Estlands Digitalisierungsgeschichte „Vertrauen wird in Tropfen verdient und in Eimern verloren“

Von Serina Sonsalla 5 min Lesedauer

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Verschneite Winter, eisfreie Küsten und mehr Wälder als Städte: Im Norden des Baltikums beeindruckt Estland durch seine Vielfalt, weniger durch seine Größe. Mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern ist Estland ein vergleichsweise kleines Land in Europa. Dennoch sind Esten Pioniere in der Digitalisierung ihrer Verwaltungsprozesse – besonders im Gesundheitswesen.

Tallinn ist Estlands Hauptstadt und Stadt der Start-ups. Touristen schätzen vor allem ihre Kultur und das mittelalterliche Stadtbild.(Bild: ©  Great Brut Here – stock.adobe.com)
Tallinn ist Estlands Hauptstadt und Stadt der Start-ups. Touristen schätzen vor allem ihre Kultur und das mittelalterliche Stadtbild.
(Bild: © Great Brut Here – stock.adobe.com)

Zwei Stunden Fahrt gen Norden, hinaus aus Berlin, und man erblickt je nach Verkehrslage das Ortseingangsschild Rostocks. Zwei Stunden in Richtung Süden und man erblickt die Landeshauptstadt Sachsens mit ihrem barocken Flair – Dresden. Große Städte, volle Straßen, alles in Reichweite. So ist das in Deutschland.

In Estland hingegen fährt man zwei Stunden mit dem Bus und landet meist mitten im Nirgendwo. Viele Wälder, schmale Straßen und kleine Dörfer – das ist Estland. Doch die Natur zieht auch so einige Menschen an.

Tallinn: Stadt der Start-ups und der Innovation
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Kleines Land, große Ideen

Mart Ustav (76 ) ist Gründer und CEO von Icosagen und zudem emeritierter Professor an der Universität in Tartu. Von Anfang an war es sein Ziel, in seiner Heimat im Baltikum zu arbeiten, weil er hier ein geeignetes Umfeld für die Wissenschaft schaffen wollte – und damit auch ein Umfeld für die Menschen, die in einem kleinen Staat wie Estland erfolgreich forschen und arbeiten. „Hier können die Menschen morgens in die Arbeit kommen und auf dem Heimweg Beeren pflücken“, sagt Ustav mit einem Schmunzeln. Er ist besonders motiviert, die jüngere Generation in die Stadt der Forschung und Wissenschaft zu treiben und mehr qualifizierte Fachkräfte für das Unternehmen zu gewinnen. Ustav redet mit ruhiger Stimme und erzählt dabei kleine Anekdoten über seinen Arbeitsplatz. Saubere Schuhe sind im Haus jedoch Pflicht. Deshalb sind die Hygiene-Maßnahmen streng: Die Tür hinter dem Empfang öffnet sich erst, wenn alle Ankommenden blaue Schutzüberzüge über ihre Schuhe tragen – eine einfache, aber wirkungsvolle Maßnahme gegen Schmutz.

Tartu, Universitätsstadt in Estland. (Bild: ©  Kertu – stock.adobe.com)
Tartu, Universitätsstadt in Estland.
(Bild: © Kertu – stock.adobe.com)

Mehr als 200 Menschen arbeiten in Icosagen – einem Gentechnologie-Unternehmen in Tartu. In eigenen Laboren können sie testen, prüfen, verwerfen, ergänzen, und Neues entstehen lassen. Ustav ist im Fachgebiet der Biomedizin eine bekannte – vielleicht schon prominente – Persönlichkeit. In mehr als hundert wissenschaftlichen Werken beschäftigt er sich mit Molekularbiologie, Virologie, Diagnostik, Gentherapie und Impfstoffentwicklung. Ustavs Forschung wurde mit mehreren renommierten Auszeichnungen gewürdigt, darunter der Staatspreis für seine Arbeit zur Biosynthese von Proteinen sowie für die Forschung auf dem Gebiet der Papillomaviren.

„Es hängt alles von den Universitäten ab, von der Wissenschaft und Forschung. Es ist immer gut, nah dran zu sein“, betont Ustav. Denn die unmittelbare Nähe zum Zentrum für Forschung und Entwicklung ist entscheidend für seine Arbeiten. Auch dafür ist Tartu bekannt: Ihre Universität macht die Stadt zum Knotenpunkt für die Wissenschaft. Und die Universitätsklinik Tartu trägt mit medizinischen Innovationen dazu bei.

Tartu – die Stadt der Wissenschaft und Forschung
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Das Universitätsklinikum mit 900 Betten und über 5.000 Mitarbeitenden bietet weit mehr als Patientenbehandlung. In ganz Estland existiert hier das einzige zertifizierte Pharmazeutische Krankenhaus, das mit eigens hergestellten Präparaten auf Basis natürlicher Bakterien arbeitet – unterstützt durch einen 3D-Drucker.

Hier entstehen neue Heilpflaster für den Mundraum, KI hilft in der Radiologie – und das ist längst nicht alles, woran geforscht wird. Der Leiter für Forschung und Entwicklung im Uniklinikum Tartu, Prof. Joel Starkopf, kehrte vor einigen Jahren mit wertvollen Digitalisierungskenntnissen aus seiner Skandinavien-Reise zurück. Heute bereichert dieses Wissen seine Forschungsarbeiten.

Doch viel wichtiger als alle Maschinen und Technologien sind laut Starkopf die Menschen, die Ergebnisse interpretieren und moderne Medizin zur persönlichen Medizin machen.

Not macht erfinderisch

Trotz der vielfältigen Natur ist Estland doch ein Digitalland. Das zeigt die digitale Dekade im Länderbericht 2025. Dort heißt es, Estland positioniere sich als Vorreiter bei der Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen und habe noch vor 2030 vollen Zugang zu elektronischen Patientenakten erhalten. Mehr noch: Die Ziele der digitalen Dekade 2030 im eHealth-Bereich wurden bereits im vergangenen Jahr erreicht.

Make shortage an advantage.

Die Fortschritte des Landes blieben auch vor mehr als zehn Jahren nicht unbemerkt. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama ließ während seines Besuchs in Estland bei einer öffentlichen Ansprache den Kommentar fallen: „Ich hätte die Esten anrufen sollen, als wir unsere Gesundheits-Website eingerichtet haben.“

Seit mehr als 30 Jahren verfolgt die estnische Regierung bereits den Ansatz „make shortage an advantage“, also aus Knappheit einen Vorteil machen. Insgesamt leben nur etwa 1,3 Millionen Menschen in Estland. Deshalb wird aus allem Nutzen geschöpft. „Einfallsreichtum aus der Not“, erklärt Rannar Park, Leiter für Unternehmenskooperationen im e-Estonia Briefing Centre in Tallinn. Schließlich mangele es dem Land an Fachkräften.

Der erste digitale Service entstand so bereits 1999 mit der Steuererklärung. Damit verfolgte die Regierung vor allem ein Ziel: Die digitale Steuererklärung sollte so effizient und schnell wie möglich zu erledigen sein. Immerhin muss jede Bürgerin und jeder Bürger über 18 Jahren eine Steuererklärung abgeben. Heute sind etwa 99 Prozent der Patientendaten digitalisiert, alle Rezepte erfolgen elektronisch, nahezu jeder verfügt über eine digitale Gesundheitsakte, und neben e-Residency sowie einem speziellen Start-up-Visum für internationale Talente blickt das Land auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung im Aufbau einer nationalen E-Health-Infrastruktur zurück.

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