Zwischen September und Dezember 2024 lief in Hamburg und Umgebung ein Pilotprojekt, bei dem die Kommunikation zwischen dem Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und externen Leistungserbringern im Fokus stand. Nun wurden von der gematik die Erkenntnisse daraus sowie ein Leitfaden zur Umsetzung veröffentlicht.
Pilotierungen sind für das Gesundheitswesen ein probates Mittel, um Neuerungen im Versorgungsalltag in einer begrenzten Umgebung auf Herz und Nieren zu testen.
(pattozher - stock.adobe.com)
Ende vergangenen Jahres pilotierte die Freie und Hansestadt Hamburg die TI-Anwendung Kommunikation im Medizinwesen (KIM) im Versorgungsalltag. Ziel der Pilotierung war es unter anderem, die Mehrwerte und Herausforderungen bei der Nutzung der TI-Anwendungen in realen Versorgungsprozessen innerhalb des ÖGD sowie mit den kooperierenden externen Leistungserbringern zu erproben. Weiterhin sollten Verbesserungspotentiale für den Versorgungsalltag identifiziert und benannt werden. Im nun vorliegenden Abschlussbericht der gematik zeigen sich einerseits vielversprechende Fortschritte und andererseits merkliche Hürden auf dem Weg zu einer vollständig vernetzten Gesundheitsversorgung.
Das Gesundheitsamt Mitte fungierte in der Pilotierung als zentrale Schnittstelle für alle sieben Hamburger Bezirksämter und erprobte gemeinsam mit einer Universitätsklinik, mehreren Fachkliniken, Arztpraxen und einer Apotheke die praktische Anwendung der Telematikinfrastruktur. Bislang mussten medizinische Informationen oft über verhältnismäßig unsichere Kanäle wie Fax oder unverschlüsselte E-Mails ausgetauscht werden. „Die verschiedenen Kommunikations-Verfahren waren unterschiedlich zu handhaben und nicht gleichermaßen datenschutzkonform zu bewerten“, lautet es im Bericht. Diese Medienbrüche hätten zu signifikanten Verzögerungen, Fehlern sowie unnötigen Kosten geführt.
Sechs Praxisfelder im Test
Das Pilotprojekt konzentrierte sich im Wesentlichen auf sechs zentrale Anwendungsszenarien, die den Alltag des ÖGD prägen.
1. Tuberkulose-Versorgung: Hier konnte der Dienst KIM seine Stärken ausspielen. Die Kommunikation zwischen pneumologischen Facharztpraxen, der Universitätsklinik und dem Gesundheitsamt funktionierte – den Angaben der Studienautoren zufolge – weitgehend reibungslos. Medikationspläne, Röntgenbefunde und Arztbriefe konnten sicher und zeitnah übertragen werden. Eine Fachklinik stellte ihre Kommunikation mit dem ÖGD sogar vollständig auf KIM um und konnte dadurch deutliche Effizienzgewinne verbuchen.
2. Kinder- und Jugendpsychiatrie: Auch im Gutachterdienst bewährte sich gemäß den Studienautoren die digitale Kommunikation. Schweigepflichtentbindungen und Befundanfragen könnten nun sicher übermittelt werden. Dies würde insbesondere bei der sensiblen Behandlung von Kindern und Jugendlichen einen Fortschritt darstellen.
3. Krankenhaus-Hygiene: Bei Infektionsgeschehen oder Hygienebegehungen konnte KIM ebenfalls überzeugen. Kontaktlisten und Hygieneunterlagen würden sich dadurch sicher und in Echtzeit übertragen lassen. Dies ein wichtiger Baustein für effektiven Infektionsschutz heißt es wörtlich.
4. Schulärztlicher Dienst: Hier stieß das Projekt auf größere Hürden. Datenschutzbedenken verhinderten die geplante Digitalisierung der „Laufzettel“ für Behandlungsbestätigungen. Die Umstellung von der bisherigen Papierform erwies sich als komplexer als von den Autoren erwartet.
5. Akutpsychiatrie: Ohne den geplanten TI-Messenger (TIM), der mobiles Kommunizieren ermöglicht hätte, blieb dieser Bereich weitgehend unerschlossen. Die schnelle Ad-hoc-Kommunikation bei Notfällen bleibt eine Herausforderung, so der Tenor der Studie.
