Alle Daten auf einen Blick: Im Projekt „OneViewMed“ arbeiten Fraunhofer IESE und Universitätsklinikum Frankfurt an einem Dashboard, das Daten aus mehreren Systemen übersichtlich anzeigt. Jonas Marcello vom Fraunhofer IESE erklärt, wie es funktionieren soll.
Jonas Marcello steuert zusammen mit Bernd Rauch die Entwicklung des „OneViewMed“-Projekts am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern.
Kliniken verwalten elektronische Patientendaten in der Regel über Krankenhausinformationssysteme (KIS), nur verwenden Intensivstationen und Normalstationen meist unterschiedliche Systeme, die oft nicht interoperabel sind, also keinen direkten Datenaustausch erlauben. Manuelle Abgleiche aber sind zeitaufwändig und Quelle für Fehler.
Hier setzt das Projekt „One Viewpoint for Medical Information in Clinical Contexts“, kurz: OneViewMed, an: Das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE und das University Center for Digital Healthcare der Universitätsmedizin Frankfurt entwickeln gemeinsam ein Konzept für ein integriertes IT-System mit grafischer Oberfläche – ein Dashboard, das Daten aus den verschiedenen Systemen anzeigt und somit Ärzten die Arbeit erleichtert.
„Im ersten Schritt werden wir mit OneViewMed einen Prototyp für einen spezifischen Anwendungsfall konzipieren und umsetzen. Aber unsere Vision ist es, eine ganzheitliche Multiressourcendarstellung in Echtzeit zu ermöglichen, die speziell auf die komplexen Bedürfnisse von Intensivpatientinnen und -patienten abgestimmt ist“, sagt Bernd Rauch, Projektleiter von OneViewMed beim Fraunhofer IESE.
Jonas Marcello, der zusammen mit Bernd Rauch die Entwicklung des „OneViewMed“-Projekts bei Fraunhofer IESE steuert, erklärt, was genau geplant ist und wo die Herausforderungen liegen:
Welcher konkrete Anwendungsfall soll prototypisch umgesetzt werden und welche Anwendungsfälle lassen sich generell unterscheiden?
Jonas Marcello: Beim übergeordneten Anwendungsfall geht es um die Bereitstellung medizinischer Informationen aus verschiedenen Quellsystemen; das ist aktuell noch eine große Herausforderung. Konkret bezieht sich unser Prototyp auf das Anwendungsszenario „Verlegung von Patientinnen und Patienten von Intensiv- auf Normalstation“. Im Szenario gibt es verschiedene Anwendungsfälle, die wir in Interviews und Hospitation erhoben haben. Auch wenn es sich im Grunde immer um den Fall „Informationen bereitstellen“ handelt, lassen sich die Anwendungsfälle anhand der medizinischen Workflows unterscheiden. Dazu gehören zum Beispiel die Verlegung zwischen und Aufnahme in Stationen (planmäßig, unplanmäßig, Notaufnahme), tägliche Visiten, OP-Vorbereitung usw. Jeder Anwendungsfall hat wiederum einen eigenen Informationsbedarf, der idealerweise kontextsituativ bedient wird – in unserem Projekt z.B. Medikation und wichtige Hinweise zu Allergien oder akuten Infektionen. Hierbei kommt es auch stark auf die Rollen der jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer an, wobei wir uns klar auf das medizinische Personal, also in diesem Fall Ärztinnen und Ärzte, fokussieren.
Wie ist das derzeitige Vorgehen, müssen die Zuständigen beide KIS-Systeme parallel am Bildschirm öffnen und die Daten abgleichen und übertragen?
Jonas Marcello: Ein Problem ist, dass die meisten Mitarbeitenden nur Zugriff auf eines der Systeme haben, je nachdem ob sie in einer intensivmedizinischen Station oder einer der Normalstationen arbeiten. Das macht die Informationsbeschaffung vor allem dann schwierig, wenn beispielsweise während der Behandlung etwas nachgeprüft werden soll. Typisch bei Verlegungsprozessen ist, dass ein Informationsexport als PDF mitgegeben wird, der aber nicht immer einfach nutzbar ist. Teilweise sind die Dateien sehr groß und wenig strukturiert. Außerdem werden sogenannte Arztbriefe mitgegeben, wenn es sich um geplante Verlegungen handelt – das ist im Kontext von Notfallmedizin aber nicht immer möglich. Teilweise ist es auch so, dass Informationen zwischen dem ärztlichen Personal direkt ausgetauscht werden.
