Kongress der DGTelemed Telemedizin im Norden – von Health Harbor Hamburg bis Hallig Hooge

Von Nicola Hauptmann 5 min Lesedauer

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Wie lässt sich die Versorgung in Flächenländern sicherstellen und wo liegen die Herausforderungen für Kliniknetzwerke? Für wen sind asynchrone Apps geeignet – und für wen eher nicht? Beim Telemedizin Kongress Nord, organisiert von der DGTelemed mit dem ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH, gab es dazu Einblicke und Impulse.

Im Norden, auf den Halligen, kommt schnelle medizinische Hilfe aus der Luft – und aus Aachen: Telenotärzte unterstützen die Einsatzkräfte vor Ort.(©  snapshotfreddy - stock.adobe.com)
Im Norden, auf den Halligen, kommt schnelle medizinische Hilfe aus der Luft – und aus Aachen: Telenotärzte unterstützen die Einsatzkräfte vor Ort.
(© snapshotfreddy - stock.adobe.com)

Die DGTelemed (Deutsche Deutsche Gesellschaft für Telemedizin e. V.) will sich stärker in den Regionen engagieren und hat in diesem Jahr neue virtuelle Kongressformate eingeführt. Nach dem Telemedizin Kongress Süd gab es am 13. Dezember die Premiere im Norden, initiiert und moderiert von Prof. Dr. Neeltje van den Berg und Dr. Franz Bartmann, beide im Vorstand des Vereins. Dabei wurden Projekte aus Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein vorgestellt.

Kinder im Fokus

Es ging und geht dabei immer um die Frage, wie eine flächendeckende Gesundheitsversorgung gewährleistet werden kann. Oft stehen dann Kranke und Ältere im Fokus der Diskussion. Aber auch die Versorgung einer anderen Gruppe ist mit besonderen Herausforderungen verbunden: die der Kinder und Jugendlichen. Nicht nur, weil sie alle regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen brauchen. In einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern sind pädiatrische Notaufnahmen auf dem Land selten, Telemedizin bietet sich somit als Lösung an. Entsprechend wurden in einer Studie bereits telemedizinische Dringlichkeitseinschätzungen mit denen einer pädiatrischen Notaufnahme vor Ort verglichen und dabei zeigte sich: In fast 68 Prozent der Fälle stimmten diese überein. Dr. Angelika Beyer von der Universitätsmedizin Greifswald stellte diese Studie beim Telemedizin Kongress Nord vor und ging auch auf Herausforderungen im Projekt Regionales Telepädiatrisches Netzwerk (RTP-Net) ein.

Neben der Akutpädiatrie widmet sich das RTP auch fachärztlichen Telekonsilen und hier zeigte sich ein klarer Schwerpunkt: 87 Prozent dieser Konsile betreffen die Neuropädiatrie. Den Ablauf der Konsile sowie weitere Projekte erläuterte Prof. Astrid Bertsche, Neuropädiaterin an der Kinderklinik der Universitätsmedizin Greifswald, deren Einzugsbereich praktisch das gesamte Bundesland umfasst.

Hamburg: Ein Netzwerk, keine Insel

Anders ist die Situation in Hamburg mit einer weit höheren Bevölkerungsdichte. Greta de Haas von der Stabsstelle Kollaboration & eHealth des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf stellte den Health Harbor Hamburg H³ vor: Das Anfang 2023 gestartete Projekt vernetzt 23 Kliniken. Norman Freier, Projektleiter bei Albertinen-Zentrale Dienste, ging auf die technische Umsetzung ein. Als besondere Herausforderungen nannte er:

  • Heterogenität: in Bezug auf die Systemlandschaft wie auch die Ausrichtung der einzelnen Häuser,
  • Interoperabilität: unterschiedliche Anforderungen und wenig Expertise,
  • Skalierbarkeit und Übertragbarkeit auch auf andere Netzwerke, etwa zur späteren Anbindung des ambulanten Bereichs,
  • Offenheit und Geschlossenheit: Die Lösung muss sicher, soll aber nicht abgeschottet sein, dezentrale Datenhaltung ist das Ziel.

Im Use Case „Bildung eines radiologischen Netzwerks“ soll zunächst ein zuverlässiger Austausch von Bilddaten in Befundqualität ermöglicht, aber auch schon die Grundlage für weitere Anwendugsfälle gelegt werden.

