Am 7. Juli haben Bund und Länder die Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ ins Leben gerufen. Sie soll Wege für eine gute Versorgung bei kontrollierten Kosten aufzeigen. Die Gefahr ist allerdings groß, dass dies auf dem Rücken der Pflegekräfte geschieht.
Wenn wir über KI-gestützte Prozesse in der Pflege sprechen, geht es nicht darum, den Dienst am Menschen zu automatisieren.
Demografische Veränderungen, dramatischer Fachkräftemangel, wenig Budget: Die Pflege in Deutschland steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Um diese Krisen zu bewältigen, hat die Bund-Länder-Arbeitsgruppe am 7. Juli 2025 den „Zukunftspakt Pflege“ ins Leben gerufen. Bis Ende des Jahres sollen entscheidende Eckpunkte für eine nachhaltige Pflegeversicherung und eine stärkere ambulante Pflege entwickelt werden.
Das Mandat bringt jedoch einen doppelten Zielkonflikt mit sich: Einerseits dürfen keine Mehrausgaben entstehen, die nicht ausschließlich auf demografische Entwicklungen zurückzuführen sind, andererseits soll ein verlässliches Niveau bedarfs- und bedürfnisgerechter Unterstützung gewährleistet werden. Schon heute gelingt das vielerorts nur durch das übermäßige Engagement überlasteter Pflegekräfte. Ohne neue Steuerungsinstrumente droht eine systematisch eingeplante Überlastung.
Planung neu denken: Daten statt Bauchgefühl
Bisherige Methoden sind dafür oft denkbar ungeeignet. In vielen Einrichtungen laufen Kernprozesse noch über Excel und nicht integrierte IT-Systeme. Sie haben lange gut funktioniert. Aber angesichts der heutigen komplexen Anforderungen kommen sie an ihre Grenzen– etwa bei der koordinierten Einsatzplanung von Teilzeitkräften oder der Berücksichtigung unterschiedlicher Qualifikationsniveaus. Der geringe Spielraum beim Personalschlüssel macht die sorgfältige Planung noch einmal wichtiger, weil Reserven als Puffer fehlen. Gefordert sind intelligente, datengestützte Steuerungsinstrumente, die vorausschauend planen.
KI-gestützte Modelle analysieren in Echtzeit
Versorgungslage, Demografie und Pflegeintensität, um Engpässe frühzeitig zu erkennen und Personal gezielt einzusetzen. Dabei fließen Faktoren wie Ausfallwahrscheinlichkeiten und Qualifikationsprofile ein, sodass Pflegekräfte dort arbeiten, wo ihre Kompetenzen den größten Effekt haben. So kann zum Beispiel eine Pflegekraft mit Erfahrung in der Intensivpflege gezielt auf einer Station mit hoher Pflegeintensität eingesetzt werden, während eine Kollegin mit Palliativausbildung vor allem in der Betreuung schwerkranker Patientinnen und Patienten arbeitet. Die Arbeitszufriedenheit steigt, weil das jeweilige Können Berücksichtigung findet. Gleichzeitig sind weniger Stunden für eine eventuelle Einarbeitung oder Umstellung nötig, weil Fachpersonal innerhalb der ihnen vertrauten Arbeitsbereiche bleibt.
Neben dieser kurzfristigen Optimierung ermöglichen prädiktive Modelle auch eine vorausschauende Personalplanung über Jahre hinweg für mehr Planungssicherheit, Kosteneffizienz und stabile Pflegequalität selbst in Zeiten hoher Belastung. So lässt sich beispielsweise prognostizieren, wie viele Pflegebedürftige mit welchen Pflegestufen im Jahr 2028 zu erwarten sind. Davon kann die Leitung einer Einrichtung ableiten, welche Fach- und Zusatzqualifikationen im Team ausgebaut werden müssen. Sie kann zudem ermitteln, in welchen Regionen sich ein Mangel an Pflegeplätzen abzeichnet, entsprechend Einrichtungen eröffnen – und so etwa die wohnortnahe Versorgung sichern. Damit öffnet sich dann auch die Tür für mehr soziale Teilhabe.
