Telekonsile für Hausärzte, die nachweislich Mehrwert bringen, eine digitale Pflegeassistenz, Finanzierungshürden und Hoffnung auf den Transformationsfonds – beim zweiten Telemedizin Kongress Nord zeigte sich erneut das Potenzial von Telemedizin und digital vernetzter Versorgung, aber auch, wie steinig der Weg in die Regelversorgung noch immer ist.
Moderatorin Prof. Dr. Neeltje van den Berg, Universitätsmedizin Greifswald, und Sarah Heimbuch, Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald (v. l.)
Am 5. Februar fand zum zweiten Mal der (virtuelle) Telemedizin Kongress Nord statt, organisiert von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) in Kooperation mit dem ZTG. In diesem Jahr richtete sich der Blick auf die Flächenländer – es wurden Leuchtturmprojekte aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein vorgestellt.
Prof. Dr. Felix von Podewils, Geschäftsführender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald, gab einen Überblick über vier Telemedizinprojekte in der Neurologie und ging dabei insbesondere auf die Ergebnisse des Projekts NeTKoH (Neurologisches Telekonsil mit Hausärzten) ein. In diesem Projekt konnten Hausarztpraxen neurologische Fachärzte zur Beratung hinzuziehen. Der Erfolg zeigte sich in einer Vergleichsstudie. Mit Hilfe der Telekonsile konnten 52 Prozent der Fälle in der Hausarztpraxis gelöst werden – gegenüber 43 in der Vergleichsgruppe ohne Konsil.
Bessere Versorgung für Kinder und Jugendliche
Sind die Wege zu neurologischer Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern weit, so gilt das für den Unterbereich der Neuropädiatrie umso mehr: In dem am dünnsten besiedelten Bundesland gibt es beispielsweise nur eine einzige Epilepsieambulanz für Kinder und Jugendliche – in Greifswald. Im Rahmen des Regionalen Telepädiatrischen Netzwerkes wurden daher telemedizinische spezialfachärztliche Konsultationen in der Neuropädiatrie erprobt. Die Konsultationen erfolgten per Videotelefonie inklusive einer Datenübermittlung und wurden von beiden Seiten in einer digitalen Fallakte dokumentiert, erläuterte Sarah Heimbuch vom Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald. Der anschließende Vergleich mit Fallbewertungen durch unbeteiligte Ärzte – unter der Annahme, dass keine neuropädiatrische Expertise verfügbar ist – zeigte den Vorteil des neuen Verfahrens: 76 Prozent Weiterbehandlung vor Ort nach der Fachkonsultation gegenüber 41 Prozent ohne die Tele-Konsultation.
Kinder und Jugendliche und deren Familien standen auch im Fokus des Projekts KULT-SH – (Kinderonkologische Untersuchung durch Leistungsfähige Telemedizin in Schleswig-Holstein). Telemedizin kam hier zum Einsatz, um die Anzahl der langen, belastenden Fahrten für Kinder in der Intensivphase einer Krebstherapie zu reduzieren. Über die Ergebnisse sprachen Prof. Dr. Dr. Fabian-Simon Frielitz, Professor für Telemedizin, Digitalisierung und Ökonomie in der Medizin an der Universitätskinderklinik Magdeburg, und Prof. Dr. Denis Schewe, Leiter der Klinik für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie am Universitätsklinikum Dresden.
In einem weiteren Projekt aus Schleswig-Holstein (Telemedizinische Lungenfunktions-App mit Vernetzung – TeLAV) wurde erprobt, wie Patienten mit einer Lungenfunktionseinschränkung durch Telemonitoring ambulant im häuslichen Umfeld versorgt werden können. Dr. Hendrik Schönbohm, hausärztlicher Vorstandsvorsitzender der Medizinischen Qualitätsgemeinschaft Rendsburg eG, und Uta Clausen, pneumologische Assistentin im Projekt, berichteten von positiven Ergebnissen, sahen aber auch Verbesserungspotenzial, speziell im technischen Support und bei der Einweisung.
