Weniger Ärzte, mehr Patienten Warum Deutschland Echtzeit-Gesundheitsdaten braucht

Ein Gastbeitrag von Roger Illing 5 min Lesedauer

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Während Kliniken händeringend Personal suchen, stecken wichtige Gesundheitsdaten weiterhin in isolierten Systemen fest. Gerade manuelle Prozesse kosten Zeit, die besser in die Patientenversorgung investiert wäre. Echtzeit-Datenströme können nicht nur für Entlastung sorgen, sie sind auch für KI-Szenarien relevant.

Ein besserer Informations- und Datenfluss verschafft Ärztinnen und Ärzten mehr Zeit für die Patientenversorgung.(Bild: ©  DZMITRY - stock.adobe.com)
Ein besserer Informations- und Datenfluss verschafft Ärztinnen und Ärzten mehr Zeit für die Patientenversorgung.
(Bild: © DZMITRY - stock.adobe.com)

Das deutsche Gesundheitswesen steht vor einer Belastungsprobe. Die Erwartungen steigen, während die verfügbaren Ressourcen schrumpfen. Mehr Personal oder neue Einrichtungen allein lösen die Probleme nicht. Gefragt sind intelligentere Prozesse, die bestehende Teams entlasten, Ressourcen gezielt einsetzen und eine bedarfsgerechte Versorgung ermöglichen.

Echtzeitdaten spielen dabei eine entscheidende Rolle. Ein besserer Informationsfluss im Gesundheitssystem verschafft Ärzten die nötige Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Behandlung der Patienten.

Das Gesundheitswesen erreicht eine kritische Schwelle

Das deutsche Gesundheitssystem steuert auf einen demografischen Engpass zu, der sich Jahr für Jahr verschärft. Bereits 2035 wird in Deutschland ein Viertel der Bevölkerung 67 Jahre und älter sein. Damit steigen chronische und komplexe Mehrfacherkrankungen sowie der Bedarf an regelmäßiger Diagnostik deutlich an. Gleichzeitig nimmt der Mangel an medizinischem Personal weiter zu. Studien rechnen damit, dass bis 2035 knapp 1,8 Millionen Stellen nicht mehr besetzt werden können.

Um gegenzusteuern, treiben viele Länder digitale Gesundheitsinitiativen gezielt voran. Auch in Deutschland ist die Entwicklung spürbar: Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) fließen Investitionen in die Digitalisierung der Kliniken, um Infrastruktur und Prozesse zu modernisieren. Gleichzeitig schafft die elektronische Patientenakte (ePA) die Voraussetzung dafür, dass medizinische Informationen einrichtungsübergreifend verfügbar sind.

Parallel dazu setzen immer mehr Krankenhäuser auf digitale Werkzeuge und optimierte Abläufe. IoT-Sensoren und digitale Workflows sollen helfen, Patientenströme besser zu steuern und Ressourcen effizienter zu nutzen. Diese Entwicklungen zeigen, dass Deutschland digitale Innovation im Gesundheitswesen konsequent vorantreibt. Die zentrale Aufgabe besteht nun darin, sicherzustellen, dass neue Technologien tatsächlich entlasten und nicht zusätzliche Komplexität erzeugen.

Warum traditionelle Gesundheitssysteme nicht skalieren

Ein Großteil der Gesundheitsdaten steckt nach wie vor in Systemen fest, die für die heutigen Anforderungen nicht ausgelegt wurden. Patientenakten sind über Krankenhäuser, Labore und die hausärztliche Versorgung hinweg isoliert. Daten werden in Batches über Nacht übertragen oder manuell weitergereicht. Jede Verzögerung bedeutet längere Wartezeiten für Diagnosen und andere wichtige Informationen. Jeder zusätzliche manuelle Arbeitsschritt erhöht den Druck auf Ärzte, die ohnehin schon meist am Limit arbeiten.

Obwohl nationale Gesundheitssysteme ihre Modernisierung vorantreiben, bremsen veraltete Prozesse weiterhin den Fortschritt. Ein Beispiel ist das KI-gestützte Warnsystem des britischen NHS zur Patientensicherheit. Dieses System analysiert kontinuierlich Klinikdaten, um etwa Komplikationen in der Geburtshilfe oder andere kritische Vorfälle frühzeitig zu identifizieren. Es ist jedoch auf schnelle Datenströme angewiesen, um eine rechtzeitige Risikoerkennung zu gewährleisten. Ohne ein grundlegendes Umdenken beim Datenfluss könnte diese Innovation die bestehenden Engpässe verschärfen, indem sie Ärzte noch stärker an den Bildschirm bindet, statt ihnen mehr Zeit für ihre Patienten zu verschaffen.

Echtzeitdaten als Kraftverstärker für Ärzte

Die Lösung liegt darin, Gesundheitsdaten zugänglicher zu machen. Daten-Streaming stellt Informationen sofort bereit und ermöglicht es den Teams, effizienter zu arbeiten. Wenn Daten kontinuierlich von vernetzten Geräten gestreamt werden, lassen sich Probleme wie veränderte Vitalwerte eines Patienten oder Kalibrierungsfehler medizinischer Geräte sofort erkennen.

