2025 war ein entscheidendes Jahr für die Gesundheitsversorgung. Erstmals ist die Telematikinfrastruktur nahezu flächendeckend verfügbar. Noch nie waren die Voraussetzungen so günstig wie heute, dass digitale Lösungen die Medizin zum Positiven verändern. Dr. Philip Groth erklärt, wie sich diese Chance 2026 nutzen lässt.
2026 muss das Jahr werden, in dem die Digitalisierung des Gesundheitswesens erstmals wirklich im Alltag ankommt, meint Gastautor Dr. Philip Groth.
Seit der bundesweite Rollout der elektronischen Patientenakte (ePA) am 29. April 2025 für alle gesetzlich Versicherten begonnen hat, nutzen immer mehr Praxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen die Telematikinfrastruktur (TI). Sie tauschen Dokumente sicher aus, vereinfachen Prozesse, die Kommunikation zwischen allen Beteiligten beschleunigt und verbessert sich.
Wie sehr eine funktionierende TI entlastet, erzählt Cornelia Thron, Vorstand der Caritas Kronach: „Mit dem TI‑Messenger kann ich Rückfragen zu Medikationen oder Laborwerten direkt mit Ärzten und Kliniken klären. Arztbriefe und aktuelle Daten zu unseren Bewohnerinnen und Bewohnern stehen sofort zur Verfügung. Das spart Zeit, reduziert Fehler und sorgt dafür, dass wir uns auf die Pflege konzentrieren können – genau dort, wo wir gebraucht werden.” Ihr zufolge war die Anbindung an die Telematikinfrastruktur anfangs zwar schwierig. Die Hardware war veraltet, die Vorgaben nicht immer klar, es gab zu wenig IT‑Ressourcen. Aber „sobald alles stabil lief, merkten wir sofort eine Entlastung im Alltag”.
Natürlich bleibt einiges zu tun. Die Klagen über eine nur unzuverlässig funktionierende ePA sind nicht zu überhören. Zudem ist der Zugriff auf die TI-Anwendungen noch nicht so nutzerfreundlich wie er sein sollte. Fehlende Schnittstellen zwischen KIS- und PVS-Systemen bremsen die digitale Nutzung. Aber die Ausgangslage für die nächsten Schritte ist besser denn je.
Mobiler Zugang
Ein gutes Beispiel dafür ist der mobile Zugang zu ePA und Co. Noch führt der Weg häufig über ein stationäres Kartenterminal. Sei es nun medizinisches Personal in der Klinik oder in Pflegeeinrichtungen – es kann zwar prinzipiell auf Medikationspläne, Diagnosen oder ePA-Daten zugreifen, aber meist nicht dort, wo sie diese Informationen wirklich benötigen: am Krankenbett, im Bewohnerzimmer, im Dienstwagen oder im ambulanten Einsatz.
Wie wichtig praxistaugliche Einbettung ist, betont Nele Stock, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei FINSOZ e.V. „Für mich ist die größte Hürde bei der Telematikinfrastruktur nicht die Technik, sondern wie sie in den Pflegealltag integriert wird. Mobile Geräte und digitale, interoperable Schnittstellen helfen nur, wenn sie bedarfsgerecht in die täglichen Abläufe eingebettet sind.”
Länder wie Österreich demonstrieren, wie es praxisnäher geht. Dort wurde mit Healix eine sektorenübergreifende TI-Anbindung geschaffen, die auch mobile Lösungen beinhaltet. Deutschland holt aber auch hier auf: Der Schritt dorthin heißt Proof of Patient Presence (PoPP). Der neue regulatorische Rahmen ermöglicht erstmals die mobile Nutzung der TI – und ersetzt das bislang störanfällige Identifikationsverfahren über die elektronische Gesundheitskarte. In Verbindung mit dem TI‑Messenger (TIM) kann die TI dadurch ihr volles Potenzial entfalten: Medizinisches Personal kann Medikationspläne, Diagnosen und Arztbriefe direkt am Point‑of‑Care einsehen, Rückfragen in Echtzeit klären und Informationen automatisch in strukturierte Dokumente oder die ePA zurückführen.
Den Nutzen erläutert FINSOZ-Expertin Stock: „Mit dem TI‑Messenger kann ich Nachrichten, Medikationspläne oder Übergaben direkt zwischen Leistungserbringern und Angehörigen austauschen – ohne Umwege über Fax oder private Apps. Das erleichtert unsere Arbeit spürbar und macht die Kommunikation sicherer und schneller. Ich sehe, dass Initiativen wie das Kompetenzcluster ‚Innovative Pflege‘ zeigen, wie Praxisnähe und digitale Werkzeuge zusammen echte Entlastung schaffen.”
Um die gute Ausgangslage nutzen zu können, ist Planungssicherheit essenziell. Wiederholte Verschiebungen – wie einst beim E‑Rezept – würden den Fortschritt verzögern. So ist noch im November letzten Jahres die TI-Anbindungspflicht von rund 100.000 Heil- und Hilfsmittelerbringenden kurz vor knapp um 18 Monate auf den 1. Oktober 2027 verschoben worden, und das, obwohl bereits 15 Prozent dieser Gruppe an die TI angeschlossen sind. Auf diesem Pfad bleibt die Nutzerfreundlichkeit der TI hinter ihren Möglichkeiten zurück, Fax, Zettel und Stift bleiben Teil des Handwerks und somit ist die Entlastung des medizinischen Personals ein Versprechen an eine entfernte Zukunft.
Fazit
Gerade deshalb muss bereits 2026 zu einem Jahr werden, in dem Digitalisierung des Gesundheitswesens erstmals wirklich im Alltag ankommt. Faxgeräte und private Messenger‑Apps verlieren ihre Bedeutung. Gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten: KI‑gestützte Dokumentation, automatische Erinnerungen für Medikationspläne oder digitale Checklisten für Übergaben und Entlassungen können wiederkehrende Aufgaben reduzieren.
Stand: 08.12.2025
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Die sektorenübergreifende Vernetzung zwischen Pflege, Klinik und ambulanten Diensten wird Realität. Wer die TI – vom ePA‑Zugriff bis zum Messenger – konsequent nutzt, kann den digitalen Mehrwert realisieren, auf den Gesundheitseinrichtungen seit Jahren warten: mehr Zeit für die Patienten, höhere Sicherheit und eine spürbare Entlastung im Alltag.
Der Autor Dr. Philip Groth ist Geschäftsführer der Cherry Digital Health GmbH.