Zukunft der Arztpraxis Digitale Praxen: Medizin zurück in den Mittelpunkt

Das Gespräch führte Nicola Hauptmann 5 min Lesedauer

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Worauf kommt es an bei der Digitalisierung von Arztpraxen? Niklas Radner spricht im Interview über „Zeitfresser“, Hürden und Erwartungen. In der entscheidenden Frage der Interoperabilität sieht er Gesetzgeber und Softwarehersteller gleichermaßen in der Verantwortung.

Niklas Radner, CEO und Co-Gründer von Nelly Solutions GmbH: „Digitalisierung darf nie zusätzliche Komplexität oder Unsicherheit erzeugen, sondern muss Routinearbeit automatisieren.“(Bild:  Nelly Solutions GmbH)
Niklas Radner, CEO und Co-Gründer von Nelly Solutions GmbH: „Digitalisierung darf nie zusätzliche Komplexität oder Unsicherheit erzeugen, sondern muss Routinearbeit automatisieren.“
(Bild: Nelly Solutions GmbH)

Laut einer von der KBV beauftragten Umfrage wenden Vertragsärzte rund 61 Tage im Jahr für Bürokratie auf. Die resultierende Überbelastung und Frustration bringt Ärztinnen und Ärzte demnach dazu, ihre Praxis früher aufzugeben und hält Nachwuchskräfte von einer Niederlassung ab. Aus Ihrer Projekterfahrung: Wo könnten bürokratische Vorgaben oder Abfragen durch digitale Lösungen vereinfacht werden?

Radner: Die Umfrage bestätigt genau das, was wir in Praxen täglich erleben: Ärztinnen und Ärzte verbringen viel zu viel Zeit mit Formularen, Abrechnungen und Dokumentation. Digitale Lösungen können hier enorme Entlastung schaffen, sei es durch digitale Patientenaufnahme, automatisierte Abrechnung oder standardisierte Schnittstellen. Entscheidend ist, dass diese Systeme so einfach sind, dass sie im Alltag nicht als „neues Tool“, sondern als echte Arbeitserleichterung empfunden werden. Dabei ist auch wichtig, dass der Gesetzgeber Gesetzestexte und Paragrafen reformiert, um Unsicherheiten rund um die Digitalisierung (zum Beispiel bei nicht mehr zeitgemäßen Formulierungen rund um Schriftformerfordernisse) zu reduzieren. Mein Grundsatz ist: Digitalisierung darf nie zusätzliche Komplexität oder Unsicherheit erzeugen, sondern muss Routinearbeit automatisieren.

Unabhängig von bürokratischen Vorgaben sollten auch die Abläufe in den Praxen auf den Prüfstand. Online-Terminvereinbarungen sind inzwischen verbreitet, gleichzeitig sind Anamnesebögen per Zettel und Stift die Regel. Welche Prozesse können mit digitalen Lösungen effizienter gestaltet werden, was sind die größten „Zeitfresser“?

Radner: Ein großer Zeitfresser in Praxen ist die manuelle Datenerfassung. Es ist nicht zeitgemäß, dass Anamnesebögen, Einverständniserklärungen und andere Dokumente noch per Hand ausgefüllt und anschließend von einer medizinischen Fachkraft ins System übertragen werden. Wenn Daten nur einmal digital erfasst werden und automatisch in die Praxissoftware fließen, sparen Teams täglich Stunden und reduzieren Fehler. Ich erinnere mich an einen Arzt, der nach der Umstellung sagte: „Der größte Erfolg ist, dass die Arbeit für mein Praxis-Team leichter geworden ist und damit die Zufriedenheit am Arbeitsplatz zugenommen hat.“

Inwiefern können damit Transparenz und Patientensicherheit verbessert werden?

Radner: Transparenz entsteht, wenn Informationen vollständig, aktuell und nachvollziehbar verfügbar sind, sowohl für das Team als auch für die Patienten. Digitale Abläufe stellen sicher, dass nichts verloren geht und Missverständnisse reduziert werden. Patientinnen und Patienten verstehen besser, wofür sie unterschreiben und was eine Behandlung kostet. Ärztinnen wiederum haben alle relevanten Daten im Blick. Am Ende bedeutet das: weniger Unsicherheit, mehr Vertrauen, mehr Sicherheit.

Bei der diesjährigen Vertreterversammlung im Mai hat KBV-Vorstandsmitglied Dr. Sybille Steiner betont, die Niedergelassenen seien generell keine Bremser der Digitalisierung, im Gegenteil: „Die ambulante Versorgung ist der mit Abstand am stärksten digitalisierte und digital vernetzte Bereich im deutschen Gesundheitswesen.“ Aus Ihrer Sicht: Wie aufgeschlossen sind Ärzte und Fachkräfte gegenüber digitalen Lösungen, die ja auch immer mit Umstellungen verbunden sind?

