eHealth mausert sich vom digitalen Ladenhüter zum elementaren Teil des globalen Gesundheits-Megatrends. Dabei geht es weniger um das Ausreizen technologischer Innovationen, als vielmehr um den sinnvollen zwischenmenschlichen Einsatz.
Mit eHealth-Angeboten können Ärzte und Krankenhäuser die Patienten besser betreuen und dadurch auch wettbewerbsfähiger werden.
(Bild: N.merelize - stock.adobe.com)
Krankenhäuser sehen sich einer Studie von Deloitte zufolge künftig mit sinkenden Patientenzahlen konfrontiert. Gleichzeitig rechnen Experten in den kommenden fünf bis zehn Jahren mit einer Konsolidierungswelle im Klinikbereich. Um im Wettbewerb weiter bestehen zu können, müssen Kliniken folglich potenziellen Patienten sowie Zuweisern – wenn es sich nicht gerade um Notfälle handelt – stärkere Gründe und Anreize für einen Aufenthalt bieten. Die erfolgreiche Implementierung von eHealth-Angeboten spielt dabei eine zentrale Rolle. Es geht um Kundenschnittstellen, Ökosysteme und eine Verlagerung des Angebotsfokus‘: weg von Krankheitsbehandlung hin zu Gesundheitsförderung.
Kliniken setzen eHealth-Angebote momentan vor allem ein, um interne Prozesse effizienter zu gestalten – etwa in der Behandlungsdokumentation und der abteilungsübergreifenden Kommunikation. Außerdem werden hoch komplexe KI-Systeme zur Prävention, Diagnose und Vorhersage möglicher Komplikationen entwickelt. Für die Patienten bleiben viele eHealth-Anwendungen bisher abstrakt.
Gesundheitsanbieter stehen vor der Aufgabe, digitale Angebote so zu vermitteln, dass Patienten sie wahr- und annehmen, sie verstehen, ihnen vertrauen. Der Fokus in der Entwicklung und im Einsatz von eHealth-Angeboten muss sich von den technischen Möglichkeiten zur menschlichen Machbarkeit verschieben.
Kaum ein Thema ist so sensibel wie die eigene Gesundheit. Kliniken können das Vertrauen in eHealth-Anwendungen stärken und bei den Patienten eine höhere Akzeptanz erzielen, wenn sie digitale Angebote einfach zugänglich machen, ihre Patienten in der Anwendung schulen und begleiten.
Patienten sind besonders empfänglich für digitale Lösungen, wenn sie die Verantwortung für ihre (Rest-)Heilung beziehungsweise ihren ambulanten Behandlungserfolg mittragen. In diesem Moment wird für sie der unmittelbare Nutzen sichtbar und der Gebrauch ihrer personenbezogenen Daten mit einem konkreten Gegenwert belegt.
Ein gutes Beispiel ist hier die Migräne-App der Schmerzklinik Kiel. Die App dient der ambulanten Patientenbetreuung. Sie bildet beispielsweise die historischen Schmerztagebücher der Patienten ab, die nach entsprechender Schulung geführt werden. Auf Basis dieser Daten können Sprechstunden-Checklisten von Ärzten ausgefüllt und das weitere therapeutische Vorgehen zielgerichteter besprochen werden.
Content Marketing für Patienten-Information einsetzen
Patienten haben ein berechtigtes Interesse daran, sich über Krankheitsbilder, Therapieformen und Behandlungsorte zu informieren. Obwohl in den Kliniken die größten Kompetenzen vorhanden sind, werden Nutzer bei der Online-Recherche zu bestimmten Erkrankungen in der Regel eher auf allgemeinen Gesundheitsportalen als auf entsprechenden Landing Pages von Krankenhäusern fündig. Letztere beschränken sich in ihren Online-Auftritten meist auf die Basis-Informationen zum Klinikbetrieb. Dabei können Krankenhäuser das eigene Profil durch gezieltes Content Marketing substanziell stärken.
Wie empathisches, informatives Content Marketing aussieht, zeigt beispielsweise die München Klinik. Die Klinikgruppe stellt auf der eigenen Website ausführliche Informationen zu Krankheitsbildern sowie Eindrücke aus dem Klinikalltag bereit. Komplexe medizinische Vorgänge, wie 3D-Bildgebungsverfahren zur Behandlung von Vorhofflimmern, werden in verständlicher Sprache vermittelt. Sichtbarkeit wird auch durch Formate wie Instagram-Live-Videos in Zusammenarbeit mit Pflege-Influencern oder die Platzierung des Klinikpersonals in TV-Formaten geschaffen.
Vorhandene Ökosysteme von Tech-Anbietern integrieren und Allianzen schmieden
Um digitale Angebote in den Alltag möglichst vieler Patienten zu integrieren, gilt es, bestehende technische Ökosysteme zu nutzen. Apple, Google und Co. haben in Form von Smartphones, Wearables und Gesundheits-Apps bereits eine Infrastruktur geschaffen, die von einem großen Teil der Patienten akzeptiert wird. Gesundheitsanbieter sollten also darüber nachdenken, wie sie die bestehenden Systeme gewinnbringend einsetzen können. Gerade im Bereich des Telemonitoring ergeben sich aus den über die Geräte aggregierten Daten gute Möglichkeiten, um besser mit Patienten in Kontakt zu bleiben und sich langfristig als vertrauensvoller Partner zu etablieren.
Hier ist in Hinblick auf die Reichweitenmaximierung auch das Schmieden neuer Allianzen innerhalb des Gesundheitssektors interessant. Beispielsweise wird die Migräne-App der Kieler Schmerzklinik von der Techniker Krankenkasse betrieben. Die TK gewinnt damit einen wertvollen Service für ihre Kunden. Die Schmerzklinik hat wiederum einen Akquisehebel auf knapp 11 Millionen Mitglieder der Krankenkasse.
Stand: 08.12.2025
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Digitalisierung nutzen, um persönlichen Kontakt zu stärken
Die Digitalisierung kann dazu beitragen, der dauerhaften Überlastung des Klinikpersonals entgegenzuwirken und in der Pflege sowie im direkten Patientenalltag wieder mehr Raum für Menschlichkeit zu schaffen. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, sollte eHealth-Angebote nicht dazu nutzen, um jeden Preis Kosten zu senken und Effizienz zu steigern. Auch der reibungslose digitale Datenfluss oder das Ausreizen technisch machbarer Innovationen sind nicht entscheidend. Vielmehr geht es darum, wieder einen einfühlsameren Kontakt zwischen Mitarbeitenden und Patienten zu ermöglichen. Und Patienten auf ihrer individuellen Reise von der Krankheitsbehandlung zur Gesundheitsprävention zu begleiten.
Die Autorin Brigitte Liermann ist Director Health & Nutrition bei der Strategieagentur und Designberatung diffferent. Ihre Kunden berät sie schwerpunktmäßig in den Bereichen Markenstrategie, Customer Experience Management und digitale Transformation.