Werden die Daten im Dashboard nur angezeigt oder können auch systemübergreifend Änderungen vorgenommen und Daten übertragen werden?
Jonas Marcello: In unserem Projektkontext entwickeln wir ein rein anzeigendes System, das Daten aus verschiedenen Quellsystemen beziehen und kontextsituativ anzeigen kann. Dabei konzentrieren wir uns allerdings nicht nur auf das Dashboard, sondern betrachten die IT-Architektur des gesamten Universitätsklinikums Frankfurt. Es werden also Quellsysteme, Kommunikationsserver, Daten-Repositories und Interoperabilitäts-Standards wie FHIR mit in das Gesamtkonzept einbezogen, die dann die Grundlage für unser Anzeigesystem sind. Dabei kommt es auch zu Schnittmengen mit der Interoperability Suite.
Das Digitale Universitätsklinikum Frankfurt
Das Projekt OneViewMed läuft von April bis November 2024. Als eines von 14 Teilprojekten wird es im Rahmen des Digitalisierungsprojekts „Digitales Universitätsklinikum Frankfurt“ durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur gefördert. Zu den weiteren digitalen Lösungen des Digitalen Universitätsklinikums Frankfurt gehören eine Interoperability Suite, Messengersysteme, die Erprobung von Real-Time-Location-System-Technologien oder der Aufbau eines Datenintegrationszentrums.
Die Übertragung von Daten zwischen den Quellsystemen ist nicht Teil unseres Projekts und in diesem Fall hier auch nicht gewünscht. Bei manchen Informationen, wie z.B. der Medikation, ist es wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte entscheiden, welche Medikamente die Patientinnen und Patienten weiterhin bekommen sollen. Meistens kann die Medikation nicht 1:1 von der Intensiv- auf die Normalstation übertragen werden. Hier unterscheiden wir zwischen technischen und „echten“ Schnittstellen.
Stand: 08.12.2025
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Man könnte aber sagen, dass unser Konzept eine Blaupause für die interoperable Datennutzung sein kann: Wenn bei uns Quelldaten aus einem System zum Zielsystem fließen und das funktioniert, kann das zukünftig einfach auf andere Zielsysteme übertragen werden. Darüber hinaus erarbeiten wir Nutzbarkeitskonzepte, die über eine reine Informationsanzeige hinausgehen. Beispiele dafür sind kontextsensitive Anzeigen, etwa wenn ein Infekt vorliegt oder eine Medikation mit einer Allergie kollidiert. Oder auch die Berücksichtigung des medizinischen Workflows, um im richtigen Moment der Behandlung automatisch die richtige Information bereitzustellen.
Wie ist der aktuelle Stand des Projekts und welche Meilensteine gibt es?
Jonas Marcello: Gestartet ist unser Projekt im April dieses Jahres, ausgelegt ist es auf die Zeit bis November 2024. Nach einer umfassenden Anforderungserhebung mittels technischer Analyse, Hospitation und Interviews im Universitätsklinikum Frankfurt sind wir aktuell mitten in der Entwicklung der Lösung. Unser Projekt hat einen abgegrenzten Scope und dementsprechend einen kurzen Zeitplan von rund einem halben Jahr. Daraus folgt, dass wir klar das Ziel einer prototypischen Umsetzung mit kleinem Funktionsumfang verfolgen, durch die aber die konzeptionelle Funktion und der übergeordnete Nutzen deutlich aufgezeigt werden können.
Welches Ergebnis wird im November erwartet: die Umsetzung des Prototyps oder mehr und wie geht es danach weiter?
Jonas Marcello: Im Ergebnis werden wir ein Konzept für den interoperablen Datenaustausch zwischen IT-Systemen im klinischen Kontext vorstellen sowie einen Prototypen zur Demonstration. Daneben wollen wir als Begleitprodukt Anforderungen an klinische Systeme darstellen, die in weiteren Entwicklungen genutzt werden können. Mit diesen Ergebnissen erreicht das Projekt eine sehr hohe Anschlussfähigkeit und bietet einen Startpunkt für verschiedene Fortführungen. Das Umfeld ist für uns vom Fraunhofer IESE mit Standbeinen im Software Engineering und Digital Health sehr spannend. Wir werden also auch in Zukunft weitere dieser Projekte mitgestalten, auch wenn zum aktuellen Zeitpunkt noch keine konkrete Fortsetzung geplant ist.