Radner: Die Offenheit ist groß, wenn zwei Dinge stimmen: erstens, der Nutzen ist sofort erkennbar, und zweitens, die Einführung stört den Praxisbetrieb nicht. Niemand hat Zeit für langwierige Umstellungen. Wenn ein System leicht zu bedienen ist und direkt entlastet, dann wird es auch angenommen. Ich habe viele Praxen erlebt, in denen Skepsis schon nach wenigen Tagen in Erleichterung umgeschlagen ist, weil spürbar wurde, dass ihnen Arbeit abgenommen wird. Wir hören vom medizinischen Personal regelmäßig, dass sie durch die Implementierung der digitalen Patientenaufnahme und Dokumenten-Workflows im Schnitt 10 Minuten pro Patient einsparen.

Worauf kommt es an, wenn neue Lösungen akzeptiert werden sollen, welches Vorgehen empfehlen Sie?

Radner: Viele Praxisteams verfügen nicht über die zeitlichen Ressourcen für langwierige Implementierungsprozesse. Die Lösung muss daher von Beginn an problemlos funktionieren. Immer wieder zeigt sich: Die größte Hürde ist die Sorge vor zusätzlicher Belastung während der Umstellung. Wichtig ist, die Mitarbeitenden aktiv einzubeziehen, auf ihre Sorgen und Wünsche einzugehen und ihnen unmittelbar den Nutzen der Digitalisierung erfahrbar zu machen.

Arztpraxen brauchen auch deshalb Entlastung, weil ihnen im angestrebten Primärarztsystem eine Schlüsselrolle bei der Patientensteuerung zukommen soll, was ja zusätzliche Zeit und Ressourcen erfordert. Welche Voraussetzungen müssen digitale Lösungen für die Arztpraxen erfüllen, um eine reibungslose vernetzte Zusammenarbeit, etwa mit der Ersteinschätzung über die 116117 und mit Notaufnahmen, zu ermöglichen?

Radner: Damit digitale Lösungen im Primärarztsystem wirklich entlasten, braucht es mehr als Insellösungen: Sie müssen nahtlos in die bestehenden Praxisstrukturen integriert werden. Der entscheidende Hebel ist die Interoperabilität. Hier stehen Gesetzgeber und Softwareanbieter gleichermaßen in der Verantwortung. Es reicht nicht, einzelne Schnittstellen halbherzig zu öffnen. Wir brauchen eine verbindliche Einigung auf standardisierte Formate wie HL7 oder FHIR, damit Informationen aus der 116117 oder aus Notaufnahmen automatisch, vollständig und strukturiert in den Praxen ankommen. Alles andere führt zu noch mehr Bürokratie und Frust.
Wenn Deutschland es ernst meint mit einem Primärarztsystem, das Ärzten die Steuerung der Patientenversorgung überträgt, dann muss die Politik endlich die Rahmenbedingungen schaffen und die Industrie ihre Systeme konsequent öffnen. Nur so kann Digitalisierung Ärzte und MFAs wirklich entlasten, statt sie zusätzlich zu belasten.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Arztpraxen ein, haben Gemeinschaftspraxen oder Medizinische Versorgungszentren das größere Potenzial, auch in Bezug auf die Nutzung digitaler Lösungen?

Radner: Die Zukunft der Arztpraxen wird stark von flexiblen und digitalen Strukturen geprägt sein. Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren haben hier klar Vorteile, weil sie über größere Teams und mehr Ressourcen verfügen, um digitale Prozesse wie automatisierte Abrechnung, digitale Patientenaufnahme und nahtlose Dokumentenverwaltung effizient umzusetzen. Gleichzeitig zeigt unsere Erfahrung, dass auch kleinere Praxen von modernen Lösungen profitieren können, wenn diese nicht nur intuitiv bedienbar sind, sondern auch skalierbar sind, sodass sie mit den Anforderungen der Praxis wachsen und langfristig einen nachhaltigen Mehrwert bieten.

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Abschließend noch einmal der Blick in den Praxisalltag: Wie sieht aus Ihrer Sicht künftig die Arbeit eines Arztes, einer Ärztin in der ambulanten Betreuung aus?

Radner: Ich bin überzeugt: In Zukunft stehen Ärztinnen und Ärzte wieder mehr bei den Patienten und weniger am Schreibtisch und Computer. Routinetätigkeiten wie Dokumentation, Abrechnung oder Verwaltungsaufgaben laufen weitgehend automatisiert im Hintergrund. Teams arbeiten vernetzt, alle Informationen sind sofort verfügbar, und die Zeit im Behandlungszimmer nimmt wieder den größten Anteil ein. Das ist die eigentliche Chance der Digitalisierung: Bürokratie verschwindet im Hintergrund – und die Medizin rückt zurück in den Mittelpunkt.

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