Die deutsche Krankenhauslandschaft steht mitten in der wohl tiefgreifendsten Reform ihrer Geschichte: Mit der neuen Gesetzgebung fließen Milliarden in Digitalisierung und Strukturwandel. Doch ohne tiefes Prozesswissen bleibt der Erfolg vermutlich aus. Wie kann der Wandel trotzdem gelingen?
Prozesswissen bedeutet, Abläufe nicht nur zu kennen, sondern sie auch aktiv gestalten zu können.
(Bild: miss irine - stock.adobe.com / KI-generiert)
Die neue Krankenhausreform fordert deutsche Kliniken zu strukturellen Veränderungen auf, bietet ihnen gleichzeitig aber eine historische Chance, sich nachhaltig für die Zukunft aufzustellen. Im Zentrum dieser Reform stehen das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) und die Krankenhaustransformationsfonds-Verordnung (KHTFV). Beide Regelwerke geben klare Leitlinien vor. Eine qualitativ hochwertige, patientenorientierte und wirtschaftlich tragfähige Versorgung, die maßgeblich auf Digitalisierung basiert. Die angestrebte Digitalisierung gelingt jedoch nur, wenn sie konsequent mit tiefgehendem Prozesswissen verknüpft wird.
Das KHVVG bildet das Fundament der aktuellen Krankenhausreform. Ziel ist es, die Qualität der Versorgung zu verbessern, wirtschaftliche Stabilität herzustellen und die Krankenhauslandschaft zukunftsfest zu gestalten. Dafür wird die Krankenhausplanung in Leistungsgruppen unterteilt. Die Krankenhäuser müssen nachweisen, dass sie bestimmte Leistungen in ausreichender Qualität und Menge erbringen, um diese weiterhin anbieten zu dürfen. Die bisherige pauschale Finanzierung wird differenzierter, ambulante Leistungen werden stärker gefördert, Bürokratie soll abgebaut werden und die Digitalisierung wird als Schlüssel zur Umsetzung ausdrücklich definiert.
Die KHTFV wiederum sorgt dafür, dass dieser Umbau finanziert werden kann. Sie regelt die Details des Transformationsfonds – von den Antragswegen über die Förderfähigkeit einzelner Maßnahmen bis hin zur Abrechnung. Bis zu 50 Milliarden Euro stehen bereit, um die Transformation der Krankenhauslandschaft zu ermöglichen. Digitalisierungsprojekte, ambulante Versorgung, sektorenübergreifende Modelle und Umstrukturierungen sind förderfähig, aber die Anforderungen an die Förderfähigkeit hoch. Ohne eine digitale Abbildung der Prozesse lassen sie sich nicht erfüllen.
Warum Digitalisierung ohne Prozesswissen scheitert
Die Digitalisierung ist bei der aktuellen Reform keine Option, sondern ganz klar eine Grundbedingung. Es geht nicht um Technik um der Technik willen, sondern um eine tiefgreifende Veränderung von Abläufen, Schnittstellen und Informationsflüssen. Nur durch digitale Prozesse lassen sich die mit dem KHVVG einhergehen Qualitätsnachweise, Versorgungsdaten, Leistungsgruppen und Personalstrukturen effizient und rechtssicher umsetzen.
Das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) war mit Investitionen in IT-Infrastruktur, Patientenportale und Notfallkapazitäten der erste Schritt. Jetzt folgt die nächste Stufe: Die KHTFV stellt klar, dass Digitalisierung nicht punktuell, sondern strategisch erfolgen muss. Gefördert werden nur nachhaltige, interoperable, prozessorientierte und evidenzbasierte Projekte. Krankenhäuser müssen also ihre Systeme also modernisieren, digitale Plattformen einführen und Datenflüsse automatisieren. Vor allem müssen sie jedoch verstehen, was sie digitalisieren und warum.
Prozesswissen als Schlüssel für nachhaltige Digitalisierung
Wer digitalisieren will, muss verstehen, wie das eigene Haus funktioniert. Prozesswissen bedeutet, Abläufe nicht nur zu kennen, sondern sie auch aktiv gestalten zu können. Es geht darum, jede Schnittstelle, jede Abhängigkeit und jeden Medienbruch zu identifizieren. Für die erfolgreiche Umsetzung von KHVVG und KHTFV ist Prozesswissen aus mehreren Gründen unverzichtbar:
Erstens: Es macht Effizienzpotenziale sichtbar. Ein Krankenhaus, das seine Prozesse versteht, kann gezielt automatisieren. Ein Beispiel ist die Dokumentation: Wird sie durchgängig digital abgebildet, spart man nicht nur Zeit, sondern verbessert gleichzeitig die Datenqualität. Gleiches gilt für Abrechnungen, Terminsteuerung oder interdisziplinäre Behandlungsprozesse.
