Im September kommen beim eHealth Summit in Hamburg die Top-Entscheider aus dem Gesundheitswesen sowie die Dienstleister der Branche zusammen. Ob KHGZ, Telematikinfrastruktur oder KI – der hochkarätige Fach- und Erfahrungsaustausch bietet Raum, die Herausforderungen zu diskutieren und nachhaltige Lösungskonzepte zu erarbeiten.
Unter dem Motto „Futurize Digital Healthcare“ findet am 20. und 21. September 2022 in Hamburg der eHealth Summit statt
Es lässt sich schwer leugnen: Im hiesigen Gesundheitswesen zwickt es hier und da. Das haben die vergangenen Jahre anschaulich demonstriert. Der perfekte Zeitpunkt, um die Entwicklungen beim eHealth Summit 2022 mit Experten der Branche zu diskutieren. Passiert ist auf jeden Fall einiges: „Im Jahr 2022 sehen wir seit kurzem die ersten Massen-Anwendungen, die über die TI laufen, wie zum Beispiel die Impfzertifikate und nun auch die elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, KIM-Nachrichten oder auch eArztbriefe“, fasst Stefan Höcherl, Head of Strategy & European Affairs der Gematik, die Entwicklungen bei der Telematikinfrastruktur zusammen. „Aber auch der zahnärztliche Heil- und Kostenplan läuft seit Sommer 2022 digital an.“
Prof. Dr. Andreas Meyer-Falcke, CIO der Landesregierung NRW
Mit dem eRezept starte im September die nächste große Massen-Anwendung. Doch gerade dessen Einführung offenbart ein Problem: „Viele Vorgaben werden extrem ambitioniert geplant, in der Umsetzung dann aber kurz vor Fristablauf aufgeschoben“, so Klaus Höffgen, CDO Rheinland Klinikum Neuss. Er wünscht sich daher mehr Transparenz bei der Entwicklung. „Die Hersteller der notwendigen Systeme müssen sich auf eine verbindliche Bereitstellung zu einem gesetzten Zeitpunkt verpflichten.“ Zudem müsse bei der Entwicklung von TI-Services der Prozessaspekt für Krankenhäuser stärker berücksichtigt werden, bisher läge der Schwerpunkt eindeutig auf den Arztpraxen. „In Krankenhäusern sind die Prozesse aber grundlegend anders“, so Höffgen.
Überhaupt müssen die Ärzte bei den Entwicklungen besser mitgenommen werden. „Die ePA kann Patientinnen und Patienten nur echten Mehrwert bringen, wenn die Akten flächendeckend in den Arztpraxen ankommt“, ist Sandra Hoyer, Projektleiterin der elektronischen Patienenakte TK-Safe, sicher. Die ePA müsse daher konzeptionell so aufgestellt werden, dass sie Versicherte und Leistungserbringer im Praxisalltag unterstützt. „So muss bei einer Opt-out-Lösung gewährleistet werden, dass bestimmte Datensätze, also zum Beispiel Entlassdokumente des Krankenhauses, standardmäßig eingespielt werden, solange die Patienten nicht aktiv widersprechen.“
Zwischen Datensicherheit und Datennutzung
Sandra Hoyer ist Projektleiterin der elektronischen Patientenakte TK-Safe
Doch nicht nur die Ärzte zeigen sich bei der ePA zurückhaltend. Bisher nutzen lediglich rund 530.000 Versicherte – von 73 Millionen – den Dienst. Immer wieder in diesem Zusammenhang genannt: der Datenschutz. „Wünschenswert wäre eine stärkere Versorgungs- und Patientennutzen-Abwägung in der Datenschutz-Diskussion“, so Höcherl. Seine Anforderung an das geplante Datennutzungsgesetz sind daher klar: „Es wäre wünschenswert, wenn das Datennutzungsgesetz eine Klammer bilden kann für einen fokussierten Aufbruch zur stärkeren Nutzung von Daten für die Versorgung und Forschung im deutschen Gesundheitssystem.“
Die Bedenken bei Patienten und Leistungserbringern kommen jedoch nicht von ungefähr. Immer wieder bestätigen Studien die Gefahr für das Gesundheitswesen. Der US-amerikanische Datenschutzspezialist Kroll etwa verzeichnete alleine von Q1 zu Q2/22 eine Steigerung um 90 Prozent bei Angriffen auf die Branche.
