Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin DGIM zur Krankenhausreform: Mehr Zeit und Geld für Forschung und Weiterbildung

Von Nicola Hauptmann 3 min Lesedauer

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Die Krankenhausreform sollte genutzt werden, um Freiräume für Weiterbildung und Wissenschaft zu schaffen und somit auch die künftige ärztliche Versorgung zu sichern – so die DGIM auf ihrer diesjährigen Pressekonferenz. Diskutiert wurden auch konkrete Vorschläge zur Umsetzung.

Der interdisziplinäre Austausch, etwa in Tumorboards, ermöglicht einen ganzheitlichen Therapieansatz. (©  Gorodenkoff – stock.adobe.com)
Der interdisziplinäre Austausch, etwa in Tumorboards, ermöglicht einen ganzheitlichen Therapieansatz.
(© Gorodenkoff – stock.adobe.com)

Auf ihrer diesjährigen Pressekonferenz gab die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) Einblicke in mehrere ihrer Arbeitsbereiche, diskutiert wurden vor allem bessere Bedingungen für Weiterbildung und Forschung, evidenzbasierte Entscheidungen und interdisziplinärer Austausch zum Wohle der Patienten.

Gerade bei Patientinnen und Patienten mit mehreren Erkrankungen sind der fachübergreifende Austausch, etwa in Tumorboards, und der schnelle, digitale Zugriff auf relevante Daten entscheidend. Das verdeutlichte Prof. Dr. Andreas Neubauer, Vorsitzender der DGIM 2023/2024, anhand eines Fallbeispiels. Die digitale Medizin könne entscheidend unterstützen und viel Zeit sparen, wenn etwa alle nötigen Daten bereits vorab online vorliegen, betonte auch DGIM-Generalsekretär Professor Dr. Georg Ertl. Die DGIM bringe sich hier ein und werde auch gehört – sowohl beim Gesundheitsdatennutzungsgesetz als auch beim Medizinforschungsgesetz, „in dem leider über digitale Medizin relativ wenig gesprochen wird“, ebenso bei der ePA, so Ertl weiter.

Prof. Neubauer verwies zudem auf einen weiteren Aspekt der Digitalisierung: Während in Ländern wie Großbritannien, Israel oder in Skandinavien in der Corona-Pandemie große epidemiologische Datensätze schnell verarbeitet und randomisierte Therapiestudien zügig auf den Weg gebracht wurden, habe Corona wie ein Brennglas gezeigt, wie schlecht unser Gesundheitswesen sei. Sein Vorschlag: Statt Einzelmaßnahmen müsse man Systeme vorhalten, die Bürokratie abbauen und: „Wir müssen mehr Vertrauen in das System haben“, so Neubauer.

Die Dominanz der Ökonomie in der Medizin zu verringern ist ein Ziel, das die DGIM mit dem Bundesgesundheitsministerium teilt. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Eindämmung der Überversorgung. Dies müsse aber, wie Prof. Ertl unterstrich, anhand wissenschaftlich basierter Qualitätskriterien gesteuert werden. Dazu müssten Instrumente zur Messung der Indikationsqualität für Diagnostik und Therapie auf der Basis wissenschaftlicher Leitlinien für das Gesundheitssystem entwickelt und etabliert werden. Und an dieser Stelle kommt doch wieder die Ökonomie ins Spiel, denn das Motto sollte sein: „Gut bezahlen für klug entscheiden“. Das heißt, die Zeit und die intellektuelle Leistung, die für medizinische Erwägungen und Kommunikation in der Krankenversorgung aufgewendet wird, soll auch entsprechend gewürdigt und finanziert werden.

Forschung besser in den klinischen Alltag implementieren

Um diese Leistungen erbringen und klug entscheiden zu können, müssten Mediziner wissenschaftlich gut ausgebildet sein. Zudem sei lebenslanges Lernen entscheidend, um stets auf dem aktuellen Wissensstand zu bleiben. Doch aktuell werde die wissenschaftliche Laufbahn im Nebenjob zur Krankenversorgung als kaum leistbar empfunden, so die Kritik der DGIM. Dr. Andrea Martini, Vertreterin der Arbeitsgruppe JUNGE DGIM und Sprecherin des Bündnisses Junge Ärztinnen und Ärzte, beschrieb die Situation sehr anschaulich: Demnach könne Forschung bestenfalls am Abend nach dem eigentlichen Arbeitstag stattfinden. Aber Wissenschaft jeden Abend erst nach 20 Uhr – das funktioniere nicht, sagte die angehende Internistin und Endokrinologin. Berlin und Schleswig-Holstein hätten bereits gute Regelungen für Clinician-Scientist-Programme gefunden, die ein Beispiel für ganz Deutschland sein könnten. „Wenn wir weiter Teil der medizinischen Innovation bleiben wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen für die Forschung verbessern“, so Martini.

Ärztliche Weiterbildung gesondert finanzieren

Die junge Ärzteschaft fordert zudem ein eigenes Budget für die Weiterbildung statt der derzeitigen Querfinanzierung. Dafür biete sich das „Rucksackmodell“ an, das der Sachverständigenrat bereits 2018 empfohlen habe: ein eigenes Weiterbildungsbudget für jede(n) Weiterzubildenden, das dann in die jeweilige Klinik oder Praxis einfließt. Da die Ärzte in Weiterbildung im Versorgungsalltag durch Fachärzte begleitet werden müssen, sei dieser „Gleichzeitigkeitsfaktor“ auch in der Personalplanung zu berücksichtigen. Dieser könne aber je nach Fachgebiet und Leistungsgruppe unterschiedlich ausfallen.

Die Weiterbildung solle als eigene Leistungsgruppe finanziert werden, da waren sich Expertinnen und Experten auf dem Podium einig. Fazit der Pressekonferenz: Unser Gesundheitssystem steht am Wendepunkt im Hinblick auf den medizinischen Fortschritt, die Digitalisierung und die politische Weichenstellung. Es gibt jede Menge Chancen, es kommt jetzt darauf an, sie zu nutzen – und endlich auch schneller zu werden.

Arbeitsschwerpunkte der DGIM

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hat 2019 zehn zentrale Themenbereiche definiert, die Kommissionen und Vorstand der DGIM bearbeiten:

  • Ärzte als Forscher,
  • „Klug entscheiden“,
  • Digitale Medizin
  • Ökonomisierung der Medizin,
  • Aus- und Weiterbildung,
  • Demografischer Wandel und Multimorbidität,
  • Internistische Systemmedizin,
  • Infektiologie und Hygiene,
  • Intensivmedizin und Notaufnahme sowie
  • Pflege und medizinische Assistenzberufe.

Diese seien nach wie vor aktuell. Da sich die Rahmenbedingungen seither stark geändert haben, ist jedoch eine Anpassung geplant, ein Positionspapier der DGIM 2024 werde vorbereitet.

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