Gastkommentar Deutschlands digitaler Gesundheitsweg: Vertrauen schaffen und Marken bilden

Ein Gastkommentar von Michael Fleck 5 min Lesedauer

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Faktoren wie kurzfristiges Denken oder Eigeninteressen der verschiedenen Akteure bremsen die Digitalisierung im Gesundheitswesen aus, schreibt Gastautor Michael Fleck. Er plädiert stattdessen für einen ganzheitlichen Ansatz – und eine zentrale Anlaufstelle.

Ein gemeinsames Zielverständnis und auch Veränderungsbereitschaft sind wichtig für die digitale Transfomation.(© Лариса Лазебная – stock.adobe.com)
Ein gemeinsames Zielverständnis und auch Veränderungsbereitschaft sind wichtig für die digitale Transfomation.
(© Лариса Лазебная – stock.adobe.com)

Gleich, wo man hinschaut: In Sachen Digitalisierungsbestrebungen des Gesundheitswesens sehen wir hierzulande ziemlich alt aus. Andere Länder sind da schon viel weiter. Das israelische Gesundheitssystem ist mithilfe vernetzter Datenplattformen längst digitalisiert und arbeitet KI-gestützt. Estland und Lateinamerika machen vor, wie flexible, Cloud-basierte Lösungen aussehen könnten. In Deutschland hingegen scheint alles nur zum Teil digital gedacht. Ganz zu schweigen vom Einsatz von KI, der die digitalen Möglichkeiten – aber auch die Herausforderungen – im deutschen Gesundheitswesen zweifelsohne um ein Vielfaches erweitern würde.

Aber warum geht es nicht voran? Die Gründe dafür sind so bitter wie vielfältig, und das liegt nicht nur an der leidigen Datenschutz-Diskussion: Das deutsche Gesundheitssystem ist durch die begrenzte Dauer von Förderzeiträumen und Legislaturperioden auf Kurzfristigkeit ausgelegt, Innovation und die digitale Transformation haben aber eine langfristige Perspektive. Ärztinnen und Ärzte sind bezüglich der Digitalisierung „vorbelastet“, weil frühere Lösungsversuche ihr Leben eher erschwerten. Außerdem werden technische Standards zur Interoperabilität oft von Markteilnehmenden verhindert, da weiterhin lieber Produkte des eigenen Ökosystems verkauft werden sollen.

Eines der Hauptprobleme: Das deutsche Gesundheitswesen besteht aus vielen verschiedenen „Fürstentümern“ – wie gesetzliche und private Krankenkassen, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Berufs- und Interessenverbänden oder Apotheken. Sie alle vertreten ihre jeweils individuellen und unterschiedlichen Interessen und haben nie gelernt, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Für eine umfassende und wirkungsvolle Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens braucht es aber eine gemeinsame Vision und den Willen aller Beteiligten. Ein radikales Umdenken, eine Abkehr von alten Mustern, weg von einer egozentrischen Sichtweise und hin zu einem neuen ökosystemischen Denken, das dank Kooperation innovative Lösungen hervorbringt. Grundlage dafür ist gegenseitiges Vertrauen. Wie also kann das Gesundheitswesen als Organisation vom Staat in Kooperation mit relevanten Playern wie Ärzte, Patienten, Verbände, Krankenkassen, Krankenhäusern und Apotheker so entwickelt werden, dass alle Vertrauen in eine gemeinsame Vision gewinnen?

Relevante Zielgruppen proaktiv miteinbeziehen

Um das Vertrauen bei relevanten Zielgruppen, wie zum Beispiel Ärzten, wieder aufzubauen, sollten sie in die Entwicklung von neuen Zielsystemen und Lösungen miteinbezogen werden. Berücksichtigt man ihre jeweiligen Abläufe und Prozesse bereits frühzeitig, erhöht dies das Verständnis und die Akzeptanz bei der späteren Nutzung digitaler Tools. Es gilt herauszufinden, wann es sinnvoll ist, Routinen zu automatisieren, statt Mehraufwand zu verursachen. Oder für welche Prozesse und Aufgaben man nutzen kann, was sowieso schon da ist – z. B. das vorhandene Handy – anstelle eines neuen Single-Task-Tablets.

Die Erfahrung zeigt, dass man greifbare Pilotlösungen am besten partizipativ und co-kreativ mit „extremen“ Vertreter:innen der Zielgruppe – Early Adoptern und/oder Skeptiker:innen – erstellt, um Barrieren, Schmerzpunkte und Möglichkeiten besser zu verstehen. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass relevante Zielgruppen positiv gegenüber Veränderungen eingestellt sind und sie Change-Prozesse nicht als Bedrohung oder unnötig ansehen.

Prozesse, Mindset und gemeinsame Ziele gestalten

Ob bei jedem einzelnen Partner im großen System Gesundheitswesen oder im Zusammenspiel: Jeder Prozess gehört auf den Prüfstand, sollte konsequent neu und digital gedacht werden, um Verbesserungspotenziale und Stolpersteine zu identifizieren. Gleichzeitig muss mit der digitalen Transformation immer auch ein Kulturwandel einhergehen. Eine offene und transparente Unternehmenskultur sowie eine zukunftsorientierte Grundhaltung und eine hohe Lern- und Innovationsbereitschaft sind bei Veränderungsprozessen von Vorteil. Dafür ist es wichtig, proaktiv mit Ängsten und Widerständen umzugehen und alle beteiligten Akteuren bei der Entwicklung von Strategien mitzunehmen.

Auf der nächsten Seite: An Leuchtturmprojekten lernen und wachsen.

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