Auch die Medizintechnik profitiert: Telemetriedaten aus Produktionslinien und bereits installierten Geräten fließen in Echtzeit zusammen, sodass Qualitätskontrollen optimiert und Produktverbesserungen schneller umgesetzt werden können.

Data-Streaming-Plattformen ermöglichen auch, dass nur relevante Informationen aus den umfangreichen Gesundheitsdatensätzen hervorgehoben werden. Mit dem „Shift-Left“-Ansatz, bei dem Daten bereits während der Übertragung verarbeitet werden, können Leistungserbringer ihren IT-Aufwand reduzieren und Budget für die direkte Patientenversorgung sowie andere vordringliche Initiativen freisetzen.

Das Nervensystem des Gesundheitswesens

Ein Unternehmen im Bereich Medizintechnik zeigt, wie diese Praxis in Deutschland aussieht. Jeden Tag verlassen sich weltweit Millionen von Patienten auf dessen Diagnosesysteme, die lebensbedrohliche Erkrankungen frühzeitig erkennen und behandeln. Doch hinter dieser Leistungsfähigkeit stand lange eine stark fragmentierte Datenlandschaft: Produktionsdaten, Gerätetelemetrie und Nutzungsinformationen aus Kliniken lagerten in isolierten Silos und wurden entweder über manuelle Prozesse oder Batch-Übertragungen zusammengeführt. Das erschwerte eine umfassende Sicht auf Geräte, Qualität und Betrieb.

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In Zusammenarbeit mit Confluent entstand eine zentrale Dateninfrastruktur, die Produktionsstätten und in Krankenhäusern installierte Geräte in Echtzeit verbinden kann. So werden zuvor isolierte Datenquellen nahtlos zusammengeführt. Anstatt Daten hochzuladen, zu bereinigen und in großen Batches zu verarbeiten, fließen die Informationen nun kontinuierlich durch die Systeme. Mittlerweile werden so täglich mehr als acht Millionen Events verarbeitet.

Die Auswirkungen sind klar erkennbar. Die neue Dateninfrastruktur macht Predictive Maintenance möglich: MRT- und CT-Geräte können gewartet werden, bevor überhaupt Ausfälle auftreten. Gleichzeitig sinken die Kosten für Data Warehousing, da Daten bereits im laufenden Strom verarbeitet werden und nicht in großen Mengen zwischengespeichert werden müssen. Auch die Produktion gewinnt an Qualität, indem Anomalien sofort erkannt und Fehler frühzeitig korrigiert werden.

Davon profitieren sowohl die Klinik als auch die Patienten. Ärzte arbeiten mit Systemen, die stabil laufen und präzise Ergebnisse liefern. Diagnosen stehen schneller zur Verfügung, Termine müssen seltener verschoben werden und die Versorgung verbessert sich.

Ein KI-nativer Gesundheitssektor

Echtzeitdaten sind ein wichtiger Zwischenschritt, aber sie markieren nicht das Ende der Entwicklung. Erst wenn Informationen jederzeit zuverlässig und verzögerungsfrei verfügbar sind, wird der nächste Schritt möglich: Künstliche Intelligenz.

KI-Modelle erkennen subtile Veränderungen in diagnostischen Bildern, die sonst unentdeckt blieben, und liefern frühe Hinweise auf eine Verschlechterung des Gesundheitszustands. Gleichzeitig unterstützen sie Krankenhäuser dabei, Abläufe so zu steuern, dass die Versorgung schneller und effizienter wird.

Viele dieser Anwendungen sind bereits im klinischen Alltag angekommen. Ihr Nutzen zeigt sich jedoch nur, wenn sie mit aktuellen und stabilen Daten gespeist werden. Ohne verlässliche Streaming-Pipelines bleibt KI ein theoretisches Konzept und schafft keinen echten Mehrwert für die Praxis.

Damit rückt der nächste Entwicklungsschritt näher: ein Gesundheitswesen, in dem Ärzte durch KI-native Werkzeuge unterstützt werden, Patienten schneller und individueller versorgt werden und Systeme mit einer Flexibilität arbeiten können, die angesichts des demografischen Wandels notwendig ist.

Mit Daten mehr erreichen

Daten-Streaming unterstützt medizinische Teams, mit vorhandenen Ressourcen mehr zu erreichen. Routineaufgaben lassen sich reduzieren, die Zuverlässigkeit von Geräten sichern und relevante Informationen genau dann bereitstellen, wenn sie gebraucht werden.

Damit das deutsche Gesundheitswesen trotz sinkender Personalzahlen handlungsfähig bleibt, müssen Daten gezielt und effizient eingesetzt werden. So bleibt die Versorgung langfristig stabil, sowohl für die Systeme als auch für die Menschen, die auf sie angewiesen sind.

Der Autor
Roger Illing ist Vice President Enterprise Sales bei Confluent.

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