Künstliche Intelligenz könnte das medizinische Fachpersonal um viele administrative Aufgaben entlasten, muss aber gerade im Healthcare-Bereich besonderen Ansprüchen genügen. Zum Markteintritt des dänischen KI-Forschungsunternehmens Corti hat Healthcare Digital an dessen Chief Partnerships Officer, Florian Schwiecker, einige Fragen gerichtet.
Florian Schwieker, Chief Partnerships Officer, corti: „KI hat das Potenzial, Kosten im Gesundheitswesen zu senken und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, doch es reicht nicht, vage Versprechen abzugeben.“
(Bild: Rudi Schröder / Corti)
Healthcare Digital: Wie kann künstliche Intelligenz das medizinische Personal im Gesundheitswesen unterstützen, ohne dass die menschliche Interaktion und das Einfühlungsvermögen zu kurz kommen?
Florian Schwiecker: Angesichts der stetig steigenden Anforderungen und der zunehmenden Überlastung stehen viele Beschäftigte im Gesundheitswesen am Rande ihrer Belastbarkeit. In Deutschland arbeiten 71 Prozent der Ärzte und Pflegekräfte regelmäßig mehr als 48 Stunden pro Woche, und jährlich kehren bis zu 10.000 Ärzte ihrem Beruf den Rücken. Im Laufe ihrer Karriere führen Ärzte über 130.000 Konsultationen durch, wobei sie etwas mehr als ein Drittel ihrer Arbeitszeit für Verwaltungsaufgaben aufwenden. Gleichzeitig steigt der Bedarf an medizinischer Versorgung weiter an, da die Weltbevölkerung wächst. Bis 2030 wird daher ein weltweiter Mangel von rund zehn Millionen Fachkräften im Gesundheitswesen erwartet.
Es ist dringend notwendig, mehr Personal im Gesundheitswesen zu gewinnen – oder die vorhandenen Kräfte zu entlasten, damit mehr Zeit für die Arbeit mit Patienten bleibt. Genau hier kann künstliche Intelligenz (KI) eine entscheidende Rolle spielen, indem sie nicht menschliche Arbeitskraft ersetzt, sondern ergänzt. KI kann Routineaufgaben übernehmen und so den Beschäftigten mehr Freiraum für die zwischenmenschlichen Aspekte ihrer Arbeit schaffen: den Aufbau von Vertrauensverhältnissen und die direkte Interaktion mit Patienten. Der Zeitaufwand für Verwaltungsaufgaben lässt sich deutlich reduzieren, wie sich bei uns gezeigt hat, um bis zu 80 Prozent.
Doch der Mehrwert liegt nicht nur in der Automatisierung administrativer Tätigkeiten. Durch den Zugriff auf umfangreiches medizinisches Wissen und die Unterstützung bei Entscheidungen können KI-Tools Behandlungsfehler reduzieren und die Gesundheitsversorgung intelligenter und effizienter gestalten. Außerdem fördern sie den Wandel hin zu einem proaktiven, präventiven Behandlungsmodell, was das Potenzial hat, die Gesundheitssysteme zu entlasten und sie effizienter, wirksamer und patientenorientierter zu machen.
Healthcare Digital: Inwiefern kann KI den Verwaltungsaufwand im Gesundheitswesen reduzieren, und wie lässt sich sicherstellen, dass wichtige medizinische Informationen dabei nicht verloren gehen?
Schwiecker: Es ist wichtig zu verstehen, dass Menschen naturgemäß Fehler machen, und das gilt auch im Gesundheitswesen. Eine Studie der Mayo Clinic zur Zweitmeinung zeigte, dass in 88 Prozent der Fälle eine Diagnose geändert würde, wenn eine zweite Meinung eingeholt würde. Die Erweiterung ihrer Ressourcen durch Technologie – auch als Augmentation bezeichnet – bietet Ärzten unbegrenzte Möglichkeiten, Zweitmeinungen einzuholen. Wird eine KI auf Basis von Patienteninteraktionen trainiert, bedeutet ihre Unterstützung von Beginn an bessere Ergebnisse für die Patienten. Wenn die besten Empfehlungen für jeden Patienten automatisch und in Echtzeit bereitgestellt werden, werden bereits bei der ersten Interaktion präzisere medizinische Informationen verarbeitet, anstatt in der Hektik des Augenblicks übersehen zu werden.
