Berichte schreiben, statt zu diagnostizieren, Formulare ausfüllen, statt Pflegemaßnahmen durchzuführen. So sieht leider der Alltag vieler Ärzte und Pflegekräfte aus. Doch das lässt sich ändern. Der Schlüssel sind digitale Services, mit denen sich das Zusammenspiel der „Stakeholder“ im Gesundheitsbereich auf eine neue Grundlage stellen lässt.
Medizinisches Fachpersonal verbringt zu viel Zeit mit administrativen Aufgaben. Digitale Services können entlasten
(Bild: Blue Planet Studio – stock.adobe.com)
Was zählt zu den Kernaufgaben einer Ärztin oder eines Krankenpflegers? In erster Linie, sich um die Patienten zu kümmern. Doch die Realität sieht anders aus. Auf 55 Millionen Nettoarbeitsstunden belief sich 2019 die Belastung der Arztpraxen in Deutschland nur durch bürokratische Aufgaben, wie etwa Überweisungen ausstellen oder Formulare von Krankenkassen ausfüllen. Das ergab der „Bürokratieindex für die vertragsärztliche Versorgung“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Fachhochschule des Mittelstands (FHM).
Die Folgen liegen auf der Hand: Die Betreuung der Patienten kommt zu kurz. Hinzu kommen die Kosten der administrativen Tätigkeiten. Sie belaufen sich allein in den Arztpraxen auf etwa 2,5 Milliarden Euro pro Jahr.
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Digitale Services
Doch welche Option haben Ärzte und das Pflegepersonal, um mehr Zeit für Patienten zu erübrigen? Die Antwort sind digitale Services, mit denen sich die Kommunikation und die Zusammenarbeit auf eine neue Basis stellen lässt. Den Mitarbeitern im Gesundheitswesen ist das bereits bewusst, wie der Future Health Index von Philips belegt: 79 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass digitale Services in erheblichem Maß dazu beitragen können, die Betreuung von Patienten zu verbessern. Damit solche Digitalisierungsprojekte den erwünschten Erfolg bringen, empfiehlt es sich diese auf drei Säulen aufzubauen.
1. Anforderungen der Zielgruppen ermitteln
Im ersten Schritt gilt es zu ermitteln, welche Zielgruppe ein Anbieter mit digitalen Services genau verstehen und im Anschluss ansprechen will. Sind es etwa Patienten oder aber die Fachleute in einer Klinik? Das heißt, es ist erforderlich, die Bedürfnisse der verschiedenen Nutzer zu identifizieren. Sie geben Aufschluss darüber, welche Erwartungen und Anforderungen die potenziellen Nutzer an ein digitales Angebot haben. Wer darauf verzichtet, läuft Gefahr, dass die Zielgruppe einen Service als untauglich empfindet, oder gar wertvolle Ideen für neue Geschäftsmodelle verloren gehen.
Wichtig ist, alle am Prozess Beteiligten zu berücksichtigen. Das ist nicht zwangsläufig nur der Patient. Auch die Anforderungen des Pflegepersonals, der Administration und der Krankenkassen müssen sich im digitalen Workflow wiederfinden.
2. Daten sind der Schlüssel zum Erfolg
Für den Großteil der Anbieter von Lösungen, auch für den Gesundheitsbereich, sind Daten ein zentrales Element, um personalisierte Services anbieten zu können. In der Theorie hört sich das gut an: Die Anbieter bauen ganzheitliche Servicenetze auf und verknüpfen unterschiedliche Datenquellen miteinander. Zusätzlich ermöglichen es Technologien wie maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz, Krankheiten vorherzusagen und Patienten maßgeschneiderte Empfehlungen zu geben.
