AOK Nordost und Barmer erweitern ihr gemeinsames Telemedizin-Projekt für Pflegeheime in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Mit zusätzlichen Teleärzten und reduzierter Bürokratie soll die Versorgung in ländlichen Regionen gestärkt werden.
Die gerätegestützte Telemedizin sorgt bei der ärztlichen Versorgung Pflegebedürftiger für mehr Flexibilität.
Die AOK Nordost und die Barmer haben ihr Projekt für gerätegestützte Telemedizin in stationären Pflegeeinrichtungen weiterentwickelt. Das bereits seit zwei Jahren in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern laufende Versorgungsangebot wird nun um zusätzliche Leistungen erweitert. Technologiepartner ist die GoMedicus Group mit ihrer MedKitDoc-Lösung.
Kernelement der Weiterentwicklung ist die Einbindung weiterer Teleärzte. Sie sollen die Versorgung auch in Zeiten sicherstellen, in denen die hausärztliche Versorgung nicht gewährleistet ist. Parallel übernimmt die MedKitDoc GmbH verstärkt organisatorische Aufgaben und entlastet Pflegeheime sowie Arztpraxen von bürokratischem Aufwand.
„Mit Hilfe der Telemedizin stärken wir die Versorgung in der Fläche – gerade dort, wo der demografische Wandel und der Fachkräftemangel besonders spürbar sind“, erklärt Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost. „Jetzt kommt es darauf an, möglichst viele Arztpraxen und Pflegeheime einzubinden.“
Software-Plattform mit integrierten Medizingeräten
Das MedKitDoc-System kombiniert eine Software-Plattform mit integrierten Medizingeräten und administrativen Diensten. Geschultes Pflegepersonal bedient die Technik vor Ort und kann Ärzte bei Bedarf live zuschalten oder sich asynchron über Patienten austauschen. Die Lösung ermöglicht eine datengestützte Behandlung mit Hausärzten und Fachexperten.
Die praktischen Vorteile zeigen sich am Beispiel der Allgemeinmedizinerin Dr. Catharina Brandt aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim. „Bevor ich ins Pflegeheim fahre, kann ich mir jetzt ein genaueres Bild machen, was eigentlich vorliegt“, berichtet sie. „So kann ich beispielsweise ein EKG oder die Lungenbefunde indirekt über die Pflegerin und Technik erheben, wie ich es auch vor Ort machen würde, allerdings ohne den Fahrweg.“
Weniger Fahrtwege, mehr Behandlungszeit
Die Wegstrecke von ihrer Praxis in Dabel zum Pflegeheim in Goldberg bedeuteten für Brandt eine erhebliche Zeitinvestition. „Das sind für mich [...] 17 Kilometer und 17 Minuten, die ich für Besuche im Pflegeheim einplanen muss. Und das ist Zeit, in der ich nicht behandeln kann“, betont sie. Für die Bewohner wiederum entfallen anstrengende Transporte zur Arztpraxis oder ins Krankenhaus.
Henning Kutzbach, Landesgeschäftsführer der Barmer Mecklenburg-Vorpommern, betont: „Digitale Angebote ersetzen die ärztliche Versorgung vor Ort nicht, aber die gerätegestützte Telemedizin ist eine sinnvolle Ergänzung, von der alle profitieren.“ Gerade in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern dürften diese Angebote kein Nice-to-Have mehr sein. „Hierfür war die Erweiterung der Telemedizin im Pflegeheim ein wichtiger Schritt.“
Christin Dettmann, Pflegedienstleiterin einer Einrichtung für schwerstbehinderte Menschen in Goldberg, bestätigt den Nutzen. „Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen haben einen besonders hohen Bedarf an medizinischer Betreuung und können mit Veränderungen in ihrer Tagesstruktur nicht umgehen“, erklärt sie. „Die langen Wege hier auf dem Land ermöglichen da wenig Spielraum, wenn es darum geht, kurzfristig etwas abzuklären.“
Bisher sei die Einrichtung darauf angewiesen gewesen, dass die Ärztin aus dem 20 Kilometer entfernten Dabel vorbeikam oder Bewohner zur Sicherheit ins Krankenhaus gebracht wurden. „Die Möglichkeit, mit gerätegestützter Telemedizin flexibler reagieren zu können, hat uns daher natürlich sehr interessiert“, so Dettmann.
Ergänzung statt Ersatz der Vor-Ort-Versorgung
Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer Berlin/Brandenburg, sieht weitere Vorteile: „Unser Versorgungsangebot ermöglicht eine ärztliche Betreuung auf dem neuesten Stand der gerätegestützten Telemedizin. Gesundheitliche Probleme können dadurch früh erkannt und Krankenhausaufenthalte bestenfalls vermieden werden.“ Nun setze man darauf, dass möglichst viele Pflegeeinrichtungen und niedergelassene Ärzte an diesem Versorgungsvertrag teilnehmen.
Beide Praktikerinnen betonen, dass die Telemedizin den persönlichen Kontakt nicht ersetzen soll. „Wir sind in vielerlei Hinsicht auf den menschlichen Kontakt angewiesen“, erklärt Dettmann. „Innerhalb des Repertoires, das uns für die Betreuung zur Verfügung steht, betrachte ich die gerätegestützte Telemedizin einfach als sinnvolle Ergänzung.“
Stand: 08.12.2025
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Dr. Brandt sieht den Vorteil in der Flexibilität: „Ich kann aus der Ferne mal zwischendurch Entwarnung geben, im nächsten Fall entscheide ich mich dann aber aus Sicherheitsgründen doch für den persönlichen Kontakt. Und das ist eine ärztliche Abwägung, die bleiben muss.“ Einen Gewinn sieht sie in der zusätlichen Flexibilität.
Antwort auf demografischen Wandel
Jens Neubert, Gründer und CEO der GoMedicus Group, unterstreicht die Notwendigkeit neuer Denkansätze. „Ohne innovative Lösungen und Kooperationen wie diese werden wir die steigende Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland langfristig nicht mehr ausreichend versorgen können“, sagt er. Die Ausweitung des Angebots sei das richtige Signal zur richtigen Zeit.