Mit rund 3,8 Millionen Arzt-Patient-Kontakten pro Tag und etwa 97 Prozent aller Behandlungsfälle leisten die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte den Großteil der medizinischen Versorgung. Doch hohe Kosten, viel Bürokratie, fehlende Nachfolger, rechtliche Vorgaben und die Herausforderungen durch die Digitalisierung erfordern ein Umdenken in der ambulanten Versorgung.
Die klassische Arztpraxis verändert sich – nicht nur aufgrund der digitalen Möglichkeiten.
(Bild: lenets_tan - stock.adobe.com)
Die klassische Haus- und Facharztpraxis ist im Wandel. Viele Praxen finden keine Nachfolger, mehr als 5.000 Hausarztsitze sind unbesetzt. Die Arbeitsbelastung ist enorm, und gleichzeitig steigen sowohl die Kosten als auch der Verwaltungsaufwand. Laut einer Umfrage des Marburger Bundes unter angestellten Ärztinnen und Ärzten verbringen diese im Durchschnitt täglich drei Stunden mit Verwaltungstätigkeiten und Dokumentation, 60 Prozent der Befragten fühlen sich überlastet.
Challenge Digitalisierung
Die Digitalisierung soll die Mediziner entlasten, ist aber selbst eine Challenge. In einer vom Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (IQME) durchgeführten Online-Befragung zeigte sich, dass etwa zwei von drei Befragten mit der IT-Ausstattung „eher unzufrieden“ (38 Prozent) oder gar „unzufrieden“ (27 Prozent) sind. Dazu kommen rechtliche Vorgaben wie NIS-2 oder das Mammutprojekt „Telematikinfrastruktur“. So wichtig und richtig diese technischen Entwicklungen sind, führen sie doch zunächst weg von der eigentlichen Aufgabe: der medizinischen Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Alternative: Kooperationen
Kein Wunder also, dass alternative Praxismodelle Zulauf finden. Das wohl bekannteste Modell ist das „Medizinische Versorgungszentrum“ (MVZ). In den Praxisgemeinschaften arbeiten die Ärztinnen und Ärzte im Angestelltenverhältnis mit zentraler Verwaltung. Dadurch werden sie von bürokratischen Aufgaben entlastet und sparen Kosten durch die gemeinsame Nutzung von Medizintechnik, Personal und Räumlichkeiten.
Ein anderes Konzept verfolgt beispielsweise das Unternehmen Eterno mit seinen Co-Working-Spaces. „In den MVZ gibt es ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Eigentümer und den Ärzten“, sagt Mitgründer Dr. Timo Rodi. „Wir sind kein profitorientiertes MVZ, dessen Ziel es ist, möglichst viele Privatpatienten zu behandeln.“ Jeder Euro, der in der Eterno-Praxis verdient werde, bleibe bei den Ärztinnen und Ärzten. Zudem soll das All-inclusive-Modell dafür sorgen, dass die Mediziner nicht nur von administrativen Tätigkeiten entlastet werden, sondern sich auch nicht mehr um ihre IT kümmern müssen – inklusive Zugang zur Telematikinfrastruktur oder Software rund um künstliche Intelligenz.
Doch auch in den MVZ geht die Entwicklung stetig weiter. So wurde kürzlich im Berliner MVZ „VenaZiel“ ein ambulantes OP-Zentrum eröffnet. Hier sollen Eingriffe durchgeführt werden, die bislang fast ausschließlich stationär behandelt wurden – etwa Leistenbrüche, Krampfadern, Hämorrhoiden oder Steißbeinfisteln. Bei VenaZiel ist man überzeugt, dass MVZ die Zukunft der ambulanten Versorgung sind. „Unser Modell vereint medizinische Qualität mit organisatorischer Professionalität“, heißt es. Die Struktur ermögliche eine „moderne, verlässliche Medizin“ und schaffe für die Ärztinnen „teamorientierte, stabile Arbeitsbedingungen“. „Wir sehen uns als Bindeglied zwischen Hausarztpraxis, Facharzt und ambulanter Chirurgie“, heißt es aus dem Unternehmen.
„HÄPPI“ ist ein Praxiskonzept, das in Baden-Württemberg pilotiert wurde und nun auch in Bayern und Rheinland-Pfalz getestet wird.
Das HÄPPI-Konzept setzt auf multiprofessionelle Versorgung unter hausärztlicher Supervision.
(Bild: Tom Weller)
Das Teampraxismodell, dessen Akronym HÄPPI für „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“ steht, will ebenfalls die Ärzteschaft entlasten und vor allem die Patientenversorgung im ländlichen Raum verbessern. Dabei sollen die Arbeiten innerhalb der Praxisteams effizienter verteilt und auch auf nicht-akademische Gesundheitsfachkräfte wie Physician Assistants oder akademisierte Pflegekräfte ausgelagert werden. Natürlich spielen auch digitale Tools eine Rolle, vor allem bei der Patientenversorgung und im Praxismanagement. „Ansätze wie HÄPPI, bei denen Ärztinnen und Ärzte auf Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen zusammenarbeiten, können Wartezeiten vermindern und durch eine stärkere Steuerung der Behandlung das Nebeneinander von Unter-, Fehl-, und Überversorgung abbauen“, erklärte Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha.
Das Projekt DIHVA schlägt in eine ähnliche Kerbe. Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Allgemeinmedizinern, universitärer Versorgungsforschung, E-Health-Unternehmen und kassenärztlicher Vereinigung unter Leitung von Alexander R. Baasner, Director Medical Operations der samedi GmbH, und dem Arzt Stefan Spieren. Das Akronym DIHVA steht für „Digitale Hausärztliche Versorgungsassistenten“ und zeigt, worum es hier geht: eine verbesserte Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten durch digital geschulte Assistenten, die mittels telemedizinischer Angebote und digitaler Diagnostik unterstützt werden. Man könnte hier gar von einer neuen Berufgruppe im Gesundheitswesen sprechen.
Stand: 08.12.2025
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Die Hoffnungen auf eine stabile ambulante Versorgung ruhen nicht zuletzt auch auf der neuen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). „Die vergangene Legislaturperiode war unter anderem geprägt durch Misstrauen gegenüber der Selbstverwaltung und damit insbesondere gegenüber denjenigen, die die Versorgung der Patientinnen und Patienten tagtäglich organisieren“, monierte der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in einem gemeinsamen Statement. „Die Themen – von Bürokratieabbau über Finanzierung bis hin zu einer sinnvollen Patientensteuerung und Digitalisierung – liegen auf dem Tisch. Wir bieten unsere Unterstützung an, um die ambulante Versorgung als tragendes Element des Gesundheitswesens und als Stabilitätsanker unserer demokratischen Gesellschaft zu stärken.“