Doch bislang hat es noch kein Anbieter geschafft, das perfekte Ökosystem in allen Details zu verwirklichen. Der Grund ist, dass eine Vielzahl von Herausforderungen zu bewältigen sind, etwa in Bereichen wie Sicherheit, Datenschutz und Datenqualität. Um diese zu überwinden, sollten Unternehmen eine skalierbare Daten- und Technologiestrategie erarbeiten. Ziel dieser Strategie sollte es sein, Datenquellen miteinander zu verbinden, sowie aus vorhandenen Daten zu lernen. So wird die Datenstrategie anwend- und verwertbar und es lässt sich von Anfang an sicherstellen, dass sie auf die digitalen Gesundheitsservices abgestimmt ist, die auf dieser Grundlage entstehen sollen.
In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, Daten als Tool zu betrachten. Ein solches Werkzeug gibt Aufschluss über die Anforderungen der Kunden und zeigt, in welchen Bereichen sich Services optimieren lassen. Außerdem helfen Daten dabei, die Kundenbindung zu erhöhen und Compliance-Vorgaben einzuhalten. Eine klar definierte Datenstrategie ermöglicht es Unternehmen aus dem Gesundheitssektor Datenbestände zu konsolidieren und in verwertbare Informationen umzusetzen.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Techniker Krankenkasse (TK). Sie stellt ihren Mitgliedern eine digitale Patientenakte zur Verfügung. Diese enthält Gesundheitsdaten und Informationen über Behandlungen. Dadurch haben sowohl die Mitglieder als auch Ärzte und die TK selbst einen aktuellen Überblick über Gesundheitsmaßnahmen und Anträge.
3. Auf Partnerschaften setzen
Bislang sind Partnerschaften in der Gesundheitssparte selten anzutreffen – aus Furcht, Mitbewerber könnten Know-how „abgreifen“. Doch die Unternehmen haben erkannt, dass sie ein Ökosystem von Partnern benötigen, um ihre Angebote wirkungsvoll zu erweitern. Zu diesen Partnern können Start-ups zählen, aber auch etablierte Firmen aus der Gesundheits- und Pharma-Branche.
Speziell dann, wenn digitale Services entwickelt und implementiert werden, sind solche Kooperationen unerlässlich, denn diese Aufgaben im Alleingang zu bewältigen, ist nicht nur teuer, sondern auch zeitaufwändig. Hinzu kommt, dass dadurch die Gefahr wächst, dass eine große Zahl separater Services auf den Markt kommt. Das kann zu Frustration bei den Nutzern führen und die Erfolgschancen der Angebote einschränken. Deshalb tun sich selbst große Pharma- und Healthcare-Konzerne mit Technologiepartnern zusammen. Beispiele sind Novartis und Microsoft sowie Pfizer und IBM. Auch die TK hat ihre digitale Gesundheitsakte zusammen mit IBM entwickelt.
Stand: 08.12.2025
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Fazit
Unternehmen aus dem Gesundheits- und Pharmabereich können durchaus digitale Services entwickeln, die Patienten, Mitarbeitern im Gesundheitsbereich und weiteren Stakeholdern einen deutlichen Mehrwert bringen. Solche Dienste müssen allerdings auf den Kunden ausgerichtet sein, auf einer soliden Datenstrategie aufsetzen und zudem offen genug entwickelt werden, um in einem Netzwerk von Partnern zu agieren. Wer das berücksichtigt, hat beste Chancen, sich als erfolgreicher Anbieter von digitalen Gesundheitsdiensten zu etablieren.
Katja Niggl Katja Niggl ist User-Experience-Designerin bei der finnischen Digitalberatung Futurice in München. Dort hilft sie Kunden aus unterschiedlichen Branchen wie Mobilität und Gesundheit, digitale Services und Produkte zu entwickeln. Katja Niggl hat einen Hintergrund in Kommunikationsdesign und hat vorher bei Roche an Digital-Health-Projekten für Diabetespatienten gearbeitet. Besonders spannend ist für sie daher die Frage, wie Technologie helfen kann, Herausforderungen im Gesundheitswesen zu begegnen, ohne dabei die Bedürfnisse von Mensch und Gesellschaft aus den Augen zu verlieren.