Trotz der grundsätzlich positiven Bilanz hatte die Pilotierung erhebliche technische Probleme aufgezeigt. Die Integration von KIM in Microsoft Outlook erwies sich als „hinderlich“, wie es im Abschlussbericht diplomatisch formuliert wurde. Nutzer hätten sich regelmäßig neu einloggen müssen, Nachrichten würden im Postausgang „hängenbleiben“, und Verbindungsabbrüche zum Kartenlesegerät der Sicherheitskarte (SMC-B) hätten regelmäßig zu Ausfällen geführt.
In mehreren Fällen hätte darüber hinaus ein Anzeigefehler dafür gesorgt, dass eine Instabilität der Netzwerkverbindung zum Kartenlesegerät nicht angezeigt wurde. Das Resultat waren Nachrichten, die unerkannt nicht versendet wurden. Laut den Studienautoren sei dies ein klassisches Beispiel dafür, wie technische Unzulänglichkeiten das Vertrauen in neue Systeme untergraben können.
Bundesweite Signalwirkung
Erst als während der Pilotierung ein KIM-Modul direkt in die Fachverfahren des ÖGD integriert wurde, hätte sich die Situation – so berichten die Studienautoren – merklich gebessert. Die Bewertung der Zuverlässigkeit stieg ab diesem Zeitpunkt stetig an. Das wurde durch regelmäßige Statusbefragungen belegt.
Ein zentrales Versprechen von KIM ist die datenschutzkonforme Übertragung sensibler Gesundheitsdaten. Genau an dieser Stelle wurde es in der Pilotierung paradox. Während die technische Sicherheit gewährleistet ist, bremsten datenschutzrechtliche Bedenken die praktische Anwendung. Besonders beim schulzahnärztlichen Dienst verhinderten Datenschutzbedenken die geplante Digitalisierung. Weiterhin bemängeln die Studienautoren mobile Einsatzszenarien. Besonders bei Außendienst-Tätigkeiten – etwa bei akutpsychiatrischen Unterbringungen oder im Infektionsschutz – wäre ein TI-Messenger auf mobilen Endgeräten wertvoll gewesen. Die Kombination aus Bild- und Textdokumentation hätte die Einsatzmöglichkeiten erheblich erweitern können. Der TI-Messenger sei zwar bereits eingeplant und vertraglich vereinbart, zum Zeitpunkt der Pilotierung war der Dienst noch nicht zur Verfügung gestanden.
Hamburg, fungiert als eine von lediglich zwei offiziellen TI-Modellregionen in Deutschland. Das bedeutet, dass die Erkenntnisse aus der Hansestadt direkt in die nationale Digitalisierungsstrategie einfließen. Die gematik hat auf Basis der Hamburger Pilotierung einen Leitfaden für die bundesweite ÖGD-Anbindung entwickelt. Diesen finden Sie im untenstehenden Kasten.
Leitfaden für die TI-Anbindung
Für eine erfolgreiche KIM-Kommunikation zwischen dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und den externen Einrichtungen wie Praxen, Kliniken oder Laboren, ist die Erfüllung mehrerer grundlegender Voraussetzungen unerlässlich.
Diese hat die gematik in einem Leitfaden für kommunale und behördliche Träger zusammengefasst.
Das Fazit der Pilotierung fällt ambivalent aus. „KIM als sichere und datenschutzkonforme Alternative zu E-Mail und FAX, integriert in die bestehenden Primärsysteme, wäre bei allen Beteiligten grundsätzlich gleichermaßen gewünscht und akzeptiert“, heißt es im Bericht. Trotz der „positiven Effekte und grundsätzlichen Mehrwerte“ gebe es „sowohl organisatorische als auch technische Hürden“.
Besonders deutlich wird das am Beispiel der Tuberkulose-Versorgung. Während die Kommunikation zwischen spezialisierten Einrichtungen weitgehend problemlos funktionierte, stockte sie dort, wo verschiedene Kommunikationskanäle parallel genutzt werden müssen. „Ein Mischbetrieb mit Kommunikation über verschiedene Kommunikationskanäle wird im Tagesgeschäft als sehr unpraktikabel und wenig effizient empfunden“, stellen die Autoren fest.
Kommunikation mit dem ÖGD: Pilotierung Modellregion Hamburg & Umland
Über die folgende Schaltfläche können Sie den Abschlussbericht der gematik zur Pilotierung der Kommunikation mit dem ÖGD im Volltext einsehen und herunterladen.
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