Entlastung statt Dauerstress Was KI schon heute für die Pflege leisten kann

Ein Gastbeitrag von Martin Lichtenberger 3 min Lesedauer

Komplizierte Dienstplanung, zunehmende Belastung, mehr pflegebedürftige Menschen: Der Fachkräftemangel bringt viele Pflegeinrichtungen an den Rand ihrer Belastbarkeit. Abhilfe versprechen Tool-gestützte Skill-Grade-Mix-Modelle.

Pflegekräfte werden idealerweise gezielt dort eingesetzt, wo ihre jeweiligen Kompetenzen liegen.(Bild: ©  Robert Kneschke - stock.adobe.com)
Pflegekräfte werden idealerweise gezielt dort eingesetzt, wo ihre jeweiligen Kompetenzen liegen.
(Bild: © Robert Kneschke - stock.adobe.com)

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2049 um fast 700.000 steigen – bei gleichzeitig fehlenden zehntausenden Fachkräften. Diese Schere gefährdet die Versorgungsqualität und macht deutlich: Ohne strukturelle und digitale Entlastung wird es in Zukunft kaum gehen. Ein Ausweg zeichnet sich überall dort ab, wo Personalplanung nicht mehr als administratives Übel, sondern als strategische Aufgabe angesehen werden kann.

Die Kombination aus datenbasierter Personaleinsatzplanung und Kompetenzorientierung verändert die Sicht auf Ressourcen: Im Mittelpunkt steht nicht mehr die einzelne Schicht, sondern die langfristige Balance von Aufgaben, Qualifikationen und Auslastung. Zentral ist dabei das sogenannte Skill-Grade-Mix-Modell (SGM). Es differenziert Aufgaben nach Qualifikation und ermöglicht so eine faire und zielgerichtete Verteilung im Team. Pflegekräfte werden gezielt dort eingesetzt, wo ihre spezifischen Kompetenzen gebraucht werden, während Hilfs-, Service- oder Betreuungskräfte klar umrissene Unterstützungsaufgaben übernehmen.

Digitale Tools bilden das Fundament moderner Personalplanung: Sie erfassen Qualifikationen, Verfügbarkeiten und Fehlzeiten, erkennen Muster in den Daten und ermöglichen so zuverlässige, vorausschauende Entscheidungen. Was früher als kurzfristiges Reagieren auf Personallücken galt, wird durch datenbasierte Planung zu einem proaktiven Prozess mit stabilen Abläufen, weniger Ausfällen und mehr Zeit für den eigentlichen Pflegeauftrag.

Mehr Struktur, weniger Stress

Ein anschauliches Beispiel für diese Transformation bietet das Pflegeheim Birkenwiese in Dornbirn, Österreich. Dort wird das Skill-Grade-Mix-Modell seit einiger Zeit umgesetzt, unterstützt durch digitale Monitoring- und Planungssysteme.

Früher waren die Morgenschichten oft von Überforderung geprägt: Pflegekräfte mussten gleichzeitig Betten richten, Getränke verteilen und administrative Aufgaben erledigen, was häufig zu Kommunikationsproblemen und Stress führte. Heute werden Tätigkeiten systematisch nach Qualifikationen verteilt. Hauswirtschafts- und Servicekräfte übernehmen zum Beispiel das Herrichten der Zimmer und die Versorgung mit Getränken, während Pflegefachkräfte sich auf ihre medizinischen und betreuenden Kernaufgaben konzentrieren.

Dieses klare Rollenverständnis, unterstützt durch digitale Tätigkeitsprofile, führt zu ruhigerem Ablauf, mehr Übersicht und einer spürbaren Entlastung im Team. Die Wohnbereichsleitungen bestätigen, dass Dienstpläne trotz kurzfristiger Anpassungen stabil bleiben und Engpässe früh erkannt werden können.

Das hilft vor allem auch in Stoßzeiten oder bei Krankheitsausfällen: Die KI-gestützte Software unterstützt mit Szenarien-Planung und Prioritäten passend zur aktuell verfügbaren Kompetenzstruktur zu setzen. Die KI ist dabei kein Dienstplan-Autopilot, sondern ein intelligentes Entscheidungstool für Führungskräfte. Ein digitales Steuerungscockpit macht sichtbar, wie Veränderungen einzelne Berufsgruppen betreffen und ermöglicht flexible Reaktionen.

Diese Erfahrungen lassen sich auch auf deutsche Pflegeheime übertragen – vorausgesetzt, die Einführung erfolgt strukturiert: Aufgabenverteilung analysieren, Mitarbeitende schulen, digitale Planung implementieren. Im Fokus stehen die Weiterbildung der Führungskräfte für datengestützte Organisationsentwicklung und die Begleitung durch Partner, zum Beispiel nach dem Vorbild der Hotellerie im Service.

Szenariobasierte Planung zeigt, welche Tätigkeiten flexibel übertragen werden können und wie Betreuung auch bei Spitzenzeiten stabil bleibt. Das stärkt Pflegequalität und Motivation.

Mehr Stabilität durch kluge Planung

Die Einführung des Skill-Grade-Mix in Kombination mit KI-gestützten Tools zeigt Wirkung: Pflegekräfte gewinnen Zeit für ihre Kernaufgaben, Hauswirtschaft und Service werden systematisch eingebunden, und die Leitung kann Ressourcen gezielt steuern. Die Ergebnisse zeigen höhere Zufriedenheit, stabilere Dienstpläne und eine spürbare Verbesserung der Pflegequalität.

Die Erfahrungen aus Dornbirn bieten wertvolle Impulse: Wer kompetenzbasiert plant und digitale Daten intelligent nutzt, kann den Pflegealltag nachhaltig entlasten und die Versorgung der Bewohner verbessern. So wird Pflege menschlicher, planbarer und langfristig sicherer.

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Der Autor
Martin Lichtenberger ist Co-Gründer und Geschäftsführer von DaphOS. Das europäische HealthTech-Unternehmen mit Sitz in Österreich entwickelt KI-gestützte Plattformlösungen zur strategischen Versorgungs- und Personalplanung im Gesundheits- und Sozialwesen. Ziel von DaphOS ist es, Planung intelligenter, Versorgung verlässlicher und Pflege menschlicher zu machen.

Bildquelle: DaphOS

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