KIS Heldenepos oder Epic Fail?

Von Johannes Kapfer 4 min Lesedauer

Die Charité hat sich entschieden und Epic Systems den Zuschlag für das neue Krankenhausinformationssystem gegeben. Einem amerikanischen Anbieter ohne Erfahrung im deutschen Markt. Die Branche fragt sich, ob die Ausschreibung auf Epic zugeschnitten war.

Das KIS von Epic wird von international renommierten Häusern eingesetzt. Mit der Charité starten die US-Amerikaner einen 200-Millionen-Euro-Piloten für den deutschen Markt. Branchenexperten sprechen von einer „mindestens riskanten Wette“.(Bild: ©  Chris Titze Imaging - stock.adobe.com)
Das KIS von Epic wird von international renommierten Häusern eingesetzt. Mit der Charité starten die US-Amerikaner einen 200-Millionen-Euro-Piloten für den deutschen Markt. Branchenexperten sprechen von einer „mindestens riskanten Wette“.
(Bild: © Chris Titze Imaging - stock.adobe.com)

Nach längerer Verhandlung ist die Katze aus dem Sack. Die Charité setzt auf Epic Systems. Der US-Anbieter hat die Ausschreibung gewonnen und wird das neue Krankenhausinformationssystem der Berliner Universitätsmedizin aufbauen. Das Budget beträgt geschätzte 200 Millionen Euro. Der Zeitrahmen hingegen ist verhältnismäßig eng gesteckt. Ende 2029 muss das System in den Regelbetrieb übergehen. Epic betreibt weltweit über 3.000 Installationen, mehr als 100 davon in Europa. Darunter befinden sich renommierte Häuser wie die Cleveland Clinic oder das Johns Hopkins. In Deutschland ist die Charité das erste Klinikum, welches die Software einsetzen wird – mit allen Chancen und Risiken, die eine Erstinstallation mit sich bringt.

Der Wechsel vom bisherigen Krankenhausinformationssystems IS-H wurde deshalb notwendig, da SAP die Entwicklung eingestellt hat. Der reguläre Support läuft 2027 aus, gegen Aufpreis konnte sich die Charité bis Ende 2029 einen Service- und Wartungsvertrag sichern. Der europäische Konkurrent Dedalus wurde aus dem Verfahren ausgeschlossen und klagte. Das Unternehmen warf der Charité vor, die Ausschreibung sei auf Epic zugeschnitten gewesen, was die Charité entschieden zurückgewiesen hatte.

Was Epic verspricht

Eine durchgängige Patientenakte über alle Bereiche – stationär, ambulant, OP, Labor, Radiologie – gehört zu den Hauptverkaufsargumenten von Epic. Dazu kommen KI-gestützte Entscheidungshilfen, mobile Workflows für die Visite am Bett sowie das Patientenportal MyChart, über welches Patientinnen und Patienten Befunde abrufen und Termine buchen können.

Die Charité möchte das System Charité-spezifisch konfigurieren und eine Integration von Forschungsdatenbanken, KI-Tools sowie weiteren künftigen Technologien ermöglichen. Die Daten sollen in Deutschland oder der EU gespeichert werden. Die Verantwortlichen der Charité betonen die Einhaltung der DSGVO und eine Zusammenarbeit auf deutscher beziehungsweise europäischer Rechtsbasis.

Nutzerbewertungen aus anderen Ländern loben die Interoperabilität und die nahtlose Datenverfügbarkeit. Kritisiert werden hingegen die hohen Kosten, der lange Einarbeitungsaufwand und eine überladene Benutzeroberfläche, die besonders zu Beginn überfordere. Manche Anwender berichten darüber hinaus von Leistungseinbußen bei hoher Last und von zu vielen Warnmeldungen. Stichwort Alarmmüdigkeit.

Mögliche Stolpersteine

Da Epic mit proprietären Schnittstellen arbeitet, ist die Gefahr eines Vendor-Lock-Ins durchaus real. Wer einmal drin ist, kommt nur mit erheblichem Aufwand wieder raus. Anpassungen erfordern IT-Spezialisten, eine Rückkehr zu einem europäischen Anbieter wäre technisch und finanziell aufwendig.

Epic muss sich darüber hinaus deutschem Abrechnungsrecht unterwerfen, deutsche Dokumentationspflichten wahrnehmen, deutsche Datenschutzprinzipien umsetzen. Die US-Amerikaner haben zwar zugesichert, die Daten in Deutschland oder zumindes innerhalb der EU zu speichern. Wie tief die amerikanische Muttergesellschaft trotzdem in die Infrastruktur eingreifen kann, bleibt allerdings offen. Stichwort FISA 702.

Das größte Unsicherheitsfaktor liegt jedoch beim Klinikpersonal. 20.000 Mitarbeiter müssen umgeschult werden. Ärzte, die seit Jahren mit SAPs IS-H arbeiten, sollen in einem komplett anderen System denken. Erfolgreiche Implementierungen hängen weniger von der Technik ab als von der Akzeptanz derjenigen, die täglich damit arbeiten. Gescheiterte KIS-Projekte gibt es genug. Diese waren meistens am Widerstand der Belegschaft gescheitert.

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