„Cyberangriffe auf Krankenhäuser sind leider schon über Jahre hinweg zu einer massiven Bedrohung geworden“, bestätigt Höffgen. Die Häuser seien sich dessen bewusst und entwickelten Sicherheitsarchitekturen und organisatorischen Abwehrmaßnahmen stetig weiter. Auch das KHZG habe hier eine klare Botschaft gesendet. „Auf der anderen Seite steigt der Wert von Gesundheitsdaten im Darknet, was entsprechende Angreifer anlockt. Krankenhäuser müssen also weiterhin ihre Anstrengungen erhöhen, wenn sie diesen Wettlauf nicht verlieren wollen.“ Auch die Gematik setzt sich mit diesem Thema auseinander: „Wir haben dafür als ergänzende Maßnahme unter anderem einen Austausch mit anderen Ländern initiiert und werden unseren Austausch mit EU-Initiativen, wie ENISA, weiter intensivieren“, erklärt Höcherl.
Mit Strategie zum Ziel
Stefan Höcherl, Head of Strategy & Standards bei der Gematik
Mindestens genauso sehnlich erwartet wie das Datennutzungsgesetz wird die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach angekündigte eHealth-Strategie. „Eine neue eHealth-Strategie ist extrem wichtig, um den Krankenhäusern entsprechende Leitplanken für ihre Digitalisierung zu liefern“, stellt Dr. Klaus Höffgen klar. Der CDO des Rheinland Klinikum Neuss weiß jedoch auch um die Schwierigkeiten, die damit einhergehen: „Allerdings ist es ein verzwicktes Thema“, erklärt er. „Wir liegen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens international weit zurück. Die Aufholversuche der vergangenen Jahre sind häufig in der Bürokratie oder der Verzettelung unterschiedlicher Interessensgruppen stecken geblieben. Wir brauchen also einen Quantensprung, und keinen ‚kleinsten gemeinsamen Nenner’.“ Auch Höcherl ist von der Notwendigkeit einer entsprechenden Strategie überzeugt: „Dies kann sehr hilfreich dafür sein, um sich auf die Bedürfnisse der Nutzer – Patienten und Heilberufler – und ihres Alltags zu fokussieren und eine gemeinsame Ausrichtung aller Beteiligten zu stärken“, erklärt er.
Stand: 08.12.2025
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Von Verwaltungen lernen?
Dr. Andreas Meyer-Falcke, CIO NRW, sieht noch einen ganz anderen Aspekt: „Genauso wie der Public Sector ist das Gesundheitssystem – das im Übrigen in nicht unwesentlichen Teilen zum Public Sector gehört – charakterisiert durch eine historisch gewachsene, ausgeprägte, funktionale und organisatorische Zersplitterung sowie ein nahezu unüberschaubares Ökosystem an Beteiligten mit vielfältigsten Interessen.“ Eine Einigung auf eine einheitliche, digitale Gesamtlösung sei in beiden Systemen IT-technisch denkbar, aber faktisch nahezu ausgeschlossen.
Dr. Klaus Höffgen, CDO des Rheinland Klinikum Neuss
Aus diesem Grund habe man drei strategische Entscheidungen getroffen, die alle dem Umstand Rechnung tragen, dass finanzielle und personelle Ressourcen endlich sind: Zunächst sei mit dem IT-Planungsrat ein Bund-Länder-Gremium geschaffen worden, das übergreifende IT-Standards festlegen darf. Dieser habe dann das sogenannte Einer-für-Alle-Prinzip eingeführt, nach dem digitale Lösung nur einmal entwickelt und dann den Partnern zur Nachnutzung überlassen werden. Durch die bundesweite Verwaltungscloud solle perspektivisch zudem ein zentraler Zugang zu allen Verwaltungsleistungen geschaffen werden. Bezogen auf den Nachweis einer Impfung von Beschäftigten im Gesundheitswesen würde die bedeuten: „Statt in sämtlichen Gesundheitsämtern jeweils einzelne digitale Tools zur Unterstützung der bei der Erfüllung dieser Aufgabe zu entwickeln, würde dies – der Forderung des Deutschen Städtetages entsprechend – zentral auf Bundesebene erfolgen, als EfA-Produkt allen 400 zur Nachnutzung überlassen oder gleich allen Beschäftigten im Gesundheitswesen via zentrale Cloud zur Mitteilung ihres Impfstatus bereitgestellt.“
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