App auf Rezept „Kognitive DiGA schaffen eine wichtige Brücke“

Das Gespräch führte Stephan Augsten 5 min Lesedauer

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Als erste App für unterstützendes kognitives Training in der Psychotherapie wurde NeuroNation Med dauerhaft im Katalog für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) gelistet. Zu den Möglichkeiten App-gestützer Therapien haben sich nun Jakob Futorjanski, Geschäftsführer der Synaptikon GmbH, und Dr. Alexa Alica Kupferschmitt, promovierte Psychotherapeutin und Wissenschaftlerin an der Charité Berlin, geäußert.

Digitale Gesundheitsanwendungen können in der Psychotherapie ein niedrigschwelliges Training ohne lange Wartezeiten ermöglichen.(Bild: ©  ryzhi - stock.adobe.com)
Digitale Gesundheitsanwendungen können in der Psychotherapie ein niedrigschwelliges Training ohne lange Wartezeiten ermöglichen.
(Bild: © ryzhi - stock.adobe.com)

Laut aktuellen Zahlen sind etwa 1,5 bis 3,7 Millionen Menschen in Deutschland von leichten kognitiven Störungen betroffen, während das Zentralinstitut Kassenärztliche Versorgung warnt, dass etwa 95 Prozent aller kognitiven Beeinträchtigungen nicht diagnostiziert und unterversorgt werden. Wie bewerten Sie diese Versorgungssituation?

Dr. Kupferschmitt: Die Unterversorgung ist tatsächlich dramatisch. Wir sehen in der klinischen Praxis, dass viele Menschen über Monate oder Jahre mit Gedächtnisproblemen, Konzentrationsstörungen oder mentaler Erschöpfung leben, ohne dass diese ernsthaft diagnostiziert oder behandelt werden. Dabei wissen wir, dass frühe Intervention entscheidend sein kann – sowohl um die Lebensqualität zu sichern als auch, um das Fortschreiten kognitiver Einschränkungen zu verlangsamen.

Entsprechende kognitive DiGA-Anwendungen schaffen hier eine wichtige Brücke, da sie Patientinnen und Patienten ein niedrigschwelliges Training bieten können, das ohne lange Wartezeiten zugänglich ist. Für Behandler bedeutet das, dass sie objektivierbare Ergebnisse sehen und die Fortschritte in ihre Therapieplanung integrieren können. Damit wird einerseits die Versorgungslücke verkleinert, andererseits die Fachkräfte entlastet, die sich so stärker auf komplexe Fälle konzentrieren können.

Dank dauerhafter Zulassung und DiGA-Listung im Mai 2023 wurde die App NeuroNation MED über 40.000-mal verordnet. Wie gestaltet sich die praktische Einbindung der App in bestehende Behandlungskonzepte, und welche Erfahrungen machen Sie mit der Patientenakzeptanz?

Dr. Kupferschmitt: Die Einbindung in den Therapiealltag gelingt sehr gut. Bei uns in der Klinik und in meiner Praxis wird die DiGA beispielsweise begleitend zur Psychotherapie eingesetzt. Die Patientinnen und Patienten trainieren selbstständig zuhause, und wir besprechen die Ergebnisse und Fortschritte in den Sitzungen. Das macht den Prozess messbarer und transparenter.

Bemerkenswert ist tatsächlich die hohe Akzeptanz: Die App ist intuitiv, spielerisch und motivierend gestaltet. Viele berichten, dass sie dadurch wieder das Gefühl bekommen, aktiv etwas gegen ihre kognitive Einschränkung tun zu können. Das gilt besonders für Post-COVID-Betroffene, die oft mit Frustration über ihre Leistungsfähigkeit kämpfen. Die digitale Lösung gibt ihnen ein Stück Selbstwirksamkeit zurück – und das ist therapeutisch von unschätzbarem Wert.

Herr Futorjanski, die eingangs erwähnte Versorgungslücke entsteht nach Angaben Ihres Unternehmens auch dadurch, dass in den vergangenen 15 Jahren eine Verdopplung der Ergotherapeuten und Neurotherapeuten einer Verfünffachung der Diagnosen von leichten kognitiven Störungen gegenübersteht. Inwiefern können DiGAs diese Lücke schließen und in welchen Fällen eignen sie sich vielleicht weniger?