Einen weiteren Aspekt brachte die anschließende Vorstellung des länderübergreifenden telemedizinischen Netzwerks Hamburg-Niedersachsen ein. Für Regionalversorger stelle sich die Frage: „Wie schaffen wir es, diese breite Kompetenz und die zunehmende Spezialisierung der Medizin hier regional vor Ort zur Verfügung zu stellen?“, sagte Dr. Franziska von Breunig, Geschäftsführerin der Krankenhäuser Buchholz und Winsen.Unterstützt durch Fördermittel soll eine technische Infrastruktur für Kommunikation und Datenaustausch aufgebaut werden – eingebunden in die H³-Interoperabilitätsplattform. Der Bedarf an Kommunikationstechnik, etwa für Videokonferenzen oder Übertragung von Bilddateien, wurde im Vorfeld nach Use Cases differenziert und soll entsprechend umgesetzt werden. Dabei sei der Datenschutz von Anfang an mitzudenken, so von Breunig, auch Haftungs- und Abrechnungsfragen müssten berücksichtigt werden.

Zeitversetzt kommunizieren

Es muss nicht immer die Videosprechstunde sein: Aus Schleswig-Holstein kam ein Votum für die asynchrone Kommunikation: Im Projekt „Asynchrone telemedizinische Versorgung im ländlichen Raum“ erhalten Hausärzte Endgeräte, um Bilder und Überleitungsbögen an Fachärzte zu übermitteln. Abgedeckt werden die Bereiche Dermatologie, Rheumatologie, Augenheilkunde und künftig auch Pulmologie. Prof. Dr. Jost Steinhäuser vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität zu Lübeck erläuterte das Projekt und die Vorstudien. Für die asynchronen Konsile in der Dermatologie liegen auch Evaluationen vor: Die Rückmeldungen kommen in 92 Prozent der Fälle innerhalb von 48 Stunden und in ebenfalls 92 Prozent der Fälle wird deren Qualität als hoch bewertet.

Hilfe für Parkinson-Patienten

Doch nicht in jedem Fall sind asynchrone Anwendungen die geeignete Lösung, wie der zweite Beitrag des Bundeslandes zeigte. Prof. Björn Hauptmann von den Segeberger Kliniken sprach über das Konzept der telemedizinisch-gestützten Tagesklinik für Parkinson und Bewegungsstörung. Dabei spielt die synchrone Teletherapie eine wichtige Rolle, denn beim Bewegungstraining bringt angeleitetes Training deutlich bessere Resultate, zumal Parkinson-Betroffen häufig unter Antriebslosigkeit und Depressionen leiden. Insgesamt zeigten sich mit dem Programm in allen Bereichen Verbesserungen, was die Motorik als auch die Lebensqualität angeht.

Welche Rolle spielen eigentlich die Bundesländer bei der Umsetzung innovativer Versorgungskonzepte wie der Telemedizin? Das war die Einstiegsfrage zur Diskussionsrunde mit Vertretern der Landesbehörden. Benjamin Goffrier, Leiter des Referats Zukunftsorientierte Gesundheitsversorgung im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport Mecklenburg-Vorpommern sieht die Ministerien zusätzlich zu ihrer Rolle in der Gesetzgebung auch als Impulsgeber und Moderator. Man müsse aber auch Sachen ausprobieren und die Ergebnisse zurückspielen, auch an Fördermittelgeber, so Dr. Anne Mangold, Fachabteilungsleitung Versorgungsplanung Sozialbehörde Hamburg. Sie betonte die Zusammenarbeit sowohl mit den verschiedenen Akteuren als auch der Länder untereinander.

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Von Aachen auf die Hallig Hooge

In der weiteren Diskussion zeigte sich auch, dass die finanziellen Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind. In Mecklenburg-Vorpommern ist aufgrund geringer Mittel eher von „Hilfe zur Selbsthilfe“ die Rede, ähnlich in Hamburg, auch hier gibt es keinen eigenen Fördertopf. Schleswig-Holstein dagegen hat seit einigen Jahren einen Versorgungssicherungsfonds, der sich der (digitalen) sektorenübergreifenden Versorgung widmet. Der Ursprung lag im Projekt HALLIGeMED, berichtete Dominik Völk, Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung im Ministerium für Justiz und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein. In dessen Rahmen wurden Hallig-Flieger – Rettungssanitäter mit Fliegerausbildung – mit verschiedenen Devices ausgestattet, etwa einer Brille, die über eine integrierte Kamera Aufnahmen in Echtzeit übertragen kann. Parallel wurden auch die Vitalparameter der Patienten an die Leitstelle der Uniklinik Schleswig-Holstein übermittelt, sodass die dortigen Ärztinnen und Ärzte den Zustand der Patienten beurteilen konnten. Nach Ablauf der Projektförderung übernahmen die Telenotärzte der Uniklinik Aachen diesen Part– somit auch ein Paradebeispiel dafür, was Telemedizin auch länderübergreifend bewirken kann.

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