Eine KI kann die Fehlerquote deutlich senken. Und das nicht nur in den Interaktionen mit Patienten, sondern auch bei weiteren Tätigkeiten. So sind zum Beispiel besonders komplexe Abläufe wie die medizinische Codierung häufig fehleranfällig, da die Interaktionen mit Patienten in standardisierte Codes für Abrechnung und klinische Dokumentation übersetzt werden müssen. Dies führt oft zu Verzögerungen, abgelehnten Ansprüchen und erheblichen finanziellen Verlusten für Gesundheitsdienstleister. Mit der Einführung von KI können Fachkräfte im Gesundheitswesen auf einen digitalen Assistenten zurückgreifen, der keinen Kaffee, keinen Schlaf und keine Pausen benötigt – und es ihnen ermöglicht, sich voll auf das Wesentliche zu konzentrieren: die bestmögliche Versorgung bei minimalem Risiko für die Patienten.
Healthcare Digital: Welche Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen müssen KI-Systeme im Gesundheitswesen erfüllen und wie schwierig ist es, entsprechende Audits und Zertifizierungen erfolgreich zu durchlaufen?
Schwiecker: Die europäischen Datenschutz- und Gesundheitsgesetze sind sehr streng und mitunter komplex. Als Anbieter muss man einerseits die hohen Datenschutz- und Sicherheitsstandards verstehen und sie andererseits auch erfolgreich umsetzen, vor allem in stark regulierten Märkten wie Deutschland. Der Weg zu den entsprechenden Zertifizierungen ist nicht einfach – es erfordert beträchtliche Investitionen in Sicherheitsinfrastruktur, regelmäßige Compliance-Prüfungen und ständige Anpassungen an internationale Datenschutzregelungen. Über die DSGVO-Konformität hinaus sind die C5-Zertifizierung in Deutschland und der ISAE-3000-Audit für DSGVO-bezogene Daten besonders wichtig.
Healthcare Digital: Was sind die größten Risiken und Herausforderungen beim Einsatz von KI im Gesundheitswesen, und wie können diese minimiert werden, um Fehler und ethische Konflikte zu vermeiden?
Schwiecker: Als der Kryptowährungsboom auf seinem Höhepunkt war, versprachen viele Branchenführer Vertrauen, Transparenz und eine gerechtere Gesellschaft. Doch viele dieser Versprechen wurden nicht gehalten, was zu einem großen Vertrauensverlust führte. Nun, da die KI ihren eigenen Höhenflug erlebt, hören wir ähnliche Schlagworte – Ethik, Transparenz und Verantwortung.
Es ist jetzt wichtiger denn je, sich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: Vertrauen. KI hat das Potenzial, Kosten im Gesundheitswesen zu senken und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, doch es reicht nicht, vage Versprechen abzugeben. Es gilt, klare und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um das Vertrauen in so kritischen Bereichen wie dem Gesundheitswesen sicherzustellen. Während allgemeine KI-Modelle wie ChatGPT die Schlagzeilen beherrschen, braucht die Gesundheitsbranche etwas viel präziseres, zuverlässigeres und speziell auf die Komplexität der Medizin abgestimmtes.
Stand: 08.12.2025
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Eine vertrauenswürdige KI basiert auf Datensätzen, die speziell für das Gesundheitswesen entwickelt wurden, und auf einer Sicherheitsinfrastruktur, die weit über das hinausgeht, was bei generellen Konsumentenmodellen üblich ist. Niemand würde ChatGPT das Fahren eines Autos anvertrauen – ebenso wenig sollte man es für sensible Aufgaben wie die sichere Patientendokumentation einsetzen. In lebenswichtigen Bereichen wie der Medizin ist höchste Präzision und eine minimale Fehlerrate entscheidend.