Futorjanski: Heutzutage haben wir das Glück, eine bessere Gesundheitsversorgung zu genießen und länger zu leben. Mit den höheren Lebensjahren steigt auch signifikant das Risiko von erworbenen und neurodegenerativen kognitiven Beeinträchtigungen. Digitale Gesundheitsanwendungen können hier besonders mit wiederkehrenden neuropsychologisch orientierten Behandlungsansätzen und ausführlicher Psychoedukation unterstützen. Dadurch haben die Therapeuten und Ärzte mehr Zeit für komplexe Fälle und weitergehende Patientenbedürfnisse. Eine DiGA kann somit sehr gut bei übenden Verfahren helfen, jedoch nicht bei fortgeschrittenen psychiatrischen Indikationen und Zukunftsängsten.

Wie stellen Sie bei dem digitalen Ansatz sicher, dass Patienten eine adäquate Betreuung erhalten?

Futorjanski: Zunächst einmal lernt unsere App ständig dazu und passt sich den Nutzenden kontinuierlich an, damit die richtigen Bereiche trainiert und Verbesserungen erzielt werden können. Kognitives Training ist keine leichte Intervention, weil man an seiner Leistungsgrenze arbeitet und dadurch seine geistigen Fähigkeiten verbessert. Deswegen ist es umso wichtiger, einen kompetenten Ansprechpartner bei Fragen rund um die Inhalte und Techniken zu haben. Die Behandler können sich in der App die jeweiligen Hintergründe der Anpassungen anschauen und die Ergebnisse der Patienten nach Übung und Fähigkeit einsehen. Zudem steht den Teilnehmenden ein geschultes Team von Medizinprodukteberatern zur Seite.

Wie wichtig sind Aspekte wie die TÜV-Zulassung und DSGVO-Konformität für die Akzeptanz bei Ärzten und Patienten?

Futorjanski: Wir sehen, dass Datenschutz und Sicherheit eine entscheidende Rolle in der Kommunikation mit Ärzten spielen. Das Vertrauen in US-Dienstleister ist deutlich gesunken, daher ist es umso wichtiger, dass europäische Anbieter diese Rolle übernommen haben und die Patientendaten geschützt sind.

Sie führen bereits Studien zur Erweiterung des Einsatzes für weitere Patientengruppen durch. Welche Entwicklungen erwarten Sie für digitale Gesundheitsanwendungen im Bereich kognitives Training? Wo sehen Sie Potenziale für zusätzliche Indikationen oder Verbesserungen der Technologie?

Dr. Kupferschmitt: Wir stehen hier erst am Anfang einer spannenden Entwicklung. Schon jetzt sehen wir gute Ergebnisse bei leichten kognitiven Störungen, neurologischen Rehabilitation, Post-COVID und in der Prävention von Demenz. In Zukunft erwarte ich eine Ausweitung auf weitere Indikationen – etwa Depression, ADHS im Erwachsenenalter oder auch Fatigue-Syndrome nach onkologischen Erkrankungen.

Besonders großes Potenzial sehe ich in multimodalen Konzepten, bei denen kognitives Training mit psychotherapeutischen oder physiotherapeutischen Maßnahmen kombiniert wird. Digitale Anwendungen ermöglichen es, verschiedene Therapien ineinanderzugreifen und besser auf die individuellen Bedürfnisse abzustimmen.

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Ein weiterer wichtiger Schritt ist die stärkere Personalisierung. Mit Hilfe von KI können Trainingspläne künftig noch präziser an das kognitive Profil der Patientinnen und Patienten angepasst werden. Und nicht zuletzt brauchen wir mehr qualitativ hochwertige Studien mit Langzeitdaten, um den Nutzen dauerhaft abzusichern und die Integration in Leitlinien weiter zu stärken.

Futorjanski: Dem kann ich mich nur anschließen. Aktuell laufen acht klinische Studien mit unterschiedlichen Indikationen zur Erweiterung des Nutzens, den NeuroNation MED erbringen soll. Insbesondere sehen wir die Bereiche Rehabilitation und Prävention als besonders spannend an. Mit unseren Partnern in Australien konnten wir in diesen Bereich bereits einige Erfolge erzielen, die im Nature Medicine publiziert wurden. An diese Erfolge wollen wir anschließen.

In der Produktentwicklung gehen wir immer vom konkreten Patientennutzen aus. Wir sehen, dass metakognitives Training und krankheitsspezifische Patientenschulen sehr sinnvoll sein können. Ferner hat NeuroNation bereits Übungen mit AI KI im System, die wir konsequent für eine bessere Personalisierung erweitern werden.

Dr. Alexa Alica Kupferschmitt
ist promovierte Psychotherapeutin und Wissenschaftlerin an der Charité Berlin.

Bildquelle: Dr. Kupferschmitt



Jakob Futorjanski
ist Geschäftsführer der Synaptikon GmbH.

Bildquelle: Synaptikon GmbH

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