So gelingt die digitale Umsetzung
Programme wie der Brandenburger „Pakt für Pflege“ zeigen, wie wohnortnahe Versorgung, Kurzzeitpflege, Fachkräftesicherung und soziale Teilhabe gezielt gestärkt werden können. Der Staat fördert das Programm derzeit mit jährlich 22 Millionen Euro. Das Ziel ist, älteren und pflegebedürftigen Menschen ein selbstbestimmtes Leben in ihrem Wohnumfeld zu ermöglichen und gleichzeitig gute Pflege zu gewährleisten. Erreicht werden soll das Ziel durch Unterstützung pflegender Angehöriger, die Gestaltung altersgerechter Sozialräume sowie die Verbesserung der Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in der Pflege und qualifikationsgerechter Einsatz der Pflegefachkräfte.
Digitale Instrumente können hier gut helfen – sowohl in der Planung der Angebote als auch in der täglichen Organisation. Sind in einer Region eher Tagespflege-Einrichtungen oder Vollpflege-Plätze nötig? Was bedeutet das für den Bedarf an Fachkräften? Können bei Krankheitsausfällen Fachkräfte aus einer anderen Tagespflege-Einrichtung aushelfen, weil dort gerade weniger los ist? Moderne Ansätze wie eine automatisierte Pflegeplanung, Ressourcen- und Ausfallmanagement per Echtzeitprognosen, Kompetenzmanagement nach Qualifikationen und Potenzialen könnten diese Programme entscheidend wirksamer machen.
Für Pflegeeinrichtungen bedeutet das konkret: Sie müssen Pilotprojekte starten, um KI-gestützte Planungsmodelle im überschaubaren Rahmen zu testen und messbare Verbesserungen wie reduzierte Überstunden oder stabilere Einsatzpläne zu erzielen. Parallel dazu sollten Pflege- und Führungskräfte gezielt im Umgang mit den Tools geschult werden, um Akzeptanz und reibungslose Integration zu sichern. Damit diese Fortschritte skalierbar werden, ist zudem eine strategische Verankerung in Förderprogrammen sowie organisatorische Rahmenbedingungen nötig, die sicherstellen, dass die digitalen Modelle durch geeignete Institutionen oder Kommunen dauerhaft getragen und umgesetzt werden. Dazu zählt auch die Bereitstellung der benötigten Daten.
Stand: 08.12.2025
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Mensch im Mittelpunkt
Das zeigt: Wenn wir über KI-gestützte Prozesse in der Pflege sprechen, geht es nicht darum, den Dienst am Menschen zu automatisieren. Das Ziel ist genau im Gegenteil, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. KI ersetzt keine Pflegekräfte, sondern entlastet sie, schafft mehr Zeit für direkte Betreuung und verbessert sowohl die Arbeitsatmosphäre als auch die Versorgungsqualität. In Österreich führte der Einsatz einer KI-Plattform dazu, dass pro Standort wöchentlich rund acht Stunden Arbeitszeit eingespart, Überstunden um bis zu 30 % und die Fluktuation um etwa 20 % gesenkt wurden und das bei gleichzeitiger Wiedereröffnung geschlossener Bereiche. Wer Pflege zukunftsfest machen will, muss deshalb über Finanzierung und Personalquoten hinausdenken. Digitale Planungsintelligenz ermöglicht vorausschauendes, interoperables und entlastendes Arbeiten – für Pflegekräfte, Patient:innen und eine Versorgung, die ihren Namen verdient.
Der Zukunftspakt Pflege bietet die Chance, diese Weichen jetzt zu stellen. Die Herausforderung scheint erkannt zu sein: Eine Arbeitsgruppe widmet sich dem Thema, wie „Pflegeeinrichtungen die Umsetzung von Innovationen, insbesondere für Maßnahmen der Digitalisierung, des Technikeinsatzes und ggf. der KI-Nutzung ermöglicht werden“ kann. Wir sehen den größten Hebel darin, die digitale Transformation im Pflegebereich als Teil eines integrierten Systems zu sehen, das Kommunen, Träger, Kassen und weitere Akteure im Gesundheitswesen vernetzt. Wenn wir das vorantreiben, entsteht eine Pflege, die auch bei wachsendem Fachkräftemangel und steigenden Anforderungen verlässlich funktioniert und ihren Anspruch auf eine bedarfs- und bedürfnisgerechte Unterstützung einlöst.
Der Autor
Andreas Diensthuber ist Co-Gründer und Geschäftsführer des Healthtech-Unternehmens DaphOS.