Bezirkskliniken Mittelfranken Neue IT-Infrastruktur nach Cyberattacke

Von Johannes Kapfer 3 min Lesedauer

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Cyberangriffe auf das Gesundheitswesen sind keine Seltenheit mehr. Die Bezirkskliniken Mittelfranken haben sich dazu entschieden, ihre IT von der Pike auf neu zu gestalten, nachdem sie einer schwerwiegenden Ransomware-Attacke zum Opfer gefallen sind.

Ransomware-Attacken auf Strukturen des Gesundheitswesens sind in doppelter Hinsicht ärgerlich. Sie behindern den Klinikalltag und stellen Klinikverwaltungen vor unmoralische Angebote.(©  adam121 – stock.adobe.com)
Ransomware-Attacken auf Strukturen des Gesundheitswesens sind in doppelter Hinsicht ärgerlich. Sie behindern den Klinikalltag und stellen Klinikverwaltungen vor unmoralische Angebote.
(© adam121 – stock.adobe.com)

Zeitgleich mit den Bemühungen zur Bewältigung des kürzlich erfolgten Hackerangriffs haben die Bezirkskliniken Mittelfranken Ende Januar beschlossen, ihre gesamte IT-Infrastruktur von Grund auf neu zu gestalten. Dies umschließt eine Neukonfiguration aller Serversysteme sowie sämtlicher digitaler Endgeräte.

Ein solch radikaler Ansatz ist durchaus ungewöhnlich und zeitintensiv. Er gewährleistet jedoch eine erhöhte Stabilität und Sicherheit. Allem voran gewährleistet er allerdings erneutes Vertrauen in die Integrität der eigenen Informationsverarbeitungssysteme.

Der Zeitplan für den Rebuild steht

Die Verantwortlichen der Bezirkskliniken gehen davon aus, dass es bis zu einem halben Jahr dauern wird, bis die IT-Systeme wieder voll operabel sind. Der Wiederaufbau der IT-Systeme erfolgt dabei iterativ. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern soll sukzessive der Zugang zu den wichtigsten Anwendungen gewährt werden. Bei der Wiederherstellung der Systeme kann zu großen Teilen auf unkompromittierte Backups zurückgegriffen werden. Die Arbeitsfähigkeit der Angestellten soll schätzungsweise bereits früher sichergestellt sein.

Die Planung des Wiederaufbaus

Zunächst mussten die unverzichtbaren Anwendungen für den reibungslosen Klinikbetrieb identifiziert werden. Sozusagen eine Art „IT-Triage“. Gemäß dieser Auswahl wurde festgelegt, welche Maßnahmen sofort umgesetzt werden müssen, welche aufgeschoben werden können und welche zukünftig entbehrlich sind. Primär wurden Kernprozesse wie die Patientendokumentation, die Kommunikation mit Krankenkassen, die Arbeitszeiterfassung sowie Gehaltsabrechnung und die interne wie externe Kommunikation via E-Mail priorisiert.

Man habe sich bewusst für diesen Neuanfang entschieden und folge dabei dem Grundsatz, dass Sicherheit wichtiger sei als Schnelligkeit, erklärt Vorstand Dr. Matthias Keilen. „Auf diese Weise vermeiden wir das Risiko, potenziell infizierte Daten in die neuen Systeme zu übernehmen. Außerdem nutzen wir diesen Neustart, um geplante Updates und Upgrades der Systeme vorzuziehen.“

Es sei jedoch klar, dass in den kommenden Monaten einige Dokumente wie Patientenakten oder Therapiepläne teilweise noch analog geführt und im Nachgang digitalisiert werden müssten. Der Neustart biete überdies die Möglichkeit verschlankt und modernisiert aus dem Hack hervorzugehen.

Verhandlungen mit Kriminellen ausgeschlossen

Beim Cyberangriff auf die Bezirkskliniken Mittelfranken wurden pikanterweise nicht nur die hauseigenen IT-Systeme kompromittiert, vielmehr sind auch personenbezogene Daten und Unternehmensinterna abgeflossen. Die Möglichkeit, dass die Angreifer diese Informationen veröffentlichen, um den Druck auf den Klinikverbund auszuüben, ist alles andere als unrealistisch. Trotz dieser Bedrohungslage werden die Bezirkskliniken Mittelfranken keine Verhandlungen mit den Tätern aufnehmen oder gar „Lösegeld“ zahlen, um die erbeuteten Daten wiederzuerlangen.

Sie seien auf dieses Szenario vorbereitet und könnten es gleichzeitig nicht verhindern, sagt Dr. Matthias Keilen. „Selbst wenn wir den Forderungen der Hacker nachgeben würden, gäbe es keine Sicherheit. Deshalb bleiben wir bei unserer Haltung, keine Absprachen mit Kriminellen zu treffen. Für die Folgen, die sich daraus für Patienten, Mitarbeiter, Geschäftspartner und andere ergeben, können wir uns nur entschuldigen.“

Der Verwaltungsrat der Bezirkskliniken Mittelfranken und Vertreter der Politik stärken Keilen hinsichtlich dieser Entscheidung den Rücken. „Der Staat darf sich nicht erpressen lassen“, betont Peter Daniel Forster, Bezirkstagspräsident und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bezirkskliniken Mittelfranken mit Nachdruck. Aus diesem Grund werde man dem Druck, der durch eine – im Raum stehende – Veröffentlichung von persönlichen und vertraulichen Daten aufgebaut wird, nicht nachgeben. Sie hätten die Entscheidung gemeinsam mit der Unternehmensleitung der Bezirkskliniken Mittelfranken getroffen, und würden weiterhin dazu stehen.

„Die Kliniken in Deutschland sind schon länger einem enormen Kostendruck ausgesetzt. Dieser wird durch die Anforderungen des Krankenhauszukunftsgesetzes und jetzt zusätzlich durch die Notwendigkeit, in IT-Sicherheit zu investieren, weiter verschärft“, beklagt Dr. Keilen und fordert, dass die Politik Lösungen erarbeiten und ausreichend Mittel bereitstellen muss, um die IT-Systeme von Gesundheitseinrichtungen in Zukunft wirksam und nachhaltig vor Cyberattacken zu bewahren.

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