Künstliche Intelligenz in der Klinik Video-KI verantwortungsvoll betreiben

Ein Gastbeitrag von Dr. Barry Norton 4 min Lesedauer

Video- und KI-Systeme in Kliniken helfen, Abläufe zu überwachen, Sicherheit zu erhöhen und Personal zu entlasten. Gleichzeitig verarbeiten sie hochsensible Bild- und Videodaten. Wer Video-KI im Krankenhaus betreibt, muss Datenschutz, IT-Sicherheit und Betriebssicherheit neu denken.

Eine KI-Videoanalyse-Lösung kann Vorfälle wie z. B. Stürze schnell erkennen und damit das Personal unterstützen.(Bild: ©  Top AI images - stock.adobe.com / KI-generiert)
Eine KI-Videoanalyse-Lösung kann Vorfälle wie z. B. Stürze schnell erkennen und damit das Personal unterstützen.
(Bild: © Top AI images - stock.adobe.com / KI-generiert)

Krankenhäuser sind Orte, an denen Menschen Schutz, Fürsorge und Sicherheit erwarten. Für Patientinnen und Patienten ebenso wie für Mitarbeitende ist Vertrauen die Grundlage jeder Behandlung. Dieses Vertrauen gerät zunehmend unter Druck – nicht nur durch Personalmangel oder steigende Patientenzahlen, sondern auch durch die wachsende digitale Angriffsfläche moderner Klinikbetriebe.

Video- und KI-Systeme spielen dabei eine immer größere Rolle. Sie helfen, Abläufe zu überwachen, Sicherheit zu erhöhen und Personal zu entlasten. Gleichzeitig verarbeiten sie hochsensible Bild- und Videodaten. Wer Video-KI im Krankenhaus betreibt, muss Datenschutz, IT-Sicherheit und Betriebssicherheit neu zusammendenken.

Video-KI wird zum integralen Bestandteil klinischer Prozesse

Der Einsatz von Videoanalyse in Krankenhäusern hat sich deutlich ausgeweitet. Kameras werden längst nicht mehr nur zur Gebäudesicherung eingesetzt. Sie unterstützen Remote-Monitoring von Patienten, helfen bei der Beobachtung von Intensiv- und Normalstationen, erkennen kritische Situationen wie Stürze oder ungewöhnliche Bewegungsmuster und liefern Daten für Prozess- und Qualitätsanalysen – etwa im OP, in Notaufnahmen oder in hochfrequentierten Bereichen wie Zufahrten und Parkflächen.

Diese Anwendungsfälle versprechen Effizienzgewinne und bessere Versorgung. Sie funktionieren aber nur, wenn Beobachtung und Auswertung weitgehend automatisiert ablaufen. Genau hier entsteht ein Spannungsfeld: Mit jeder zusätzlichen Kamera und jedem neuen Analysemodell wächst nicht nur der Nutzen, sondern auch das Risiko. Video-KI erweitert die digitale Angriffsfläche und erhöht die Verantwortung im Umgang mit personenbezogenen und oft biometrischen Daten.

Datenschutz scheitert selten an Regeln, sondern an Komplexität

In der Praxis entstehen Probleme meist nicht durch fehlende Datenschutzvorgaben, sondern durch komplexe Betriebsrealitäten. Krankenhäuser sind heterogene Umgebungen mit vielen Akteuren, dezentralen Standorten und historisch gewachsenen IT-Strukturen. Video-Workflows entstehen auf Stationen, im OP, in Ambulanzen, in der Notaufnahme oder im Rahmen telemedizinischer Angebote. Häufig werden sie schrittweise ergänzt, erweitert oder miteinander verknüpft.

Typische Schwachstellen sind unklare Zuständigkeiten, fehlerhafte Rechtevergabe, nicht dokumentierte Integrationen, lange Aufbewahrungszeiten oder unübersichtliche Datenflüsse. Wird Datenschutz in solchen Umgebungen erst nachträglich „aufgesetzt“, steigt nicht nur das rechtliche Risiko. Auch der laufende Betrieb wird fragiler, da Systeme schwerer kontrollierbar und anfälliger für Fehlkonfigurationen werden.

