Gesundheitswesen Digitalisierung, aber bitte sinnvoll

Ein Gastbeitrag von Christian Kunze 4 min Lesedauer

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KHZG, ePa und Co. Es gibt viele Bestrebungen, das deutsche Gesundheitswesen digitaler aufzustellen. Doch die Umsetzung hinkt den gesteckten Zielen immer wieder hinterher. Christian Kunze, Assistenzarzt und Mitglied im Hartmannbund, sieht in der Digitalisierung dennoch eine große Chance – sowohl für die Ärzteschaft als auch für Patienten. Unter einer Bedingung: Sie muss sinnvoll umgesetzt werden.

Kommunikation und Kollaboration sind die Basis für eine gute medizinische Versorgung.(©  Maestro - stock.adobe.com / KI-generiert)
Kommunikation und Kollaboration sind die Basis für eine gute medizinische Versorgung.
(© Maestro - stock.adobe.com / KI-generiert)

Die Hälfte der Klinikärztinnen und -ärzte in Deutschland bezeichnet die allgemeine IT-Ausstattung in ihrem Arbeitsbereich als ausbaufähig. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Hartmannbundes unter 300 Mitgliedern. Diese Wahrnehmung spiegelt den Status quo vieler Digitalisierungsprojekte wider, die in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten sind. Im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) sollten beispielsweise bestimmte Digitalisierungsprojekte bis Ende 2024 abgeschlossen sein. Da viele Krankenhäuser bei der Umsetzung durch die Coronakrise, den Mangel an IT-Fachkräften und IT-Dienstleistern sowie die verzögerte Auszahlung der KHZG-Mittel ausgebremst wurden, ist diese Frist jedoch gefallen. Auf die Einführung eines Patientenportals oder eines digitalen Medikationsmanagements werden Ärzt:innen also noch länger warten müssen.

Auch der flächendeckende Start der elektronischen Patientenakte (ePA) verzögert sich seit Jahren. Inzwischen ist er für alle Patientinnen und Patienten für Mitte Februar 2025 geplant. In der Praxis ist es deshalb nach wie vor so, dass sich viele Patienten Untersuchungen erneut unterziehen müssen, weil die Ergebnisse des vorherigen Behandlers nicht digital verfügbar sind. Das ist nicht nur belastend, sondern verursacht unnötige Kosten und bindet zudem die Zeit der Gesundheitsfachkräfte.

Ärzteschaft erkennt Potenzial

Während der Ist-Zustand zu wünschen übrig lässt, erkennen viele Ärztinnen und Ärzte nach wie vor das enorme Potenzial, das die Digitalisierung für die medizinische Versorgung birgt. 78,1 Prozent der vom Hartmannbund Befragten sehen in digitalen Lösungen einen direkten Nutzen für die Patientenversorgung. Als konkretes Beispiel nannten sie etwa die dezentrale, sichere Speicherung von Befunden, Diagnosen und Therapieplänen. Sie ermögliche eine adäquate Versorgung ohne Informationsverlust, vermeide Doppelbefunde und -untersuchungen und erhöhe die Patientensicherheit. Aber auch für sich und ihre Kolleg:innen sehen die Ärzte Vorteile. Zum Beispiel die Zeitersparnis in der Kommunikation und Kollaboration durch digital integrierte Programme. Für die ePA gibt es sogar Zahlen aus dem Bundesministerium für Gesundheit: Durch die elektronische Patientenakte könnten bis zu einer halben Million Krankenhausaufenthalte pro Jahr vermieden werden.

Eigeninitiative aus der Belegschaft

Mit den Vorteilen im Blick ergreifen Ärzte immer wieder die Initiative und setzen Digitalisierungsprojekte in Klinik und Praxis um – aus der Belegschaft heraus (bottom-up) und nicht vom Management oder der IT-Abteilung angestoßen (top-down). Ein Beispiel: In der Universitätsklinik für Anästhesiologie am Klinikum Herford wurde auf Initiative der Ärzteschaft ein Kollaborations-Tool eingeführt. Über das Tool tauschen wir schnell und ohne Datenschutzbedenken wichtige medizinische Informationen miteinander aus – egal ob Patientendaten, Medikationsplan oder Röntgenbild.

