Gesundheit ohne Grenzen Der Weg zur vollständig zugänglichen digitalen Medizin

Ein Gastbeitrag von Ben Cyprian Sindram Müller 6 min Lesedauer

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Die digitale Revolution im Gesundheitswesen bricht Barrieren ab und revolutioniert durch inklusives Design und fortschrittliche Technologien die Zugänglichkeit medizinischer Versorgung für alle.

Barrierefreiheit ist nicht nur in der analogen Welt entscheidend, sondern auch in der digitalen.(Bild:  Andrii – stock.adobe.com)
Barrierefreiheit ist nicht nur in der analogen Welt entscheidend, sondern auch in der digitalen.
(Bild: Andrii – stock.adobe.com)

Die digitale Transformation im Gesundheitswesen ist längst nicht nur eine ferne Vision, sondern wird immer mehr zur gelebten Realität. Diese Entwicklung verspricht, die medizinische Betreuung grundlegend zu verändern – von der Möglichkeit der Ferndiagnose bis hin zu individuell zugeschnittenen Behandlungsplänen. Die Digitalisierung ist dabei der entscheidende Katalysator, um digitale Angebote für jeden zugänglich zu machen. Dabei hängt der wahre Durchbruch entscheidend von ihrer Zugänglichkeit ab. 1,3 Milliarden bzw. 16,25 Prozent der Menschen weltweit leben, laut Weltgesundheitsorganisation, mit Behinderungen – das ist jede sechste Person. Diese Zahl zeigt, dass die Implementierung von Inklusion und Accessibility nicht optional, sondern ein grundlegender Baustein für den Erfolg der Digitalisierung in der Gesundheitsbranche ist.

Design für alle: Wie Vielfalt Innovationen antreibt

Die Anerkennung von inklusivem Design als strategische Ressource verdeutlicht, dass es weit über eine moralische Verpflichtung hinausgeht, sich mit einer Spezialisierung auf eine bestimmte Zielgruppe zu fokussieren. Einerseits sind Unternehmen, die sich an die breite Öffentlichkeit richten, gezwungen, ihre Nutzererfahrung (UX) auf Inklusion und Accessibility zu stützen, um eine universelle Zugänglichkeit sicherzustellen. Das öffnet ihnen Türen zu bislang übersehenen Zielgruppen. Andererseits kann ein zusätzlicher Fokus auf Inklusion und Accessibility im privaten Sektor als unfairer Vorteil gegenüber dem Wettbewerb gesehen werden, da sie theoretisch einen höheren Prozentsatz der Bevölkerung erreichen können. Dann wiederum kann der Inklusions-Fokus auch eine große Chance für Unternehmen sein, die sich ausschließlich auf Menschen mit speziellen Bedürfnissen konzentrieren. Indem Accessibility und Inklusion von Anfang an integriert werden, sei es durch universelles Design oder spezialisierte Lösungen, werden diese Grundprinzipien fest im Herzen der Produktentwicklung verankert und als Grundpfeiler zukunftsweisender Innovationen etabliert.

Am Scheideweg: Herausforderungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen steht an einem entscheidenden Punkt. Trotz der offensichtlichen Vorteile, die digitale Lösungen bieten können, von verbesserter Datenverwaltung bis hin zur Personalisierung der Patientenversorgung, stößt die Implementierung auf erhebliche Hindernisse. Innovationen kommen oft nur schleppend voran, was teilweise auf tief verwurzelte Bedenken hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit zurückzuführen ist. Hinzu kommt, dass weder Patienten noch medizinisches Fachpersonal vollständig für den digitalen Wandel gerüstet sind. Insbesondere in Deutschland bremsen bürokratische Schranken und eine gewisse Skepsis gegenüber neuen digitalen Wegen die Fortschritte zusätzlich. Bei der Entwicklung digitaler Gesundheitsprodukte stehen oft Finanzierungsfragen im Vordergrund, wobei die Finanzierung und Akkreditierung über das DiGA-System machbar, aber sperrig ist. Die direkte Bezahlung durch Nutzerinnen und Nutzer ist oft zu teuer für den Großteil der Bevölkerung, was die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft im Gesundheitsbereich erhöht.

Eine weitere Herausforderung ist es, aus der Vielzahl an Unternehmen jene herauszufiltern, deren Lösungen tatsächlich auf soliden wissenschaftlichen Grundlagen basieren. Das macht es für Formate wie dem DiGA-System notwendig, sorgfältig zu evaluieren, welche Produkte eine Förderung erhalten sollten, um sicherzustellen, dass nur Produkte mit nachweislichem medizinischen Nutzen den Weg zu den Nutzerinnen und Nutzern finden.

Um eine medizinische Relevanz für die breite Bevölkerung darzulegen, müssen Entwickler einen tiefgreifenden Einblick in die spezifischen Bedürfnisse verschiedener Nutzergruppen gewinnen. Ein anschauliches Beispiel hierfür sind Glukosetracker, die so gestaltet sein müssen, dass sie auch von älteren Menschen problemlos verwendet werden können. Das erfordert eine Benutzeroberfläche, die intuitiv und einfach verständlich ist, selbst für diejenigen, die keine „Digital Natives“ sind. Durch Usertests und direktes Nutzerfeedback können digitale Gesundheitslösungen gestaltet werden, die Vertrauen schaffen und auch Menschen mit „digitalem Misstrauen“ abholen. Die Entwicklung von Produkten, die als nahtlose Begleiter in schwierigen Lebenssituationen dienen, erfordert ein Design, das universell verständlich und an die Menschen, die es nutzen, angepasst ist.

