Mein-Krankenhaus.Digital Gemeinsame Plattform statt Datensilo: Klinik-Projekt in Bayern kommt voran

Von Nicola Hauptmann 4 min Lesedauer

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Dass Krankenhäuser derzeit Patientenportale planen, ist nicht ungewöhnlich, ein Gemeinschaftsprojekt wie in Bayern dagegen schon: Hier haben sich über 100 Krankenhäuser zusammengeschlossen und im Oktober 2023 den Aufbau einer Interoperabilitätsplattform beauftragt. Wir haben nachgefragt, wie das Projekt vorangeht.

Thilo Mahr, Market Access Manager Digital Solutions, Siemens Healthineers: „eine Technologie einsetzen, die dann auch im zweiten Schritt über die Landesgrenzen hinaus den Datenaustausch ermöglicht“.(© Fotostudie Filler)
Thilo Mahr, Market Access Manager Digital Solutions, Siemens Healthineers: „eine Technologie einsetzen, die dann auch im zweiten Schritt über die Landesgrenzen hinaus den Datenaustausch ermöglicht“.
(© Fotostudie Filler)

Im Mai 2023 haben sich zunächst 16 bayerische Krankenhausträger in einer Genossenschaft, der Klinik IT eG (KIG) zusammengeschlossen und das Vergabeverfahren zum Aufbau einer gemeinsamen Plattform für die Patientenportale gestartet. Im Oktober wurde der Auftrag zum Aufbau der Interoperabilitätsplattform für inzwischen über 100 Krankenhäuser von 56 Trägern an Siemens Healthineers als Generalunternehmer vergeben.

Ziel ist es, die Patientenreise in der Krankenhausbehandlung digital zu begleiten – von der Aufnahme über die Behandlung bis zum Entlass-Management. Geplant ist ein zentraler und standardbasierter IT-Betrieb, wobei jedes Krankenhaus ein Frontend zur Interaktion mit den Patienten erhalten soll. Patienten sollen über eine Benutzeroberfläche oder -App mit allen teilnehmenden Kliniken kommunizieren können, ohne das System wechseln oder ihre Daten neu eingeben zu müssen.

Das Patientenportal ist der erste Dienst, der auf der Plattform etabliert wird. Umgesetzt wird das durch die samedi GmbH. Parallel arbeitet Nubedian bereits am zweiten Dienst, dem Entlass- und Überleitungsmanagement. Diese zwei Dienste sind aber erst der Anfang, wie Thilo Mahr, Market Access Manager Digital Solutions bei Siemens Healthineers, erklärt: „Entlang der Patientenreise, die im Krankenhaus nicht anfängt und dort auch nicht endet, sind viele weitere Szenarien möglich – das macht den Reiz einer solchen Plattform aus.“ Das grundlegende Prinzip sei immer, „Daten, die an der einen Stelle schon erhoben wurden, an anderer Stelle wieder nutzbar zu machen, natürlich unter der Prämisse der DSGVO-Konformität und Datensicherheit“, so Mahr.

IT-Sicherheit und Datenschutz

IT- und Datensicherheit haben auch für die Auftraggeber höchste Priorität. Die Interoperabilitätsplattform soll in einem eigenen Rechenzentrum gehostet werden. Der Auftrag für dieses Rechenzentrum ging im Rahmen einer weiteren Ausschreibung an die Finanz Informatik Technologie Service GmbH. Dass Datenschutz und Datensicherheit an höchster Stelle stehen, betont auch Dan Wucherpfennig, Chief Revenue Officer bei samedi: „Wir reden hier über Patientendaten und die sind entsprechend zu schützen.“ Was nicht heißt, dass alle Dienste in dem Rechenzentrum liegen: „Wir hosten unsere SaaS-Lösung in der Open Telekom Cloud, einem hochsicheren Rechenzentrum.“

