Der Druck auf das Gesundheitswesen steigt: Fachkräftemangel, wachsende Fallzahlen und komplexe Dokumentation belasten Kliniken. Digitalisierung kann gezielt entlasten und sichert die Zukunftsfähigkeit des Systems.
Digitale Lösungen sollten dazu beitragen, Bürokratie zu verringern und zwischenmenschliche Zeit zu gewinnen.
Mit der verpflichtenden Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) hat Deutschland einen historischen Schritt in Richtung einer modernen, datenbasierten Gesundheitsversorgung getan. Entscheidend wird jetzt sein, die ePA konsequent weiterzuentwickeln – von der stärkeren Einbindung der Kliniken bis hin zur Nutzung strukturierter Daten für Forschung und individualisierte Therapien. Nur so wird sie vom digitalen Archiv zum zentralen Steuerungsinstrument für Prävention, Akutmedizin und Nachsorge.
Die ePa kann dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie Teil einer vernetzten digitalen Infrastruktur ist. Das bedeutet: Daten müssen sicher, standardisiert und sektorenübergreifend austauschbar sein – unabhängig davon, in welcher Klinik oder Praxis sie entstehen. Dafür braucht es klare technische Standards (etwa FHIR, HL7) und ein verbindliches Verständnis von Interoperabilität.
Wenn Ärztinnen, Therapeuten und Pflegekräfte Informationen nicht mehrfach erfassen müssen, entsteht Zeit für das Wesentliche: den Menschen. Gleichzeitig können Patienten selbst aktiver eingebunden werden, etwa durch mobile Anwendungen, die Therapieverläufe, Medikationen oder Vitaldaten transparent machen.
Künstliche Intelligenz als Partner, nicht Ersatz
KI im Gesundheitswesen löst bei vielen zunächst Skepsis aus: zu unpersönlich, zu komplex, zu riskant. Tatsächlich liegt der größte Nutzen von KI aber nicht in der Ersetzung, sondern in der Entlastung medizinischer Fachkräfte.
Ein praktisches Beispiel sind KI-basierte Systeme, die medizinische Dokumente strukturieren, relevante Parameter hervorheben oder Routineaufgaben unterstützen, etwa im Terminmanagement oder der Dokumentation. Besonders in Reha- oder Kurkliniken, wo individuelle Verlaufsdokumentation essenziell ist, kann Automatisierung spürbar Zeit und Personalressourcen entlasten.
Auch im Patientenkontakt kann KI sinnvoll unterstützen, beispielsweise durch Chatbots, die einfache Anfragen beantworten oder durch intelligente Erinnerungen, die Therapieadhärenz fördern. Wichtig ist, dass die Technologie transparent und kontrollierbar bleibt. Entscheidungen über Diagnosen oder Behandlungen müssen weiterhin beim medizinischen Personal liegen.
Digitalisierung über Sektorengrenzen hinweg
Ein häufiger Kritikpunkt an der bisherigen Digitalstrategie ist ihre Fragmentierung. Kliniken, Reha-Einrichtungen und ambulante Praxen arbeiten oft mit unterschiedlichen Systemen, die kaum miteinander kommunizieren. Genau hier entscheidet sich, ob Digitalisierung zur echten Entlastung führt oder zusätzlichen Aufwand erzeugt.
Ziel muss es sein, digitale Brücken zu schlagen: zwischen Fachbereichen, Einrichtungen und Patientinnen. Das gelingt nur, wenn Prozesse gemeinsam gedacht werden und nicht in Silos.
Moderne Softwarelösungen können diesen Weg ebnen, wenn sie offen, interoperabel und modular gestaltet sind. Sie sollten sich in bestehende Krankenhausinformationssysteme (KIS) integrieren, statt sie zu ersetzen.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Klinik am See bei Berlin. Dort wurden bereits 2013 alle Ärztinnen und Therapeutinnen mit Tablets ausgestattet – ein Schritt, der die digitale Dokumentation direkt am Patientenbett ermöglicht hat. Medikation, Anamnese und Verlaufsdokumentation konnten damit erstmals mobil und strukturiert erfolgen. Im Laufe der Jahre wurde die digitale Infrastruktur konsequent ausgebaut: Heute werden Patienten vor, während und nach ihrem Aufenthalt digital in den Klinikprozess eingebunden. Sie können etwa Termine vorbereiten, Fragebögen ausfüllen, Therapieinformationen abrufen oder Feedback geben – alles über sichere Anwendungen, die nahtlos in die klinischen Abläufe integriert sind. So entsteht ein durchgängiger digitaler Behandlungsprozess, der sowohl das medizinische Personal als auch die Patient:innen entlastet und die Versorgung transparenter macht.
Digitalisierung mit Haltung
Technologische Innovation allein genügt nicht. Digitalisierung muss immer dem Menschen dienen: Patienten, Pflegekräften, Therapeuten gleichermaßen. Deshalb ist es zentral, Systeme benutzerfreundlich, barrierearm und sicher zu gestalten.
Stand: 08.12.2025
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Datenschutz ist hier kein Hindernis, sondern Voraussetzung für Vertrauen. Damit bleiben sensible Gesundheitsdaten in sicheren Händen: Ein Punkt, der für viele Einrichtungen heute ein entscheidendes Auswahlkriterium ist. Systeme, die auf europäische Standards und zertifizierte Prozesse setzen, schaffen dieses Vertrauen.
Ein Blick in die Zukunft
In den nächsten Jahren werden digitale Gesundheitsökosysteme entstehen, in denen Software, Geräte, Kliniken und Patient:innen nahtlos zusammenarbeiten. Künstliche Intelligenz wird zunehmend personalisierte Therapieempfehlungen geben, während Echtzeitdaten aus Sensorik oder Apps die Grundlage für präventive Medizin bilden.
Doch der technologische Fortschritt ist nur die eine Seite. Ebenso wichtig ist der kulturelle Wandel: Digitalisierung bedeutet, Prozesse neu zu denken, Hierarchien aufzubrechen und den Mut zu haben, alte Strukturen hinter sich zu lassen.
Ebenso wichtig ist es, die Menschen von Anfang an in den digitalen Wandel einzubeziehen. Nur wer versteht, wie neue Technologien funktionieren, kann sie sinnvoll nutzen und Vertrauen aufbauen. In unseren Projekten zeigt sich immer wieder: Je früher Mitarbeitende eingebunden werden, desto größer ist ihre Akzeptanz und ihr Nutzen. Digitalisierung ersetzt keine Arbeitsplätze. Sie erleichtert die Arbeit und reduziert den Druck auf das Personal erheblich. So entsteht ein Umfeld, in dem Technologie als Unterstützung wahrgenommen wird, nicht als Bedrohung.
Fazit: Fortschritt braucht Vertrauen
Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie kann das Gesundheitswesen dann stärken, wenn sie verständlich, verlässlich und menschlich gedacht wird. Die elektronische Patientenakte, KI und vernetzte Systeme sind Werkzeuge – entscheidend ist, wie wir sie nutzen. Wenn digitale Lösungen dazu beitragen, Bürokratie zu verringern und zwischenmenschliche Zeit zurückzugewinnen, dann erfüllt Technologie ihren eigentlichen Zweck.
Ulrich Hutter Seit der Gründung 1998 führt Ulrich Hutter gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich das Unternehmen GMS. Als CTO & CEO verantwortet er die technische Entwicklung, die Wahl zukunftsfähiger Technologien und das Innovationsmanagement.