Die digitale Pflegeassistenz
Das dritte Fallbeispiel aus dem nördlichsten Bundesland kam aus dem Bereich Pflege: Mit einer Pflegeplattform will die HowRyou GmbH gleich drei Ziele erreichen – Sicherheit geben, Einsamkeit nehmen, Zufriedenheit schaffen. Geschäftsführer Frederik C. Denis stellte die Lösung vor. Das modulare Konzept integriert verschiedene Sensoren, IoT-Geräte, Videokonferenztechnik und eine Kamera – die auf einen Fernseher aufgesetzt wird. Was im ersten Moment nach „Big Brother“ klingen mag, ist pragmatisch begründet: Die pflegebedürftigen Menschen kämen mit Tablets oft nicht gut zurecht, Betreuende könnten sich im Notfall zuschalten, und seitens der Patienten genüge ein Knopfdruck, um eine bidirektionale Verbindung herzustellen.
Nochmals anders und breiter angelegt ist der Ansatz in Ostfriesland. Hier haben sich die verschiedenen Akteure im Verein „Gesundes Ostfriesland“ zusammengeschlossen. Über die Arbeit der ersten eineinhalb Jahre und die weiteren Pläne sprach der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins, Dr. Philipp Walther, Professor für Gesundheitsmanagement, Südbrookmerland.
Stand: 08.12.2025
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Während die Projekte und vor allem die Menschen, die sie umsetzen, durch Engagement und Offenheit überzeugten, wurde sowohl bei den Präsentationen als auch in der anschließenden Paneldiskussion deutlich, wo die Hürden für den flächendeckenden Einsatz der Telemedizin liegen. Es sind vor allem drei Punkte:
Mangelnde Abrechnungsmöglichkeiten kamen in mehreren Projekt-Vorstellungen zur Sprache, etwa beim Projekt KULT-SH. Es gebe politisch noch viel zu ändern, damit telemedizinische Expertise nicht nur angeboten und genutzt, sondern von den Netzwerkpartnern auch abgerechnet werden könne, hatte Prof. Gernot Marx, der Vorstandsvorsitzender der DGTelemed, bereits in seinem Grußwort angemahnt.
Kostendruck: Die Finanzierung war ein Thema bei der Paneldiskussion, an der neben Dr. Philipp Walther und Frederik C. Denis auch zwei Vertreter der Landesministerien teilnahmen.Kostenträger würden die Notwendigkeit der Projekte oft nicht erkennen, Projekte aufgrund des hohen Kostendrucks bei den Krankenkassen zum Teil wieder abgewickelt, sagte Christian Nestler, Leiter des Referats Zukunftsorientierte Gesundheitsversorgung im Gesundheitsministerium von Mecklenburg-Vorpommern. Es läuft aber derzeit auch eine Machbarkeitsstudie für ein telemedizinisches Zentrum und ein telemedizinisches Netzwerk in MV, hier schaue man auf den Transformationsfonds.
Von zähen Verhandlungen mit den Krankenkassen berichtete auch Dominik Völk, Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung im Ministerium für Justiz und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein.
Steuerung und Koordination: Dr. Philipp Walther sprach von einem „Planungs- und Steuerungsvakuum vor Ort“; Prof. von Podewils sieht ein großes Problem darin, dass „eine Person oder Institution fehlt, die Einzelprojekte koordiniert, verknüpft und, wenn es sinnvoll ist, diese Projekte weiterentwickelt, transferiert auf andere Regionen, auf andere Indikationen.“ Auch beim Innovationsfonds sei kein Konzept erkennbar, wie mit den vielen Einzelprojekten umzugehen sei.
Die Aufzeichnung zum Telemedizin Kongress Nord 2025 finden Sie auf der Website der DGTelemed.