In der heutigen, schnelllebigen regulatorischen Welt wird eine KI, die genau auf die spezifischen Bedürfnisse des Gesundheitswesens zugeschnitten ist, am besten in der Lage sein, die komplexen Anforderungen an Cybersicherheit und Vorschriften zu erfüllen. Ohne klare Richtlinien besteht die Gefahr, dass Innovation schneller voranschreitet, als die Gesellschaft bereit ist, sie zu akzeptieren. Führungskräfte im Gesundheitswesen haben die Möglichkeit, durch die Zusammenarbeit mit erfahrenen KI-Unternehmen, die sich mit strengen regulatorischen Anforderungen auskennen, das Potenzial dieser Technologien zu erschließen – und gleichzeitig das Vertrauen der Öffentlichkeit zu bewahren. Denn wenn die Menschen Vertrauen haben, sind sie eher bereit, Neues auszuprobieren. Und es gab nie einen wichtigeren Moment, um neue Lösungen im Gesundheitswesen zu testen, als jetzt.
Healthcare Digital: Welche Erfahrungen hat Corti bei der Implementierung von KI-Lösungen in Krankenhäusern und Kliniken sammeln können? Welche Vorteile und Hürden sind dabei aufgetreten?
Schwiecker: In Deutschland konnten wir über strategische Partnerschaften mit AlsterText, 4voice, Grundig Business Systems und dem IT-Start-up Kumi Health durchaus schnell Fuß fassen. Zusammen planen wir mit diesen Partnern in den nächsten zwölf Monaten Corti bundesweit an über 60.000 Mitarbeiter im Gesundheitswesen zu vertreiben. Eines der ersten Krankenhäuser, das die Plattform eingeführt hat, ist das Eichsfeld Klinikum in Thüringen – mit vielversprechenden ersten Ergebnissen. International unterstützen wir Gesundheitssysteme von Skandinavien bis hin zu den USA, und automatisieren dort Aufgaben wie Notizen, Protokollierung, Kodierung, Eingabeaufforderungen und Qualitätssicherung bei Patienteninteraktionen.
Trotz des zunehmenden Interesses – fast drei Viertel der Führungskräfte im Gesundheitswesen erwarten, dass KI klinische und administrative Arbeitsabläufe optimieren wird – gibt es weiterhin Zurückhaltung. Diese Skepsis beruht auf Bedenken hinsichtlich der Transparenz, der Zuverlässigkeit und der Angst vor kritischen Fehlern durch KI. Corti begegnet diesen Sorgen, indem es Transparenz und Erklärbarkeit in den Mittelpunkt stellt und sich damit deutlich von undurchsichtigen „Black-Box“-Modellen wie GPT-4 abhebt.
Healthcare Digital: Viele Kliniken und Praxen sind oft nicht ausreichend digitalisiert. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit KI-Systeme erfolgreich implementiert werden können, und welche Hürden sehen Sie in der breiten Einführung?
Schwiecker: Gesundheitssysteme sind unglaublich vielfältig und unterscheiden sich stark in ihrem Digitalisierungsgrad, ihren Spezialisierungen und ihrer Infrastruktur. Diese Komplexität bedeutet, dass es keine pauschale Lösung für die Implementierung von KI gibt. Hochgradig anpassbare APIs helfen bei der nahtlosen Integration in bestehende Gesundheitsplattformen.
Der Schlüssel zu einer erfolgreichen KI-Integration in Kliniken und Praxen liegt jedoch in einigen wichtigen Voraussetzungen. Erstens ist ein grundlegender Digitalisierungsgrad notwendig, wie etwa elektronische Gesundheitsakten (EHR) und die Einhaltung von Interoperabilitätsstandards wie FHIR. Ohne diese Basis können KI-Systeme ihr volles Potenzial nur schwer ausschöpfen. Für Einrichtungen mit geringerer digitaler Infrastruktur oder kleineren Anforderungen existieren jedoch auch einfache, sofort einsatzbereite Lösungen, mit denen Gesundheitsdienstleister schnell erste Erfahrungen mit KI sammeln und diese skalieren können, ohne ihre bestehenden Systeme grundlegend verändern zu müssen.