Telemedizin kann einen wichtigen Beitrag zur Versorgungsgerechtigkeit leisten – dazu müssen die Anwendungen aber unter den realen, oft sehr unterschiedlichen technischen Bedingungen nutzbar und vor allem barrierefrei sein. Unsere Gastautorin beschreibt, wie Crowdtesting dabei helfen kann, die Praxistauglichkeit telemedizinischer Lösungen zu prüfen und zu verbessern.
Telemedizinplattformen sollten nicht nur intuitiv nutzbar sein, sondern auch Anforderungen wie kontrastreiche Gestaltung, alternative Texte, einfache Sprache und Screenreader-Kompatibilität berücksichtigen.
Telemedizin hat sich in den letzten Jahren von einem Nischenthema zu einem zentralen Bestandteil moderner Gesundheitsversorgung entwickelt und ist inzwischen auch im Digital-Gesetz (DigiG) des Bundes verankert. Während die COVID-19-Pandemie den Einsatz digitaler Sprechstunden beschleunigte, zeigte sich gleichzeitig: Qualität und Benutzerfreundlichkeit entscheiden über die Akzeptanz. Hier setzt Crowdtesting als wirkungsvolles Instrument an, um telemedizinische Anwendungen vor dem Rollout unter realen Bedingungen zu erproben und kontinuierlich zu verbessern.
Ein zentraler Vorteil des Crowdtestings liegt in seiner Realitätsnähe. Anstatt ausschließlich in kontrollierten Laborumgebungen zu testen, erproben reale Nutzer die Anwendungen auf unterschiedlichen Geräten, Betriebssystemen und unter variablen Netzwerkbedingungen – vom Highspeed-Glasfaseranschluss bis zur instabilen Mobilfunkverbindung auf dem Land. Diese Vielfalt deckt nicht nur technische Fehler, sondern auch Usability-Hürden auf, die im Praxisalltag kritisch sein können. Gerade in der Telemedizin, in der Nutzergruppen sehr heterogen sind, ist diese Perspektivenvielfalt ein entscheidender Mehrwert.
Barrierefreiheit – Bestandteil der digitalen Gesundheitsversorgung
Für gesetzliche Krankenkassen ist die Barrierefreiheit schon länger verpflichtend, etwa durch Vorgaben aus dem SGB V und der BITV. Seit Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) am 25.06.2025 erhält das Thema jedoch zusätzlichen regulatorischen Rückenwind, da Anbieter digitaler Gesundheitsdienste ihre Lösungen so gestalten müssen, dass sie auch von Menschen mit Behinderungen uneingeschränkt genutzt werden können.
Für Telemedizinplattformen bedeutet dies, dass kontrastreiche Gestaltung, alternative Texte, einfache Sprache, Screenreader-Kompatibilität und intuitive Navigation nicht nur aus ethischer Sicht, sondern auch aus rechtlicher Notwendigkeit fest in den Entwicklungsprozess integriert werden müssen.
Crowdtesting mit inklusiven Nutzergruppen ist ein wirksames Mittel, um diese Vorgaben frühzeitig zu überprüfen und Anpassungen vorzunehmen, bevor Lösungen in den flächendeckenden Einsatz gehen. Wenn Tester mit Sehbehinderungen, Hörbeeinträchtigungen oder motorischen Einschränkungen telemedizinische Anwendungen prüfen, lassen sich Barrieren identifizieren, die bei herkömmlichen Tests oft unentdeckt bleiben.
Beispiele aus der Praxis:
Bei einer Videosprechstunden-Plattform meldeten blinde Tester Screenreader-Probleme – Alternativtexte wurden ergänzt.
In einer Telemonitoring-Lösung wiesen ländliche Nutzer auf Verbindungsabbrüche hin – die Datenübertragung wurde optimiert.
Diese Beispiele zeigen: Inklusive Testing-Crowds erfüllen nicht nur gesetzliche Anforderungen, sondern erhöhen die Benutzerfreundlichkeit für alle. Durch parallele Tests mit vielen Personen kann Feedback in kurzer Zeit gesammelt und in die Produktoptimierung integriert werden. Fehler, die in einer frühen Phase erkannt werden, lassen sich mit deutlich geringerem Aufwand beheben – was nicht nur Zeit, sondern auch Kosten spart.
Für gesetzliche Krankenkassen oder Privatversicherer können gezielte Umfragen in der Crowd wertvolles Nutzerfeedback liefern, etwa zu Herausforderungen beim Einsatz von Telemedizin. In Design-Thinking-Workshops lässt sich dieses Feedback aufnehmen und kontinuierlich weiterentwickeln.
Ein weiterer Vorteil liegt in der professionellen Testkoordination. Da Feedback aus heterogenen Gruppen unterschiedlich detailliert ausfallen kann, übernehmen Crowdtesting-Anbieter die Rolle eines Testmanagers: Sie definieren strukturierte Testfälle, stellen gezielte Rückfragen, analysieren und konsolidieren die Ergebnisse und liefern so klare, umsetzbare Handlungsempfehlungen. Auf diese Weise werden auch schwer reproduzierbare Fehler, die nur unter bestimmten Konfigurationen auftreten, systematisch erfasst.
Neben Zeit- und Kostenvorteilen trägt Crowdtesting auch zur Risikominimierung bei. Durch frühe Fehlererkennung sinken die Aufwände für Nachbesserungen erheblich, und Krankenkassen sowie Leistungserbringer vermeiden teure Regressfälle oder Imageschäden. Gleichzeitig stärkt die höhere Nutzerakzeptanz die Wirtschaftlichkeit von Telemedizinprojekten langfristig.
Datenschutz und Regulierung
Crowdtesting bringt im Umgang mit Gesundheitsdaten besondere Herausforderungen mit sich. Diese zählen zu den sensibelsten personenbezogenen Informationen und unterliegen strengen Datenschutzauflagen. Testverfahren müssen so gestaltet sein, dass keine echten Patientendaten genutzt werden. Stattdessen bieten sich synthetische Testdaten, konsequente Anonymisierung und klar geregelte Zugriffsrechte an.
Stand: 08.12.2025
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Zudem sind manche telemedizinischen Anwendungen Medizinprodukte und unterliegen der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR). Testumgebungen müssen daher nicht nur sicher, sondern auch regulatorisch konform sein.
Mit Crowdtesting Telemedizin zukunftsfähig machen
Telemedizin ist ein Schlüssel für eine moderne und effiziente Gesundheitsversorgung. Die Potenziale sind enorm – doch die breite Implementierung bringt Herausforderungen mit sich. IT-Entscheider und Gesundheitsorganisationen sollten jetzt handeln:
robuste und sichere technische Infrastrukturen schaffen
Datenschutz konsequent priorisieren
Personal und Patienten aktiv einbinden
Lösungen von Anfang an barrierefrei gestalten.
Crowdtesting ist dabei ein zentrales Werkzeug, um die Qualität und Nutzerfreundlichkeit telemedizinischer Lösungen nachhaltig zu sichern und somit das Vertrauen in diese neuen Versorgungsformen zu stärken. Nur so kann die Telemedizin ihr volles Potenzial entfalten und eine gleichberechtigte und zukunftssichere Gesundheitsversorgung für alle gewährleisten.
Susanne Artelt ist Principal Business Consultant bei msg mit langjähriger Erfahrung in App- und Web-Projekten mit Schwerpunkt auf UX/UI und Barrierefreiheit im GKV-Umfeld.