KIG koordiniert

Die Vorteile einer solchen übergreifenden Plattform für die teilnehmenden Kliniken wie auch für Patientinnen und Patienten sind nachvollziehbar: keine unnötigen Doppeluntersuchungen, Papierstapel und CD-Roms mehr, stattdessen stehen die Informationen digitalisiert dort zur Verfügung, wo sie gebraucht werden. Aber wie schwierig oder herausfordernd ist die Vernetzung von über 100 Kliniken mit ihren jeweils eigenen Systemen und Komponenten? Bei der großen Bandbreite – vom kleinen 30-Betten-Haus bis hin zu großen Klinikverbünden mit über 3.000 Betten – sei die Spreizung der Interessen groß, bestätigt Thilo Mahr. „Technisch ist es kein großer Unterschied, ob man diese 200 oder mehr Systeme jeweils an ein einzelnes Portal oder an ein einziges, großes, übergreifendes Portal anbindet“, erläutert Dan Wucherpfennig. Die eigentliche Herausforderung liege tatsächlich in der Abstimmung der unterschiedlichen Interessen und Bedarfe. „Und da habe ich großen Respekt vor der KIG, die genau hier projektleitend eingreift und diese Mehrstimmigkeit bündelt, sodass wir einen zentralen Ansprechpartner haben“, so Wucherpfennig.

Als Antragsteller für die Fördergelder seien die Krankenhäuser die Vertragspartner, aber man könne natürlich nicht mit über 100 Häusern in Abstimmung gehen, wie Thilo Mahr verdeutlicht: „Daher hat die Klinik IT Genossenschaft (KIG) eine Projektstruktur darübergelegt, um die Positionen der Häuser zu bündeln und dann mit uns abzustimmen und umgekehrt.“ Über Projektgruppen sei aber auch die direkte Zusammenarbeit mit den Experten der Krankenhäuser gegeben. „In diesen Arbeitsgruppen arbeiten Experten aus verschiedenen Häusern an konkreten Themen wie etwa Technik, Prozessen oder Change-Management. Koordiniert durch die KIG wird die Umsetzung gemeinsam iterativ vorangetrieben“, sagt Mahr.

Der europäische Gedanke

Was den Ressourceneinsatz auf Seiten der Dienstleister angeht, spricht man bei samedi – mittelbar und unmittelbar im Projekt Beteiligte zusammengerechnet – von einer hohen zweistelligen Anzahl von Mitarbeitenden. „Ein sehr hoher Einsatz, den wir aber sehr lohnenswert finden“, so Wucherpfennig. Siemens Healthineers hat für die Interoperabilitätsplattform ein eigenes Entwicklerteam mit rund 150 Mitarbeitenden, die aber nicht exklusiv das bayerische Projekt betreuen (die Plattform wurde nicht explizit dafür neu entwickelt). Für die unmittelbare Projektarbeit mit der KIG wurde eine zweistellige Anzahl an Mitarbeitenden zusammengezogen, darunter auch internationale Experten. „Wir denken ja auch alle gemeinsam den europäischen Gedanken und das bedeutet, wir müssen eine Technologie einsetzen, die dann auch im zweiten Schritt über die Landesgrenzen hinaus den Datenaustausch ermöglicht“, sagt Thilo Mahr. Somit könnten auch Experten mit an Bord genommen werden, die schon Erfahrung mit solchen Projekten in anderen Ländern wie z.B. Österreich und der Schweiz haben: „Die technologische ‚Sprache‘, die da gesprochen wird, ist die gleiche, weil wir mit etablierten Standards agieren“, so Mahr.

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Wie geht es weiter? Ein erster wichtiger Meilenstein sei es, zum Ende dieses Jahres all diese Häuser an die Plattform angebunden zu haben und dann auch in der Ausbaustufe des Patientenportals die Anforderungen zu erfüllen, die dem KHZG gerecht werden, erläutert Dan Wucherpfennig.

Parallel wächst auch die Zahl der teilnehmenden Häuser. Die Klinik IT eG hatte mit Stichtag 15. Mai weitere Klinken zur Beteiligung innerhalb der KHZG-Förderung aufgerufen – mit Erfolg: „Es sind mittlerweile insgesamt über 70 Krankenhausträger mit mehr als 130 Krankenhäusern bzw. Standorten in unserem digitalen Verbund“, berichtet KIG-Projektleiter Dr. Benedict Gross. Entsprechend wurde eine weitere Ausschreibung gestartet. Deren Inhalt sei „deckungsgleich zur ersten Ausschreibung in dem Sinne, dass auch die neu dazugekommenen Krankenhäuser ein Patientenportal gemäß den Anforderungen des KHZG erhalten und interoperabel Daten austauschen werden können“, so Gross.

Und das Projekt beschränkt sich nicht auf Bayern, aus dem Portal „Mein.Krankenhaus-Bayern“ wurde: „Mein-Krankenhaus.Digital“: Der Verbund ist offen für Beteiligungen in ganz Deutschland.

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