Studie Krankenhäuser: Kosten und Nutzen der Digitalisierung

Von Nicola Hauptmann 4 min Lesedauer

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Mit der Digitalisierung der Krankenhäuser sollen sich die Behandlungsqualität verbessern, Doppelarbeit vermieden und das Personal endlich entlastet werden. Aber sind Kosten und Nutzen auch quantifizierbar? Eine neue PWC-Studie zeigt, warum das derzeit schwierig ist.

PWC-Studie: Kaum ein Krankenhaus kann Betriebs- und Investitionskosten für Digitalisierung und IT-Betrieb insgesamt ausweisen.(© PiyawatNandeenoparit – stock.adobe.com)
PWC-Studie: Kaum ein Krankenhaus kann Betriebs- und Investitionskosten für Digitalisierung und IT-Betrieb insgesamt ausweisen.
(© PiyawatNandeenoparit – stock.adobe.com)

Die Digitalisierung der Krankenhäuser ist so notwendig wie aufwendig. Finanzielle Mittel dafür stellen Bund und Länder über den Krankenhauszukunftsfonds bereit. Aber genügt das? Und welcher Nutzen steht dem gegenüber, bezogen auf einzelne Einrichtungen?

In ihrer Studie „Digitalisierung im Krankenhaus. Kosten und Nutzen in Theorie und Praxis“ gehen die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PWC) diesen Fragen nach. Sie kommen dabei zu fünf grundlegenden Aussagen:

1. Die digitale Lücke

Die Ausgangssituation ist bekannt: Kliniken und Krankenhäuser in Deutschland haben Nachholbedarf bei der Digitalisierung, oder wie es Jörg Asma, Partner Digitalisierung und Sicherheit Healthcare bei PwC Deutschland, formuliert: „Das Gesundheitssystem in Deutschland hat ‚digitale Schulden‘, die nach jahrzehntelangem Investitionsstau in Digitalisierung jetzt aufgeholt werden müssen.“ Und am Anfang stehen in der Regel der Aufbau eines Patientenportals und die durchgehende elektronische Dokumentation der Pflege- und Behandlungsleistungen – das entspricht den Fördertatbeständen 2 und 3 des KHZG. Diese Fördertatbestände sowie die Anbindung an die Telematikinfrastruktur seien „quasi das Onlinezugangsgesetz (OZG) des Gesundheitswesens“, befindet Dr. Benedict Gross, Mitautor der Studie. Gemeint ist: Es handelt sich hier um die fundamentalen Grundlagen und alle Krankenhäuser stehen derzeit vor der Aufgabe, entsprechende Projekte umzusetzen. Zudem sind konkrete Planungen vorhanden und Fördermittel verfügbar, somit ist auch die Vergleichbarkeit gegeben. Deshalb konzentrierte sich die Untersuchung auf diese Grundlagenprojekte.

2. Die Finanzierungslücke

Die Kosten für den Betrieb digitaler Lösungen sind durch die Fördermittel und die derzeitigen Finanzierungsmechanismen der Krankenhäuser nicht gedeckt. Zwar seien laut KHZG Betriebskosten bis zu drei Jahren förderbar, jedoch hätten sich in den Interviews zur Studie gezeigt, dass die Mittel bereits für die Investitionen verbraucht werden – und oft nicht einmal dafür reichten.

Fördermittel werden oft schon während der Implementierungsphase vollständig aufgebraucht, sodass für den laufenden Betrieb keine Fördermittel mehr zur Verfügung stehen und diese aus dem operativen Betrieb erwirtschaftet werden müssen.

Michael Ey, Partner und Co-Leiter Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland

Allein für die Errichtung und Einführung digitaler Lösungen müssten die Häuser im Schnitt 16 Prozent der Ausgaben selbst tragen. Betriebskosten müssten bereits jetzt von 50 bis zu 100 Prozent selbst finanziert werden. Als Gründe werden Kostensteigerungen aufgrund von Inflation und Energiepreiserhöhungen sowie Preissteigerungen für Lizenzen und Updates bei den Softwareanbietern genannt.

3. Finanzierungssystem bildet Kosten nicht transparent ab

Grundsätzlich sei das derzeitige duale System – mit der Investitionsfinanzierung durch die Länder und der Betriebskostenfinanzierung durch die Krankenkassen – auch gar nicht tauglich, um die Kosten der Digitalisierung realistisch abzubilden. Die IT-Projekte werden als Kreislauf von Investition, Betrieb und Weiterentwicklung beschrieben, daher lassen sich die Kosten gar nicht trennscharf zuordnen.

