KI ist keine Zukunftsmusik mehr. Ihre Potenziale, insbesondere bei multimodalen Systemen, die vielfältige Daten gleichzeitig verarbeiten, sind enorm. Bedeutende Fortschritte macht KI in der Arzneimittelforschung und der Vorhersage von Virusmutationen.
KI zeigt großes Potenzial, besonders bei multimodalen Systemen. Bedeutende Fortschritte erfolgen in der Arzneimittelforschung und der Vorhersage von Virusmutationen.
(Bild: Canva / KI-generiert)
Die Entwicklung neuer Medikamente ist traditionell zeitaufwendig und kostenintensiv. KI verändert diesen Prozess nun grundlegend. Nehmen wir Insilico Medicine: Das Unternehmen startete 2023 eine der ersten klinischen Studien der Phase II mit einem Wirkstoff, der vollständig mithilfe von KI entdeckt und entwickelt wurde und bei idiopathischer Lungenfibrose Abhilfe verschaffen soll. Grundlage waren umfangreiche Datensätze, die chemische Strukturen, biologische Marker und klinische Ergebnisse umfassten und den Forschungsprozess erheblich beschleunigten (Insilico Medicine, 2023).
Insilico steht damit nicht allein. Auch andere große Player setzen inzwischen auf KI, um die Medikamentenentwicklung voranzutreiben. So schlossen sich im September 2024 der Pharmakonzern Eli Lilly und Genetic Leap zusammen, um gemeinsam RNA-basierte Arzneimittel mithilfe künstlicher Intelligenz voranzubringen. Die KI-Plattform von Genetic Leap bildet dabei die Grundlage für die Entwicklung gentherapeutischer Behandlungen (Reuters, 2024).
Eine weitere bedeutende Entwicklung stellt das Programm AlphaFold von DeepMind dar. Im Mai 2024 kündigte das Unternehmen die Version AlphaFold 3 an, die gemeinsam mit Isomorphic Labs entwickelt wird. AlphaFold 3 ist in der Lage, neben einzelkettigen Proteinen auch die Strukturen von Proteinkomplexen mit DNA und RNA vorherzusagen (AlphaFold, 2024). Durch das Deep Learning-Modul „Pairformer“ konnte die Vorhersagegenauigkeit deutlich verbessert werden.
Vorhersage von Virusmutationen mit multimodaler KI
Gerade bei RNA-basierten Viren wie SARS-CoV-2 zeigt sich, wie wichtig ein solches Strukturverständnis ist. Wenn die Covid-19-Pandemie uns eins gelehrt hat, dann ist es mit Virusmutationen Schritt zu halten. Multimodale KI stellt sich dieser Herausforderung, indem sie durch die Analyse von genetischen Sequenzen, Proteinstrukturen und wissenschaftlicher Literatur sogar vorhersagt, wie Viren sich entwickeln.
2024 hat die Forschung in diesem Bereich bedeutende Fortschritte gemacht. So leitet Sarah Gurev, Doktorandin an der Harvard Medical School, das EVEScape-Projekt, bei dem KI dafür eingesetzt wird, die Evolution und Mutation von Viren wie SARS-CoV-2 oder des Grippevirus zu prognostizieren. Das Tool nutzt Daten über Virusentwicklung und biologische Strukturen, um mögliche Virusvarianten vorherzusagen bevor sie entstehen. Das bietet Potenzial, schneller besser abgestimmte Impfstoffe zu entwickeln (Time, 2024).
Mit derartigen Tools lassen sich gezieltere Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit treffen. Anstatt erst auf den Ausbruch einer neuen Welle zu reagieren, können Forscher Impfstoffe entwickeln, die der Verbreitung zukünftiger Varianten vorbeugen. Organisationen wie GISAID überwachen währenddessen auch weiterhin Mutationen und bewerten deren potenzielle Auswirkungen auf die Wirksamkeit von Impfstoffen (GISAID, 2021).
Das disruptive Potenzial des Model Context Protocol
Die bisherigen Fortschritte markieren erst den Anfang. Damit KI in Zukunft noch komplexere Szenarien abbilden und präzisere Prognosen liefern kann, braucht es Ansätze, die Modelle kontextsensitiver machen. Einen solchen Ansatz verfolgt das Model Context Protocol (MCP). Dabei handelt es sich um einen offenen Standard, der es KI-Systemen ermöglicht, externe Datenquellen flexibel einzubinden und ihre Analysen in Echtzeit an neue Informationen anzupassen. Mit MCP werden Modelle deutlich reaktionsfähiger: Sie können Vorhersagen und Handlungen unmittelbar an veränderte Eingaben oder Umgebungen koppeln. Diese Dynamik wird sowohl die Arzneimittelforschung als auch die Vorhersage von Virusmutationen grundlegend verändern.
So sollen KI-Modelle in der Arzneimittelforschung dank MCP in die Lage versetzt werden, ihren Ansatz auf der Grundlage molekularer Daten, demografischer Daten oder der tatsächlichen Wirksamkeit eines Arzneimittels in verschiedenen Umgebungen anzupassen. Diese Kontextbezogenheit kann die Identifizierung praktikabler Behandlungsmethoden erheblich beschleunigen, die Zeit von der Forschung bis zur Markteinführung verkürzen, und dabei die Kosten deutlich senken.
Auch in Bezug auf mögliche Virusmutationen ließe sich mit Hilfe des MCP die Vorhersagefähigkeit verbessern, indem Umweltfaktoren, regionale Variationen der Virusstämme und sich verändernde biologische Daten berücksichtigt werden. Mit Hilfe einer solchen kontextspezifischen künstlichen Intelligenz können Impfstoffe und Behandlungen entwickelt werden, die besser auf künftige Varianten zugeschnitten sind und so die Gesundheitssysteme weltweit widerstandsfähiger machen.
Stand: 08.12.2025
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Wenn wir diese Fortschritte für uns nutzen, ist es wichtig, auch ethische und praktische Aspekte im Blick zu behalten. Datenschutz bleibt essentiell, insbesondere beim Umgang mit sensiblen medizinischen Informationen. Zudem ist die Diversität der Datensätze entscheidend, um Verzerrungen und entsprechend mangelhafte Vorhersagen zu vermeiden.
Auch die organisationsübergreifende Zusammenarbeit wird von entscheidender Bedeutung sein. Pharmazeutische Unternehmen, Forschungs- und klinische Einrichtungen und Politik müssen Hand in Hand agieren, einen verantwortungsvollen Austausch von Daten sicherstellen und regulatorische Rahmenbedingungen schaffen, damit KI-gestützte Entdeckungen sicher, effektiv und gerecht bleiben.
Zwischen Innovation und Verantwortung
Im Bereich der multimodalen KI sind in kurzer Zeit bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden. Von der beschleunigten Arzneimittelforschung bis hin zur präziseren Vorhersage von Virusmutationen: Die Technologie weist den Weg in eine Zukunft, in der lebensrettende Therapien schneller entstehen und Pandemien effektiver eingedämmt werden. Entscheidend wird sein, KI verantwortungsvoll einzusetzen – sodass alle profitieren, während Risiken minimiert werden. Gelingt dieser Balanceakt, könnten wir vor dem Beginn einer neuen Ära in Medizin und Gesundheitswesen stehen.
Der Autor
Holger Pfister ist Vice President DACH bei SUSE. Als Vorstandsmitglied der Open Source Business Alliance setzt Pfister sich seit Jahren zudem für den Einsatz von Open Source in der öffentlichen Verwaltung ein.