Gesundheitssystem im Umbruch Wie hybride Modelle die Gesundheitsversorgung revolutionieren könnten

Ein Gastbeitrag von Christoph Neumeier 4 min Lesedauer

Die Versorgung scheitert heute oft an Organisation und Übergängen, weshalb hybride Modelle dort entstehen, wo klassische Strukturen blockieren. Christoph Neumeier erklärt, warum 2026 entscheiden dürfte, ob diese Ansätze Standard werden.

Herausforderungen im Gesundheitswesen liegen häufig nicht an der Medizin selbst, sondern an den Übergängen und der Organisation der Versorgung. Hybride Modelle sind eine Antwort auf diese Probleme und entstehen dort, wo traditionelle Strukturen an ihre Grenzen stoßen. (Bild:  Canva / KI-generiert)
Herausforderungen im Gesundheitswesen liegen häufig nicht an der Medizin selbst, sondern an den Übergängen und der Organisation der Versorgung. Hybride Modelle sind eine Antwort auf diese Probleme und entstehen dort, wo traditionelle Strukturen an ihre Grenzen stoßen.
(Bild: Canva / KI-generiert)

Das deutsche Gesundheitssystem verändert sich nicht durch Reformen, sondern durch Nutzung. Patientinnen und Patienten wechseln zunehmend zu hybriden Versorgungsmodellen, weil klassische Strukturen ihre eigene Nachfrage nicht mehr bedienen. Wer krank ist, braucht Antworten, nicht Warteschleifen. Das System wirkt wie ein hochmoderner Getränkeautomat: innen Hightech, außen blinkt zu oft „Bitte warten“. Der Wandel passiert leise, aber unumkehrbar.

Hightech-Medizin, Lowtech-Zugang

Autor Christoph Neumeier ist Gründer und CEO der CKM Group.(Peter Krausgrill)
Autor Christoph Neumeier ist Gründer und CEO der CKM Group.
(Peter Krausgrill)

Der Widerspruch ist kaum noch zu übersehen. Deutschland kann hochkomplexe Medizintechnik digital steuern, organisiert den Zugang zur Versorgung aber noch immer über Telefonzeiten, Papierformulare und Medienbrüche. Wir können zwar Operationen per Robotik begleiten, können aber nur Termine zwischen 8:00 Uhr und 8:17 Uhr vergeben.

Medizinisch ist das Land stark, organisatorisch wirkt der Weg zur Behandlung aus der Zeit gefallen. Während politische Debatten an Tempo verlieren, entsteht parallel eine neue Versorgungsrealität. Sie wird nicht beschlossen, sie wird genutzt.

Hybrid ist keine Ergänzung, es ist die funktionierende Umleitung

Hybride Versorgung wird oft als digitale Ergänzung beschrieben. In der Praxis ersetzt sie dort klassische Logiken, wo diese versagen. Telemedizin, digitale Anamnese und vernetzte Apotheken entstehen nicht aus Spieltrieb, sondern aus Druck. Entscheidend sind nicht einzelne Tools, sondern funktionierende Prozessketten. Wer digital startet, darf nicht analog steckenbleiben. Andernfalls endet die Reise wieder im Wartezimmer und das mit noch mehr Frust als zuvor.

Versorgung entsteht von unten

Was wir beobachten, ist kein gesteuertes Modernisierungsprojekt, sondern ein Bottom-up-Prozess. Menschen nutzen Angebote, solange sie funktionieren und verlassen sie sofort, wenn die Reise abbricht. Eine Selbstauskunft als Formular reicht nicht mehr. Patientinnen und Patienten wollen verstehen, was sie angeben und warum. Der entscheidende Unterschied ist nicht Technologie, sondern Tempo. In der Versorgung gewinnt nicht der perfekte Masterplan, sondern das, was im Alltag trägt.

In der operativen Praxis zeigt sich dieser Wandel sehr konkret. Als Infrastrukturakteur ist die CKM Group in hybride Versorgungsmodelle eingebunden. Dabei ersetzt sie nicht bestehende Akteure, vielmehr verbindet sie die digitale Versorgung, ärztliche Leistungen und Apotheken vor Ort miteinander. Sechsstellige Patientenzahlen in der Telemedizin zeigen: Das Modell funktioniert. Der kritische Punkt liegt fast immer bei der Übergabe. Wenn Rezepte und Befunde digital weitergegeben werden können, bleibt die Journey stabil. Fehlt diese Schnittstelle, fällt man zurück ins alte System.

