Die Digitalisierung im Gesundheitswesen bringt Patienten und Ärzten eigentlich viele Vorteile. Dafür müssen die Anwendungen jedoch bekannt sein. Wie der aktuelle TechnikRadar zeigt, gibt es jedoch nicht nur hier Nachholbedarf.
Zwar sehen die Deutschen die Digitalisierung des Gesundheitswesens positiv, jedoch würde nur knapp die Hälfte auch ihre Daten für Forschungszwecke zur Verfügung stellen
Die Einstellung der Deutschen gegenüber Technik hat sich gewandelt: Noch vor fünf Jahren waren 35,5 Prozent der Bürger überzeugt, „durch Technik entstehen mehr Probleme, als gelöst werden“, 2022 sind es nur noch 23,1 Prozent. Auch schätzen die Deutschen den Nutzen der Digitalisierung höher ein als damit einhergehende Risiken. Das zeigt das aktuelle TechnikRadar von acatech, der Körber-Stiftung und dem Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart. Im Fokus stand dabei in dieses Jahr die Frage, wie die Deutschen die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen beurteilen.
ePA? Was ist das?
Dabei wurde erneut ein altbekanntes Problem sichtbar: Die digitalen Anwendungen sind den Bürgern teilweise nicht bekannt. So haben etwa 24,4 Prozent der Befragten noch nichts von der elektronischen Patientenakte (ePA) gehört, obwohl diese bereits seit Anfang 2021 bei den Krankenkassen beantragt werden kann.
Grundsätzlich ist das Interesse an der ePA jedoch vorhanden. 46,8 Prozent wollen die digitale Patientenakte künftig verwenden, 5 Prozent nutzen sie bereits. 20,2 Prozent der Befragten ziehen die Nutzung jedoch nicht in Betracht – einerseits wegen Datenschutzbedenken (50 Prozent), andererseits gibt es Unklarheiten darüber, wer welche Daten einsehen kann (53 Prozent).
Auch die Ärzte befürworten die ePA prinzipiell: 54,7 Prozent von ihnen sind überzeugt, dass die Vorteile der digitalen Patientenakte deren Nachteile überwiegen. Dennoch ist auch nur 13,1 Prozent der Medizinern klar, wer Zugriff auf die Inhalte der ePA hat und welche Daten abgerufen werden. Überhaupt hat die Ärzteschaft (66,5 Prozent) den Eindruck, dass ihre Interessen bei der ePA nicht berücksichtigt werden.
Skepsis bezüglich der Datenweitergabe
Auch wenn die meisten Patienten der ePA grundsätzlich offen gegenüber stehen, ihre Daten in personalisierter oder anonymisierter Form würde nur knapp die Hälfte privaten Forschungseinrichtungen zur Verfügung stellen. Mehr Vertrauen genießen da Haus- und Fachärzte. Ihnen würden 80 Prozent die Daten weitergeben. „Im Gesundheitswesen stehen wir vor völlig neuen Entscheidungen im Umgang mit besonders sensiblen Daten. Der Wandel wird nur gelingen, wenn alle Akteure, von den Ärztinnen und Ärzten bis hin zu den Patientinnen und Patienten, davon überzeugt sind, dass der Nutzen groß ist und die Chancen die Risiken überwiegen“, stellt Tatjana König, Vorständin der Körber-Stiftung, klar. „Bei diesen wichtigen Abwägungen dürfen wir die Menschen nicht alleine lassen, sondern müssen gerade jetzt mehr Orientierung bieten, was Folgen, Unsicherheiten und Befürchtungen angeht.“
Arzt oder Internet?
Die Digitalisierung wirkt sich auch auf das Verhalten der Patienten aus. „Unsere Untersuchung zeigt: Immer mehr Menschen in Deutschland nehmen die Gesundheit auch selbst in die Hand“, erklärt Cordula Kropp, wissenschaftliche Projektleiterin und Soziologin vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart (ZIRIUS). „Sie recherchieren nach einem Arztbesuch im Internet, nutzen Gesundheits-, Fitness- und Ernährungs-Apps und sehen sich selbst in der Pflicht, etwas für Körper und Seele zu tun.“
Doch auch vor dem Arztbesuch wird immer häufiger das World Wide Web zu Rate gezogen (27,2 Prozent). Dabei sind 45,3 Prozent der Befragten davon überzeugt, online Antworten auf ihre Gesundheitsfragen zu finden. 63,2 Prozent sind darüber hinaus der Meinung, die gefundenen Informationen auch kritisch bewerten zu können.
Die Begeisterung der Ärztinnen und Ärzte hält sich angesichts dieser neuen digitalen Gesundheitskompetenz allerdings in Grenzen. Sie sehen das Arzt-Patienten-Verhältnis gefährdet (30,7 Prozent). Zudem schätzen die Ärzteschaft, dass die Patienten durch die digitalen Angebote und auch deren Interpretation überfordert sind.
Eigentlich müssten sich die Ärzte diesbezüglich allerdings gar nicht so viele Gedanken machen: Die meisten Patienten vertrauen bei der Diagnose immer noch der Expertise der Mediziner (82,7 Prozent). Ärztliche Diagnosen auf der Basis von Datenbanken findet hingegen nur knapp die Hälfte der Befragten (45,4 Prozent) sinnvoll, Diagnosen mithilfe künstlicher Intelligenz sogar nur 27,5 Prozent.
Stand: 08.12.2025
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„Weniger Bürokratie, mehr Patientensouveränität, individualisierte Behandlungsangebote – die Möglichkeiten der Digitalisierung in der Gesundheit sind vielfältig“, fasst Ortwin Renn, TechnikRadar-Co-Projektleiter und acatech Präsidiumsmitglied die Ergebnisse zusammen.
„Zugleich wird im TechnikRadar 2022 deutlich, dass sich die verschiedenen Gruppen im Gesundheitswesen in ihren Hoffnungen und Befürchtungen unterscheiden: Patientinnen und Patienten wünschen sich beispielsweise mehr Behandlungstransparenz, Ärztinnen und Ärzte befürchten eine wachsende Datafizierung des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse müssen bei den anstehenden Transformationsprozessen berücksichtigt werden.“