Der fehlende Baustein Telemedizin in der Pädiatrie

Ein Gastbeitrag von Jörg Weise 5 min Lesedauer

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Wenn nachts das Fieber steigt, bleibt Eltern oft nur Dr. Google oder die Notaufnahme. Pädiatrische Telemedizin könnte diese Lücke schließen, spielt im deutschen Gesundheitssystem aber weiterhin eine untergeordnete Rolle.

Mangelnde Unterstützung im Entscheidungsprozess ist ein Grund dafür, warum Eltern im Zweifel den Weg in die ohnehin überlastete Notaufnahme gehen.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Mangelnde Unterstützung im Entscheidungsprozess ist ein Grund dafür, warum Eltern im Zweifel den Weg in die ohnehin überlastete Notaufnahme gehen.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Sonntagnacht, 23 Uhr. Das Kind liegt im Bett, die Stirn glüht, das Thermometer zeigt 39,5°C. Man tut das, was besorgte Eltern in dieser Situation tun: googeln. Der erste Treffer beruhigt, der zweite verunsichert und der dritte nennt Meningitis. Innerhalb von Minuten wird aus elterlicher Sorge eine medizinische Entscheidung, die kein Elternteil allein treffen sollte – und für die das System in diesem Moment keine Anlaufstelle bereithält.

Diese Situation kenne ich nicht nur aus meinem beruflichen Kontext. Als Vater von zwei Kindern habe ich sie selbst erlebt: die Mischung aus Sorge, Verantwortung und dem Bewusstsein, dass es in dieser Nacht niemanden gibt, der mir medizinisch fundiert sagt, ob ich abwarten kann oder losfahren muss. Das ist der Alltag junger Familien in einem Land, dessen Gesundheitssystem im Regelbetrieb vieles leistet – aber nicht um 23 Uhr, nicht am Wochenende und nicht bei der Frage, die Eltern am häufigsten stellen: Ist das noch normal?

Ein strukturelles Versagen beim Erstkontakt

Die kinderärztliche Versorgung in Deutschland steht seit Jahren unter großem Druck. Die Ursachen sind nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur. Praxen schließen, der Nachwuchs fehlt, die regionale Unterversorgung jenseits der Ballungszentren nimmt zu. Der Kindergesundheitsbericht 2025 dokumentiert, was Eltern täglich erleben. Die Notfallversorgung für Kinder ist zunehmend belastet – nicht, weil mehr Kinder krank sind, sondern weil der reguläre Zugang zum Arzt so häufig versperrt ist, dass Eltern den einzigen Weg nehmen, der immer offensteht: die Notaufnahme.

Das muss präzise benannt werden: Eltern, die mit einem fiebernden Kind nachts in die Klinik fahren, handeln nicht unverhältnismäßig. Sie handeln rational innerhalb eines Systems, das ihnen keine Alternative lässt. Das ist kein Vorwurf an die Familien, sondern ein Befund über fehlende Versorgungssteuerung. Die Folgen durchziehen das gesamte Gefüge: Notaufnahmen werden mit ambulant behandelbaren Fällen belastet, Fachkapazitäten fehlen dort, wo sie für schwerere Verläufe gebraucht werden, und die Kosten der ungesteuerten Inanspruchnahme steigen, ohne dass sich die Versorgungsqualität verbessert.

Was fehlt, ist ein qualifizierter Erstkontakt, der medizinische Unsicherheit differenziert, bevor diese zur Fehlsteuerung wird.

Die Lotsenfunktion, die niemand übernimmt

Telemedizin wird in der deutschen Debatte mit einer Ambivalenz diskutiert, die ihrem Potenzial nicht gerecht wird. Sie gilt wahlweise als pandemiebedingtes Provisorium, als digitale Verlängerung der Praxis oder als Zukunftsversprechen, das regulatorisch nie eingelöst wurde. Jede dieser Zuschreibungen enthält zwar einen wahren Kern, verfehlt aber den Punkt. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Telemedizin im Allgemeinen funktioniert. Die Frage ist, ob sie im Besonderen dort wirken kann, wo das System seine größte Lücke hat.

In der Pädiatrie ist diese Lücke exakt lokalisierbar: Sie liegt zwischen dem Moment, in dem Eltern unsicher werden, und der Inanspruchnahme einer für andere Bedarfe vorgehaltenen Notaufnahme. Um diese Lücke zu schließen, ist eine qualifizierte Ersteinschätzung erforderlich, die medizinisch differenziert ist: Wer muss wirklich in die Notaufnahme? Wer ist ambulant gut versorgt? Wer braucht vor allem Einordnung – fundiert genug, um die Nacht zu überstehen, und verbindlich genug, um Vertrauen zu schaffen?

Dass das funktioniert, ist keine Hypothese. In der Schweiz existiert mit der Kids Line seit über zehn Jahren ein pädiatrischer Telemedizindienst, dessen Wirksamkeit in einer prospektiven Multicenter-Studie belegt ist (erschienen in „Frontiers in Pediatrics", 2025): 54,3 Prozent aller Anliegen konnten vollständig telemedizinisch gelöst werden, ohne dass ein Präsenzkontakt erforderlich war. 76,9 Prozent der Familien hätten ohne diesen Dienst eine Notaufnahme aufgesucht. Die Triage-Qualität wurde in 91,7 Prozent der Fälle im Peer-Review als angemessen bewertet.

Derartige Lösungen ersetzen nicht den Kinderarzt. Sie übernehmen eine Lotsenfunktion, die im deutschen System bislang niemand wahrnimmt und die zwischen verunsicherten Eltern und einer überlasteten Notaufnahme fehlt.

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