Expertise kennt keine Postleitzahl

Hybride Versorgung sprengt das enge regionale Denken. Fachärztliche Expertise ist kein Ort, sondern eine Ressource. Sie kann dort eingesetzt werden, wo sie medizinisch sinnvoll ist. In der Onkologie etwa ermöglicht digitale Begleitung eine engmaschige Betreuung bei oralen Tumortherapien, während Diagnostik physisch erfolgt. Nebenwirkungen werden früher erkannt, Eskalationen vermieden, Therapiepfade stabilisiert. Das ist kein Komfortmerkmal, sondern eine Frage von Qualität und Zeit.

Versorgung endet nicht an der Praxistür. Public-Health-Instrumente wie Abwasseranalytik zeigen, dass Systeme oft früher reagieren könnten, als sie es tun. Entwicklungen bei Resistenzen lassen sich erkennen, bevor sie klinisch eskalieren. Wer Versorgung steuern will, muss nicht nur Leistungen vergüten, sondern Informationen ernst nehmen. Healthcare entsteht nicht durch neue Begriffe, sondern durch bessere Signale, schnellere Wege und belastbare Infrastruktur.

Warum klassische Steuerung ins Leere läuft

Die klassische Versorgungslogik basiert auf Annahmen, die nicht mehr tragen: planbare Bedarfe, klare regionale Zuständigkeiten, lineare Pfade. Die Nachfrage steigt unabhängig von einzelnen Leistungsarten. Niedrigschwellige Angebote werden massiv genutzt. Digitale Schnittstellen sind keine Extras mehr, sondern Voraussetzung. Menschen brauchen Informationen zu ihrem Gesundheitsstatus in einer Form, die sie verstehen, denn nur dann können sie diese nutzen. Verständlichkeit ist heute eine medizinische Leistung.

Telemedizin scheitert selten an Technik, sondern an fehlender Struktur. In vielen Fällen ist die Videosprechstunde der Präsenz gleichwertig und bietet klare Vorteile: Sie entlastet Praxen, verteilt ärztliche Ressourcen effizienter und senkt Zugangshürden. Gerade in Regionen mit Fachärztemangel ist hybrid nicht optional, sondern notwendig. Ohne klare Standards droht jedoch Wildwuchs. Regulierung schützt hier nicht vor Innovation, sondern vor Vertrauensverlust.

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Was 2026 entscheidend ist

Der Blick nach vorn ist eindeutig. Prävention, frühzeitige Diagnostik und One-Stop-Versorgung werden Standard, weil Patientinnen und Patienten sie einfordern. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht laut auftreten, sondern leise übersetzen: dialogbasierte Systeme auf dem Smartphone, die medizinische Komplexität in Alltagssprache überführen. Entscheidend ist, dass diese Intelligenz Teil geregelter Versorgungspfade wird und nicht als paralleles Experiment durchgeführt wird.

2025 hat gezeigt, dass hybride Versorgung funktioniert. 2026 entscheidet sich, ob das System bereit ist, diese Realität anzuerkennen. Hybrid darf kein Pilot bleiben, sondern muss Standard werden: digital, wenn sinnvoll, physisch, wenn nötig. Dafür braucht es weniger Bürokratie, funktionierende Übergaben, digital eingebundene Apotheken und die informierte Selbstauskunft als zentrales Werkzeug.

In fast allen Lebensbereichen akzeptieren wir heute keine Brüche mehr. Services sind nutzerzentriert, Wege kurz, Übergaben reibungslos. Nur in der Versorgung gelten Warteketten und Unklarheit noch als Normalzustand.

Die eigentliche Systemfrage lautet: Bleiben wir bei den Zuständigkeiten oder richten wir die Versorgung entlang der Patient Journey konsequent aus? Mit klaren Prozessen, Datenfluss und messbarem Ergebnis.

Der Autor

Christoph Neumeier ist Gründer und CEO der CKM Group. Die CKM Group entwickelt hybride Versorgungsstrukturen an der Schnittstelle von Telemedizin, Prävention, Diagnostik und physischer Versorgung und betreibt unter anderem die Munich Airport Clinic.

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