Mit dem Erfolgszug generativer Tools wird sogenannte Schatten-KI im Gesundheitswesen zu einem ernstzunehmenden Problem: Die Hälfte der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte greift mangels zertifizierter Alternativen zu nicht autorisierten KI-Tools wie ChatGPT für Recherchen und Dokumentation, berichtet Doctolib.
Ärztinnen und Ärzte nutzen häufiger KI als ihre medizinischen Fachangestellten.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Die Hälfte der niedergelassenen Ärzte und Ärztinnen in Deutschland nutzt bereits private KI-Tools wie ChatGPT für Dokumentationszwecke und berufliche Recherchen. Das zeigt der aktuelle Digital Health Report 2026 von Doctolib, für den das Marktforschungsinstitut YouGov 1.000 binnen eines Zeitraums von 12 Monaten untersuchte Patienten, 414 Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinische Fachangestellte (MFA) befragte. Ärzte greifen sogar häufiger zu diesen nicht zertifizierten Tools als ihre Angestellten – sowohl bei Nachforschungen (50 gegenüber 30 Prozent) als auch bei der Dokumentation (28 versus 17 Prozent).
Dieses als Schatten-KI oder Shadow AI bezeichnete Phänomen offenbart einen Widerspruch im deutschen Gesundheitswesen: Einerseits äußern 54 Prozent der befragten Mediziner Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der Datensicherheit beim KI-Einsatz in der Praxis, 44 Prozent befürchten zudem den Verlust persönlicher Kontrolle bei Verwaltungsarbeiten. Andererseits scheint der Bedarf an digitaler Unterstützung denn doch derart groß, dass viele zu öffentlich verfügbaren Lösungen greifen.
Patienten fordern schnelleres Tempo
Im Kreise der zu Behandelnden ist die Offenheit gegenüber KI-Assistenten, die sie bei Anfragen unterstützen, ausgesprochen hoch – zumindest, wenn der konkrete Nutzen erkennbar ist: 72 Prozent würden einen KI-gestützten Assistenten bei der Terminvereinbarung nutzen. Bei organisatorischen Fragen würden 63 Prozent auf KI zurückgreifen.
Bei der Datennutzung zeigt sich ein differenziertes Meinungsbild: 65 Prozent würden Gesundheitsdaten mit einer KI teilen, wenn die Nutzung freiwillig ist und sie jederzeit widersprechen können. 59 Prozent wären dazu bereit, wenn Ärzte dadurch vor dem Termin alle Informationen hätten und sich besser vorbereiten könnten.
Fernab von künstlicher Intelligenz werden auch etablierte digitale Dienste geschätzt: Sieben von zehn Befragten finden die Online-Terminbuchung hilfreich, 67 Prozent das E-Rezept, nur zwei Prozent weniger auch digitale Terminerinnerungen. Die Wünsche der Patienten sind klar: 62 Prozent nennen kürzere Wartezeiten auf Termine, knapp drei Fünftel eine schnellere Praxis- und Terminsuche, 47 Prozent eine bessere Erreichbarkeit der Praxen.
Ingesamt ist die Unzufriedenheit mit den digitalen Möglichkeiten auf Patientenseite hoch: Sieben von zehn Befragten kritisieren das langsame Tempo der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Beinahe ebenso viele (68 Prozent) sehen Deutschland im internationalen Vergleich abgehängt. Die praktischen Auswirkungen sind spürbar: Nur 35 Prozent der Patientinnen und Patienten empfinden die Suche nach einem Arzttermin als einfach, 38 Prozent wurden in den vergangenen zwölf Monaten als Neupatienten in einer Praxis abgelehnt. Fast zwei Drittel haben deshalb bereits auf einen Arzttermin verzichtet, was insbesondere die Prävention gefährdet.
Medizinisches Personal sieht Chancen und Grenzen
79 Prozent der befragten Ärzte und MFA sehen Digitalisierung grundsätzlich als hilfreich an, betonen aber, dass der menschliche Kontakt dabei weiter im Mittelpunkt stehen müsse. Die Studie zeigt klare Vertrauensgrenzen: 47 Prozent vertrauen KI bei administrativen Aufgaben, aber nicht bei medizinischen Entscheidungen. 60 Prozent haben Bedenken bezüglich der Korrektheit medizinischer Aussagen von KI, etwa bei Diagnosen.
29 Prozent nutzen bereits KI im administrativen sowie medizinischen Bereich und sind mit den Ergebnissen zufrieden. Beim Blick auf vernetzte Versorgung werden die Prioritäten deutlich: 53 Prozent wünschen sich schnelleren Zugriff auf Patientendaten, die in anderen Praxen erhoben wurden. 47 Prozent hoffen auf weniger Doppeluntersuchungen, 43 Prozent bauen auf eine bessere Notfallversorgung durch verfügbare Patientenhistorien.
Millionenfaches Einsparpotenzial
Nach Hochrechnungen von Doctolib könnten KI-gestützte Assistenten erhebliche Effizienzgewinne bringen. KI-Sprechstundenassistenten, die während der Konsultation automatisch dokumentieren, könnten den entsprechenden Aufwand um über 70 Prozent reduzieren. Telefonassistenten könnten Unterbrechungen am Praxisempfang um bis zu 60 Prozent reduzieren. Bei durchschnittlich zehn Stunden Entlastung pro Woche und Arzt bzw. Ärztin ergäben sich bei 106.623 niedergelassenen Ärzten in Deutschland über eine Million zusätzliche Stunden für die Patientenversorgung wöchentlich – hochgerechnet rund 55 Millionen Stunden jährlich.
Nikolay Kolev, Managing Director von Doctolib Deutschland, unterstreicht angesichts der Aussage, dass sich sowohl Ärzte und Ärztinnen als auch MFA mehr Zeit für ihre Patienten wünschen, den Mehrwert von künstlicher Intelligenz: „KI-basierte Lösungen erlauben effizientere Dokumentation bei hoher Benutzerfreundlichkeit und erhöhen die Behandlungsqualität entlang des gesamten Versorgungspfades.“
Stand: 08.12.2025
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