Der fehlende Baustein

Telemedizin in der Pädiatrie

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Telemedizin macht sich nicht so nebenbei

In diesem Zusammenhang wird zu Recht die Frage gestellt: Kann ein Bildschirm das auffangen, was bei Kindern klinisch so schnell kippen kann? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an, wer dahinter sitzt.

Idealerweise beschäftigen solche Diensteanbieter eigene, festangestellte Ärztinnen und Ärzte, darunter Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin. Kein Plattformmodell mit zugeschalteten Freelancern und keine algorithmisch verwaltete Warteschlange ohne ärztliche Entscheidungshoheit. Die telemedizinische Beratung sollte eigenen Leitlinien folgen, die auf Basis nationaler und internationaler Standards entwickelt wurden und kontinuierlich fortgeschrieben werden.

Wer Telemedizin als Kernkompetenz betreibt, kann Standards setzen, die im Nebenbetrieb nicht erreichbar sind. Das lässt sich am verlässlichsten in spezialisierten Telekonsultationsdiensten mit klaren Qualitäts-, Weiterbildungs- und Dokumentationsstandards organisieren. Dies unterscheidet sich grundlegend von dem, was unter dem Label „Telemedizin“ häufig angeboten wird: eine technische Infrastruktur ohne die medizinische Substanz, die Vertrauen erst rechtfertigt.

Was die PKV vormacht

Doch ausgerechnet dort, wo Spezialisierung und Standardisierung entstehen könnten, bremst die Regulatorik aus. Reine Telemedizin-Anbieter mit angestellten Ärzten und Ärztinnen können im GKV-System nicht direkt an der Versorgung teilnehmen, obwohl die aktuelle gesundheitspolitische Debatte erste Signale der Öffnung zeigt. Die Zulassungslogik schließt damit jene Akteure aus, die Telemedizin nicht als Nebenprodukt betreiben, sondern als Kernkompetenz.

Im PKV-Umfeld dagegen werden Modelle erprobt, die zeigen, dass Zugangsgeschwindigkeit, Behandlungsqualität und Wirtschaftlichkeit gemeinsam optimierbar sind. Seit September 2025 ist TeleDoc4Kids mit der Debeka live – einem der größten PKV-Anbieter Deutschlands, mit einer Versichertenbasis, die in besonderem Maße junge Familien umfasst. Die Logik ist klar: Eltern mit kleinen Kindern gehören zu den Gruppen, die Versorgungslücken am unmittelbarsten spüren und am stärksten auf verlässliche Lösungen reagieren. Es geht um Kundenbindung durch echten Versorgungsnutzen, bessere Steuerung und die Vermeidung unnötiger Notfallkosten.

Was dort nachweislich funktioniert, sollte nicht als Sondermodell gelten, sondern als Blaupause für die GKV.

Vom Sonderfall zum Standard

Was in der Schweiz seit über einem Jahrzehnt im Regelbetrieb funktioniert, ist in Deutschland noch immer ein Sonderfall. Die Daten sind vorhanden, die Evidenz ist publiziert und die Qualitätsstandards sind nachweisbar. Was fehlt, ist der gesundheitspolitische Wille, die Zulassungslogik so weiterzuentwickeln, dass spezialisierte Telemedizin-Anbieter mit pädiatrischer Kompetenz auch im deutschen System ihren Platz finden – nicht als Ergänzung am Rand, sondern als integraler Bestandteil der Versorgungskette.

Telemedizin in der Pädiatrie darf kein Pilotthema bleiben. Nicht weil es eine schöne Vision ist, sondern weil die Last, die das Fehlen dieser Struktur erzeugt, bereits heute konkret und zählbar ist: in Notaufnahmezahlen, in gebundenen Fachkapazitäten und in Familien, die sonntags um 23 Uhr keine andere Wahl sehen. Deutschland hat alle Voraussetzungen, die pädiatrische Erstversorgung qualifiziert, zugänglich, steuernd und evidenzbasiert zu gestalten. Aber nur, wenn wir aufhören, erprobte Lösungen als Sondermodelle zu behandeln.

Der Autor
Jörg Weise ist seit Mai 2024 bei der Medgate Deutschland GmbH tätig, seit Januar 2025 als Geschäftsführer. Zuvor verantwortete er das DACH-Geschäft bei Infermedica, einem Spezialisten für digitale Symptomanalyse und Patientenaufnahme. Weise verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen E-Health, Plattformtechnologien und digitale Transformation. Bei Medgate verantwortet er den Ausbau telemedizinischer Versorgungsangebote auf dem deutschen Markt.

Bildquelle: Medgate GmbH

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