Zweitens: Es verhindert Insellösungen. Digitalisierung muss sich an der Patient Journey orientieren und nicht an einzelnen Abteilungen oder Technologien. Nur wenn Prozesse durchgängig gedacht und abgebildet sind, greifen digitale Tools ineinander. Genau das fordert die KHTFV: Förderprojekte müssen nachweisen, dass sie auf nachhaltige, interoperable Strukturen setzen. Ohne durchgängiges Prozessverständnis sind diese Nachweise kaum zu erbringen.
Drittens: Prozesswissen ist Voraussetzung für Veränderung. Die Einführung digitaler Systeme verändert Arbeitsweisen. Rollen können sich verschieben und Verantwortlichkeiten sich ändern. Ohne Klarheit über die bestehenden Prozesse wird das Change-Management zum Blindflug. Wer aber weiß, wie seine Organisation funktioniert, kann Mitarbeitende gezielt einbinden, Schulungsbedarfe erkennen und die Akzeptanz für neue Technologien erhöhen.
Viertens: Es ermöglicht eine strategische Priorisierung. Digitalisierung kostet auch mit Förderung Geld. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Krankenhäuser ihre Projekte gezielt auswählen. Welche Prozesse sind zentral für die Versorgungsqualität? Wo entsteht der größte Nutzen? Wo liegen die Risiken? Prozesswissen schafft die Grundlage, um Fördermittel sinnvoll zu investieren und Projekte messbar zum Erfolg zu führen.
Fünftens: Es ist die Voraussetzung für Interoperabilität. Die Krankenhausreform setzt auf sektorenübergreifende Versorgung. Das bedeutet, dass Daten zwischen Krankenhäusern, Praxen, Pflegeeinrichtungen und Reha-Kliniken fließen müssen. Das ist jedoch nur möglich, wenn Prozesse klar definiert sind, da ansonsten neue Brüche entstehen. Interoperabilität beginnt also nicht bei der Technik, sondern beim Prozess.
Der 3-Punkte-Plan: Umsetzung in der Praxis
Wie können Kliniken den Wandel jetzt praktisch gestalten? Drei Schritte sind dabei besonders wichtig:
1. Prozesse analysieren und dokumentieren. Krankenhäuser sollten ihre bestehenden Abläufe gründlich analysieren. Interdisziplinäre Workshops helfen dabei, Prozesswissen zu bündeln und Optimierungspotenziale sichtbar zu machen. Digitale Prozessmodellierungstools schaffen Transparenz und ermöglichen gezielte Verbesserungen.
2. Digitalisierung strategisch planen und Fördermittel optimal nutzen. Das Prozesswissen erlaubt es, Digitalisierungsprojekte strategisch auszuwählen und Fördermittel gezielt einzusetzen. Der Fokus sollte auf interoperablen Lösungen liegen, die langfristig wirken, wie etwa die elektronische Patientenakte und telemedizinische Anwendungen.
3. Mitarbeitende aktiv einbinden. Digitalisierung erfordert aktives Change-Management. Mitarbeitende müssen von Anfang an einbezogen, umfassend geschult und begleitet werden, damit Veränderungen nachhaltig akzeptiert und umgesetzt werden.
Fazit: Jetzt handeln – Prozesswissen aufbauen und Chancen nutzen
Die Krankenhausreform ist Realität geworden. Das KHVVG und KHTFV geben den Takt vor, die Digitalisierung ist das Werkzeug und Prozesswissen der Schlüssel. Krankenhäuser, die ihre Strukturen jetzt kritisch analysieren, Prozesse gezielt weiterentwickeln und Digitalisierung strategisch angehen, schaffen die Grundlage für nachhaltige Versorgung und wirtschaftliche Stabilität.
Stand: 08.12.2025
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Die Mittel stehen bereit. Die politischen Rahmenbedingungen sind gesetzt. Der Handlungsdruck ist zwar hoch, doch die Chancen sind es auch. Wer jetzt in Know-how, digitale Strukturen und sektorübergreifende Versorgung investiert, wird nicht nur die Anforderungen der Reform erfüllen, sondern die Versorgung aktiv mitgestalten.
Benötigt wird also ein klarer Fahrplan, der berücksichtigt, dass Digitalisierung kein Projekt, sondern ein kontinuierlicher Transformationsprozess ist. Und es braucht das Bewusstsein, dass dieser Prozess nur gelingt, wenn er auf echtem Prozesswissen basiert. Die Zukunft der Krankenhausversorgung wird nicht von oben herab verwaltet, sondern kann aktiv mitgestaltet werden. Jetzt ist der Moment, Verantwortung zu übernehmen und anzupacken.
Dirk Wolters ist seit Januar 2019 Inhaber, Geschäftsführer und Leiter des Geschäftsbereichs Consulting bei der NeTec GmbH. Davor war er anderthalb Jahre als Productmanager für EMR/KIS Germany bei der Philips GmbH tätig, spezialisiert auf das Management und die Einführung des Krankenhausinformationssystems Tasy im deutschen Markt. Zwischen Juli 2014 und Juni 2017 leitete er die IT-Abteilung der Bezirkskliniken Mittelfranken und war dort verantwortlich für die IT-Strategie und deren operative Umsetzung.