Privacy-first als betriebliche Grundentscheidung

„Privacy-first Video AI“ bedeutet, Datenschutz nicht als Einschränkung, sondern als architektonisches Prinzip zu verstehen. Anonymisierung, Zugriffstrennung und Protokollierung werden dabei nicht nachgelagert ergänzt, sondern von Beginn an in die Systemlogik integriert. Das reduziert Komplexität, senkt Nachrüstungskosten und erhöht die Stabilität im Alltag.

Besonders relevant sind Lösungen, die sensible Merkmale wie Gesichter oder andere identifizierende Informationen direkt an der Quelle anonymisieren. Erfolgt diese Verarbeitung bereits in der Kamera oder am Edge-Gateway, verlassen identifizierende Daten die lokale Umgebung gar nicht erst. Das minimiert die Angriffsfläche und reduziert das Risiko, dass sensible Informationen durch Fehlkonfigurationen oder technische Störungen ungewollt weitergegeben werden. Gleichzeitig lassen sich klar geregelte Ausnahmeprozesse etablieren. In medizinischen oder sicherheitsrelevanten Situationen kann eine zeitlich begrenzte Re-Identifizierung notwendig sein. Entscheidend ist, dass solche Eingriffe transparent geregelt, protokolliert und organisatorisch abgesichert sind.

Edge-Verarbeitung reduziert Risiko und Betriebsaufwand

Der Trend zur Verarbeitung am Rand des Netzwerks ist nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Antwort auf die Realität in Kliniken. Werden Video- und Analysedaten lokal verarbeitet, sinkt die Menge sensibler Informationen, die durch zentrale Systeme, Netzwerke oder externe Schnittstellen fließen. Das erleichtert den Betrieb, reduziert Fehlerquellen und macht Datenschutz im Alltag beherrschbarer. Gerade in großen, komplexen Krankenhausstrukturen zeigt sich: Weniger Daten bedeuten weniger Risiko. Privacy-first Video AI verhindert strukturell, dass identifizierende Inhalte in großer Breite entstehen und entschärft damit viele Probleme, bevor sie überhaupt auftreten.

Governance im Betrieb

Technologie allein genügt nicht. Ebenso wichtig ist eine klare Governance im laufenden Betrieb. Rollenbasierte Modelle legen fest, wer auf welche Daten zugreifen darf, und stellen sicher, dass Ausnahmen nur in begründeten Fällen zulässig sind. Alle Zugriffe und Systemereignisse müssen nachvollziehbar dokumentiert sein. Definierte Aufbewahrungsfristen stellen sicher, dass Videodaten nicht länger gespeichert werden als nötig. Für Trainings-, Analyse- oder Optimierungszwecke kommen zunehmend anonymisierte oder synthetische Datensätze zum Einsatz. Sie ermöglichen datengetriebene Verbesserungen, ohne neue Datenschutz- oder Sicherheitsrisiken zu schaffen. Monitoring und Protokollierung sind dabei keine optionalen Zusatzfunktionen, sondern Voraussetzung für einen verantwortungsvollen und stabilen Betrieb.

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Von Einzelmaßnahmen zur Zielarchitektur

Kliniken, die heute in Video- und KI-Anwendungen investieren, stehen vor einer strategischen Entscheidung. Einzelne Use Cases lassen sich schnell umsetzen, doch ohne übergreifende Zielarchitektur entsteht langfristig ein schwer beherrschbares System. Privacy-first Video AI erfordert offene Plattformen, integrierte Anonymisierung, klare Zuständigkeiten und dokumentierte Betriebsprozesse. Wer diesen Umbau jetzt angeht, schafft die Grundlage für einen sicheren, effizienten und breit akzeptierten Einsatz von KI im Krankenhaus. Nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug für eine bessere Versorgung, entlastete Mitarbeitende und eine Umgebung, in der sich Patientinnen und Patienten auch in einem zunehmend digitalisierten Gesundheitssystem sicher fühlen können.

Der Autor
Dr. Barry Norton ist Fellow bei Milestone Systems. Mit über 20 Jahren Erfahrung verbindet er Forschung und praktische Anwendung: von akademischen Positionen an fünf Universitäten über Forschungstätigkeiten bei der NASA und dem British Museum bis hin zu Führungsrollen in unterschiedlichen Branchen, darunter Sicherheit, Verlagswesen und Logistik.

Bildquelle: Milestone Systems

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