Zudem weise auch die Krankenhaus-Buchführungsverordnung weder Aufwendungen für Digitalisierung noch für IT explizit aus, moniert die Studie.

4. Einsparungen noch nicht quantifizierbar

Schließlich die Nutzeneffekte: Publikationen, die in der Studie ausgewertet wurden, gehen von einer besseren Behandlungsqualität aus, wenn Informationen auch sektorenübergreifend ausgetauscht werden können. Für mögliche fallbezogene Kostensenkung durch Vermeidung von Doppeluntersuchungen und verkürzte Krankenhausaufenthalte fehlten aber Quantifizierungen.

In Bezug auf die Zeiteffizienz gehen die Meinungen auseinander, in der Einführungsphase wird aber einheitlich mit einer kostenintensiven Umstellungsphase gerechnet. Einsparungen werden am ehesten in der Verwaltung erwartet, etwa durch automatisierte Arztbriefe oder Selbstregistrierung von Patienten. Wenn medizinisches Personal von Dokumentationsaufgaben entlastet wird, ist zunächst nur von einer Aufgabenverlagerung auszugehen – hin zu den eigentlichen ärztlichen oder pflegerischen Aufgaben.

Dem steht aber ein erhöhter Personalbedarf sowohl im IT- als auch im medizinischen Bereich gegenüber. Als Daumenregel wird mit einer IT-Vollzeitkraft pro eine Million Fördervolumen für die Systembetreuung und einer weiteren Vollzeitkraft pro zwei Millionen Fördervolumen für das Projektmanagement gerechnet. Auf das medizinische Personal kommt zusätzliche Arbeit durch Key-User-Rollen und Umlernen zu.

5. Gesundheitssystem vs. einzelne Behandlung

Die Studie differenziert nach verschiedenen Ebenen des Gesundheitssystems: Auf Ebene des Gesamtsystems wird die Digitalisierung demnach einen positiven Beitrag leisten, auf der Ebene des einzelnen Behandlungsfalles wird eher mit steigenden Ausgaben gerechnet. Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen könne derzeit nicht primär darauf abzielen, Kosten zu sparen, sondern darauf, die Versorgungsqualität und Patientensicherheit zu steigern, resümiert Michael Ey.

Methodik

Der Nutzen der Digitalisierung wird als hoch angenommen, es gibt aber kaum evidenzbasierte Publikationen zu Nutzen und Kosten der Digitalisierung – so lässt sich der Ausgangspunkt der Studie zusammenfassen. In einer Literaturanalyse wurden zunächst wiederkehrende Argumentationsstränge herausgearbeitet. Berücksichtigt wurden Veröffentlichungen, die „objektive, klare und generalisierbare Argumente“ zu Kosten und Nutzen in Bezug auf die Krankenhäuser liefern. Dabei wurden von insgesamt 33 Publikationen nur sechs als evidenzbasiert eingestuft – mit eigener Methodik und zugänglichen bzw. überprüfbaren Datengrundlagen.
Es folgten Tiefeninterviews mit Geschäfts- und IT-Leitungen von acht Krankenhäusern. Die Untersuchung wurde begleitet und validiert von der DKG – durch ein Expertenpanel aus Führungskräften und IT-Verantwortlichen der Krankenhäuser sowie durch Spezialisten von PWC (Fachteam Gesundheitswesen, Datenanalyse, Wirtschaftsprüfung). Somit umfasst die Studie Kernargumente aus der Literatur wie auch Expertenmeinungen und praktische Erfahrungen.

Zum Download der Studie

Exkurs

„Digitalisierung spart nicht Geld pro einzelne Behandlung“, auf diesen Umstand verwies auch der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft Roland Engehausen beim Projektstart des gemeinsamen Patientenportals von über 100 Kliniken in Bayern. Man spare aber insgesamt im System, weil unnötige Behandlungen vermieden werden und zielgenauer behandelt werden könne. Auch vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie wirtschaftlich der Aufbau einzelner Patientenportale ist. Noch dürfte es zu früh sein, doch auf längere Sicht wäre es spannend zu sehen, inwieweit gemeinsame Portale wie eben in Bayern oder auch beim Health Harbor Hamburg trotz des anfänglichen Mehraufwands die nachhaltigere Lösung sind.

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