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