Wir konnten das Kollaborationstool im Team ohne Schulung und Co. einführen, da die Nutzung intuitiv funktioniert und die digitale Kommunikation über Messenger für viele ohnehin zum Alltag gehört. Jedes Teammitglied hat die App auf dem eigenen Smartphone installiert und die Kommunikation mit den Kolleg:innen konnte sofort beginnen.

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Hintergrund

In der Universitätsklinik für Anästhesiologie am Klinikum Herford ist Doctolib Siilo im Einsatz. Die Kollaborationsplattform wurde entwickelt, um die Zusammenarbeit und Koordination zwischen medizinischen Teams und Organisationen zu optimieren.

Organisatorische Themen wie Dienstpläne, Krankmeldungen und Verfahrensanweisungen besprechen wir inzwischen ausschließlich im Gruppenchat. Fachliche Fragen klären wir über das Tool direkt mit den Kolleginnen und Kollegen – sowohl aus der eigenen Abteilung, als auch aus anderen Bereichen der Klinik. Zum Beispiel übermitteln uns die Kollegen aus der Radiologie Laborwerte und Befunde digital als Bilddatei. Durch die Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Tool schaffen wir Transparenz, die Doppeluntersuchungen oder Informationsstau vermeidet.

Sektorübergreifende Zusammenarbeit

Kommunikation und Kollaboration sind die Basis für eine gute medizinische Versorgung. Auf Dauer werden wir im Gesundheitswesen nicht mehr analog zusammenarbeiten können. Dieser Wandel wird auch durch die Krankenhausreform weiter vorangetrieben. Denn durch die Spezialisierung der Krankenhäuser wird die Vernetzung und Zusammenarbeit der Einrichtungen unumgänglich.

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In der Praxis gibt es bereits viele Beispiele für die Zusammenarbeit über Abteilungs- und Einrichtungsgrenzen hinweg. Mikrobiologen etwa werden von uns Ärzten einbezogen, um herauszufinden, welche Erreger bei einer Patientin oder einem Patienten krankheitsauslösend sind und welches Antibiotikum geeignet ist. Pharmakologen beziehen wir mit ein, um Medikamentenpläne abzustimmen, Wechselwirkungen zu diskutieren und Kontraindikationen auszuschließen. Über digitale Kollaborationstools können diese Expertinnen und Experten zur Visite zugeschaltet werden, um gemeinsam die ideale Versorgung zu diskutieren. Diese Beispiele zeigen, dass es sich lohnt, Digitalisierung viel stärker vernetzt und einrichtungsübergreifend zu denken.

Digitalisierung sinnvoll integrieren

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein Prozess, der deutlich mehr Zeit und Ressourcen benötigt, als ursprünglich geplant. Während die technologische Entwicklung rasant voranschreitet, hinkt die Regulatorik den Möglichkeiten oft hinterher. Auch deshalb suchen Ärzte immer wieder aktiv selbst nach Lösungen, um die Potentiale der Digitalisierung für die medizinische Versorgung sowie den Klinik- und Praxisalltag zu nutzen.

Entscheidend ist dabei, dass alle Beteiligten – von der Ärzteschaft über die Klinikleitungen bis hin zu den Software-Entwickelnden – zusammenarbeiten. Denn Digitalisierung muss immer sinnvoll integriert werden und darf nie Selbstzweck sein. Zum Beispiel einen Arztbrief einzuscannen und dann von Digitalisierung zu sprechen, wird diesem Anspruch nicht gerecht. Prozesse müssen überarbeitet und digital übersetzt werden – das ist für das Gesundheitswesen Herausforderung und Chance zugleich.

Christian Kunze(©  Christian Kunze)
Christian Kunze
(© Christian Kunze)

Der Autor: Christian Kunze, Assistenzarzt an der Universitätsklinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin, Rettungsmedizin und Schmerztherapie der Ruhr-Universität Bochum am Klinikum Herford sowie Mitglied des Leitungsgremiums der Assistenzärzte im Hartmannbund.

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