Von Ethik bis Evidenz: Auf der Suche nach dem digitalen Heiligen Gral

Wenn Nutzer mit den unterschiedlichsten Anforderungen aktiv in den Entwicklungsprozess miteinbezogen werden, können Produkte entstehen, die eine größtmögliche Nutzerbasis ansprechen und auch tatsächlich breit genutzt werden. Untersuchungen belegen zum Beispiel, dass 71 Prozent der Patienten Online-Bewertungen heranziehen, um sich für einen neuen Gesundheitsdienstleister zu entscheiden. Außerdem bieten etablierte Richtlinien und Standards, wie die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), eine hilfreiche Orientierung, um digitale Angebote für jeden nutzbar zu machen. Ein Bericht des „Centre for Ageing Better“ verdeutlicht, wie digitale Technologien die Gesundheitsversorgung älterer Menschen umkrempeln können, indem sie den Zugang zu Diensten erleichtern und mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Doch ohne eine konsequente Ausrichtung auf Inklusion und Accessibility könnten solche Technologien bestimmte Gruppen auch schnell ausschließen. Genau hier kommt das angesprochene „Umdenken“ zum Tragen: Es bedarf einer ausgewogenen Strategie, die sowohl die allgemeine Zugänglichkeit fördert als auch die Möglichkeit bietet, spezialisierte Lösungen für bestimmte Zielgruppen zu entwickeln.

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„Step-by-Step“: Eine App bricht Barrieren

Ein gutes Beispiel für die Umsetzung von Inklusion und Accessibility im digitalen Gesundheitswesen ist die „Step-by-Step“-App. Diese wurde für syrische Flüchtlinge in Deutschland entwickelt, um deren mentales Wohlbefinden zu überwachen und zu unterstützen. Die App, ein Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem libanesischen Gesundheitsministerium und der Universität Zürich, mit technischer Unterstützung durch die Freie Universität Berlin, macht psychologische Unterstützung durch kognitive Verhaltenstherapie-Techniken zugänglich. Die Besonderheit von „Step-by-Step“ liegt vor allem in ihrer benutzerfreundlichen Gestaltung, die auch Menschen mit geringen technischen Kenntnissen die Nutzung ermöglicht. Verfügbar in Englisch und Arabisch, passt sich die App nicht nur sprachlich an ihre Nutzer an, sondern berücksichtigt auch die kulturellen und technischen Anforderungen: Sie bietet durch eine illustrierte Geschichte interaktive Übungen und Strategien, einschließlich einer Audiofunktion für Nutzer, die Schwierigkeiten beim Lesen haben. Darüber hinaus ist die Benutzeroberfläche für die arabische Version so gestaltet, dass sie die von rechts nach links gehende Schreib- und Leserichtung unterstützt.

Zugänglichkeit als Ziel: Die Zukunft digitaler Gesundheitsprodukte

Die Zukunft inklusiver digitaler Produkte im Gesundheitswesen verspricht, die Art und Weise, wie wir medizinische Versorgung und Unterstützung erfahren, neu zu definieren. Vor allem in Deutschland, wo in Sachen Digitalisierung im Gesundheitsbereich noch Luft nach oben ist, gibt es ein riesiges Potential. Die Möglichkeiten, durch Innovationen die Gesundheitsversorgung für alle Nutzergruppen zu verbessern, stehen im Vordergrund. Dieses Vorgehen gleicht allerdings einem Puzzle, bei dem jedes Teil dazu beiträgt, das Gesamtbild der „vollständigen Gesundheit für jeden“ zu erarbeiten.

Der Weg dahin führt über eine engere Zusammenarbeit von Unternehmen, Start-ups und staatlichen Stellen, um digitale Lösungen schneller und besser umsetzen zu können. Die Diskussion um Inklusion und Accessibility im Gesundheitswesen ist eng mit der breiteren gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Inklusion, etwa hinsichtlich Geschlechtergerechtigkeit, verknüpft. Ein Bewusstsein für diese Themen eröffnet uns die Chance, wirklich alle abzuholen und unsere Bemühungen auf die Integration aller Gruppen zu konzentrieren. Statt uns nur auf sehr spezielle Angebote zu konzentrieren, sollten wir darauf hinarbeiten, eine Gesellschaft zu bilden, die das Wohl aller im Blick hat – unabhängig von ihrer Religion, ihrem Geschlecht, ihrer gesundheitlichen Verfassung oder ihren genetischen Voraussetzungen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse hierbei sollte sein, dass jeder einzelne Baustein hilft. Es geht nicht darum, alle Anforderungen, die sich hier auftun, sofort perfekt umzusetzen. Vielmehr sollte die Hemmschwelle so niedrig wie möglich gehalten werden, damit das Umdenken sofort anfangen kann. Hier gilt: Mit kleinen Schritten kommen wir zum Ziel!

Ben Cyprian Sindram Müller
ist Gründer und Managing Director von Silberpuls.

Bildquelle: Silberpuls

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