Actionable AI im klinischen Umfeld Vertrauen und Transparenz als zentrales Betriebssystem

Ein Gastbeitrag von Stephan Frederik Jensen 4 min Lesedauer

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Eine Hand an der Tastatur, die andere am Patienten, so sieht der Klinikalltag aus. Agentische KI verspricht, die bürokratischen Lasten zu schultern – aber nur, wenn auch alle Beteiligten ihr vertrauen. Nur, wie lässt sich das bewerkstelligen?

Agentische KI erhält idealerweise das gleiche Maß an Vertrauen, das klinische Teams ihren Kolleginnen und Kollegen entgegenbringen. (© Production Perig – stock.adobe.com)
Agentische KI erhält idealerweise das gleiche Maß an Vertrauen, das klinische Teams ihren Kolleginnen und Kollegen entgegenbringen.
(© Production Perig – stock.adobe.com)

Betritt man heute ein Krankenhaus, so sieht man überall das gleiche Bild: Pflegekräfte und Ärztinnen sowie Ärzte stehen zwischen Versorgung und Bürokratie. Eine Hand auf der Tastatur, die andere am Patienten. Es fehlt nicht an Fachkompetenz oder Empathie, sondern an Zeit. Denn auf jedem Versorgungspfad lauern unzählige administrative Anforderungen, verstreute IT-Systeme und fragmentierte Prozesse. Die klinischen Teams sind das Bindeglied, das all diese Komplexität zusammenhält.

Der Preis dafür ist hoch: steigende Burnout-Raten, Personalknappheit und eine schleichende Entfremdung von dem, was viele ursprünglich in die Medizin geführt hat. Künstliche Intelligenz kann diese strukturellen Herausforderungen nicht allein lösen. Aber wenn sie richtig eingesetzt wird, kann sie den Menschen im Gesundheitssystem Zeit und Freiraum zurückgeben.

Der Wendepunkt: Agentische KI für klinische Arbeitsabläufe

Mit Blick auf das Jahr 2026 steht das Gesundheitswesen an einem entscheidenden Wendepunkt. KI entwickelt sich von einem unterstützenden Werkzeug zu einem aktiven Akteur. Aus Systemen, die auf Eingaben warten, werden Systeme, die selbstständig planen, priorisieren und ausführen.

Diese Entwicklung hat längst begonnen. Viele Gesundheitsorganisationen berichten bereits über deutliche Vorteile durch generative KI. Zudem kündigt fast die Hälfte der Verantwortlichen im Gesundheitswesen an, künftig einen erheblichen Teil ihres KI-Budgets in agentische Systeme zu investieren – also in Lösungen, die eigenständig Handlungsschritte ausführen und Initiativen übernehmen können.

Der große Hebel für die kommenden Jahre liegt daher weniger in neuen Fähigkeiten als in der intelligenten Anwendung bereits etablierter KI, um die stille Last der Administration zu reduzieren und das Potenzial der Mitarbeitenden freizusetzen.

Vom Informationslieferanten zum aktiven Partner

Derzeit nutzen viele Einrichtungen KI für Zusammenfassungen, Entlassungsunterlagen oder patientenverständliche Bildungsinhalte. Der nächste Entwicklungsschritt entsteht jedoch dort, wo KI nicht nur auf Anfragen reagiert, sondern aktiv handelt: Ein KI-Agent koordiniert Informationen aus elektronischen Akten, Labordaten und Bildgebung. Er erkennt fehlende Angaben, ordnet Aufgaben nach Dringlichkeit, empfiehlt leitlinienbasierte Schritte und unterstützt die klinische Entscheidungsfindung in Echtzeit.

Auf diese Weise entsteht ein neues Arbeitsmodell: weg von statischer Automatisierung, hin zu dynamischer Zusammenarbeit zwischen Mensch und System. In den kommenden Jahren werden solche Agenten zunehmend komplexe Prozesse orchestrieren – von der Dokumentation über Folgeuntersuchungen bis hin zur organisationsweiten Steuerung klinischer Arbeitsabläufe.

Administrative KI, die Wirkung zeigt

Oft entstehen die stärksten Transformationsimpulse dort, wo sie am wenigsten sichtbar sind: im Hintergrund administrativer Abläufe. Gesundheitsorganisationen berichten bereits von besonders effektiven Einsatzbereichen, wie …

  • automatisierter Bestandsführung,
  • Unterstützung bei der medizinischen Bildanalyse oder auch
  • intelligenten Screening-Lösungen und digitaler Begleitung.

Modern aufgestellte Krankenhäuser wie das Universitätsklinikum Freiburg entlasten bereits Tausende klinische Mitarbeitende durch KI-gestützte Zusammenfassungen in Echtzeit. Auch andere Organisationen wie IKS Health automatisieren mithilfe von Multi-Agenten-Systemen einen Großteil repetitiver Tätigkeiten wie Codierung und Abrechnung und schaffen so Kapazitäten für direkte Patientenkontakte und komplexe Koordinationsaufgaben.

Diese Fortschritte zeigen: KI kann zu einem nachhaltigen Gesundheitsökosystem beitragen. Jeder automatisierte Schritt bedeutet weniger kognitive Last für Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte. Jede reibungslos erledigte Genehmigung bedeutet weniger Frustration für alle Beteiligten. Mit zunehmender Reife agentischer Systeme werden auch patientennahe Prozesse profitieren. Terminorganisation, Versicherungsprüfungen und Medikationsmanagement lassen sich automatisieren – und werden so konsistenter und transparenter.

Vertrauen als entscheidender Erfolgsfaktor

Für den breiten Erfolg agentischer KI reicht es nicht aus, dass Systeme technisch leistungsfähig sind. Sie müssen auch das gleiche Maß an Vertrauen verdienen, das klinische Teams ihren Kolleginnen und Kollegen entgegenbringen. Skepsis ist dabei kein Hindernis, sondern ein berechtigter Qualitätsanspruch.

Modelle, die nicht nachvollziehbar sind, werden in der Versorgung auf Zurückhaltung stoßen. Denn klinische Entscheidungen basieren auf Prüf- und Rückverfolgbarkeit. Technologie muss dies unterstützen, nicht unterlaufen. Für den Weg nach vorne sind zwei strategische Prioritäten entscheidend:

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1. Von Datenqualität zu überprüfbarem Vertrauen

Daten müssen nicht nur korrekt und harmonisiert sein. Jeder Handlungsschritt eines KI-Agenten muss auch nachvollziehbar bleiben. Werden Informationen zusammengefasst, sind klare Quellenverweise bis zur ursprünglichen Dokumentation im System erforderlich. Dadurch werden Zweifel reduziert und die Verantwortung klar verankert.

2. Governance als Co-Entwicklung

Grundsätzliche Leitlinien der Unternehmensführung bilden die Basis. Doch erst, wenn Governance in den Arbeitsalltag integriert wird, entsteht die eigentliche Wirkung. Klinische Review-Boards können zu aktiven Partnern der Entwicklung werden, indem sie nicht als Blockade, sondern als Mitgestalter agieren. So entsteht Technologie, die die klinische Realität abbildet und Akzeptanz fördert. Im Gesundheitswesen ist Vertrauen keine Zusatzoption. Es ist das Betriebssystem, das jede Innovation trägt.

Eine menschlichere Zukunft

Das wahre Potenzial KI-gestützter Agenten liegt nicht allein in ihrer Intelligenz, sondern in ihrer Fähigkeit, Empathie im System hervorzurufen. Wenn repetitive Aufgaben automatisiert werden, gewinnen Menschen Zeit für das, was im Kern ihrer Profession steht: Beziehung, Beobachtung, Zuwendung.

Gelingt es dem Gesundheitswesen, KI nicht nur zu entwickeln, sondern auch verantwortungsvoll und transparent zu implementieren, entsteht ein menschlicheres statt technischeres System. Diese Chance zu nutzen, ist der erste Schritt, sodass 2026 nicht einfach das Jahr der KI-Agenten wird. Vielmehr könnte es das Jahr werden, in dem wir Klicks durch echte Versorgung ersetzen und Technologie dazu nutzen, die menschliche Verbindung in der Medizin zu stärken.

Der Autor
Stephan Frederik Jensen ist Cluster Lead Life Sciences, Chemicals, Energy & TMT bei Google Cloud.

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