Tragfähige DigitalisierungMit „Brilliant Basics“ zu besserer Reha-Versorgung
Ein Gastbeitrag von
Torsten Kunz
7 min Lesedauer
Erfolgreiche Digitalisierung im Reha-Bereich ist weniger eine Frage bahnbrechender Innovationen als eine Frage der konsequenten Umsetzung grundlegender Prinzipien. Stabilität, Vernetzbarkeit und Benutzerfreundlichkeit bilden das Fundament, auf dem moderne Versorgung aufbauen kann.
Im Reha-Alltag sollten digitale Lösingen die Abläufe vereinfachen, ohne für zusätzliche Komplexität zu sorgen.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist im vollen Gange. Doch die besondere Komplexität und die strengen regulatorischen Rahmenbedingungen des Marktes erschweren diesen Prozess erheblich. Die elektronische Patientenakte ist nur ein Beispiel dafür, dass die Lücke zwischen strategischem Anspruch und medizinischem Alltag teils noch groß ist. Reha-Kliniken arbeiten aufgrund der speziellen Anforderungen ihrer Branche häufig mit über Jahre gewachsenen, teils fragmentierten und technologisch überholten IT-Strukturen. Dabei braucht es gerade in Zeiten des Fachkräftemangels digitale Lösungen, die Effizienzen schaffen und Ressourcen optimieren.
Die Nachfrage nach rehabilitativen Leistungen ist innerhalb der vergangenen Jahre um 21 Prozent gestiegen, wie aus dem aktuellen Reha-Bericht der Deutschen Rentenversicherung (DRV) hervorgeht. Dem gegenüber stehen überlastete Kliniken, die unter massivem wirtschaftlichem Druck stehen. Mehr als die Hälfte der Reha-Einrichtungen war im vergangenen Jahr nicht profitabel. Gleichzeitig sind Behandlungskapazitäten durch den sich zuspitzenden Fachkräftemangel mitunter stark eingeschränkt. Digitale Technologien können wesentlich zur Entlastung beitragen, die Behandlungsqualität steigern und neue Umsatzpotenziale erschließen – vorausgesetzt, sie sind im Klinikalltag wirklich anschlussfähig.
Praxistauglichkeit statt digitaler Überlastung
Praktikabilität ist hier die Maßgabe: Im Reha-Alltag bedeutet das, Abläufe zu vereinfachen, statt zusätzliche Komplexität zu schaffen. Medienbrüche, parallele Strukturen zur Datenerfassung und nicht synchronisierte Softwaretools gehören zu den größten Zeitfressern der Therapie- und Ärzteteams. Eine tragfähige digitale Lösung muss deshalb Patientenmanagement, Therapieplanung, Echtzeit-Monitoring, Kommunikationsdienste und Dokumentation in einem System vereinen – selbstverständlich DSGVO-konform.
Wenn Fortschrittsdaten und Patientenfeedback automatisch in einer digitalen Akte zusammenlaufen, entsteht ein konsistentes, auswertbares Bild des Therapieverlaufs. Automatisierte und DRV-konforme Abrechnungen sind ein weiterer Hebel, um den Aufwand des Back-Office in Kliniken deutlich zu entlasten. Für Therapieteams bedeutet das: mehr Zeit am Patienten. Denn der persönliche Kontakt und damit die menschliche Komponente ist und bleibt zentral für den Therapieerfolg.
Komplexe KI-Workflows oder futuristische Assistenzfunktionen haben zwar ihre Berechtigung, tragen aber in vielen Fällen der Realität in Klinik-Einrichtungen nicht ausreichend Rechnung. Entscheidend ist, dass Basisfunktionalitäten absolut zuverlässig und effizient funktionieren. Neue Software muss sich nahtlos an bestehende Kliniksysteme andocken – technisch, organisatorisch und menschlich. Das beginnt bei einer technischen Architektur, die ohne komplizierte Client-Installationen auskommt.
Browserbasierte Lösungen bieten den Vorteil, sowohl Update- als auch Roll-out-Aufwände zu minimieren. Ebenso zentral sind klare digitale Therapievorlagen, mit denen Teams schnell planen können. Solche „Brilliant Basics“ ermöglichen es Kliniken, trotz knapper personeller Ressourcen zügig produktive Nutzungsgrade zu erreichen – ein Erfolgsfaktor, der in vielen digitalen Transformationsprojekten noch immer unterschätzt wird.
Interoperabilität als Fundament nachhaltiger Digitalisierung
Ein weiterer Kernbaustein tragfähiger Digitalisierung ist Interoperabilität. In kaum einem Bereich des Gesundheitswesens ist die Systemvielfalt so ausgeprägt wie in der Rehabilitation. Klassische KIS-Lösungen treffen auf Drittanwendungen, lokale Tools, proprietäre Module und individuelle Eigenentwicklungen der Häuser. Ohne offene, standardbasierte Schnittstellen entsteht eine digitale Inselwelt, welche die ohnehin knappen Ressourcen zusätzlich belastet.
Standards wie HL7, FHIR oder etablierte semantische Systematiken wie ICF und OPS sind deshalb weit mehr als technische Details: Sie sind das Fundament eines Ökosystems, das Systeme miteinander sprechen lässt. Nur wenn digitale Plattformen sich nahtlos in bestehende Rollen- und Berechtigungsmodelle, Dokumentationslogiken und Arbeitsabläufe integrieren, entsteht ein durchgängiger, effizienter Prozess.
Kliniken profitieren dadurch doppelt: Einerseits sinkt der administrative Aufwand, andererseits steigt die Datenqualität, die wiederum Grundlage für bessere Auswertungen, Steuerungsinformationen und Therapieentscheidungen ist. Ein interoperables System stärkt somit nicht nur die IT-Sicherheit und Prozessqualität, sondern steigert auch die Akzeptanz beim Personal.
Usability als klinischer Gamechanger
Doch selbst die beste technische Integration bleibt wirkungslos, wenn die Bedienung nicht überzeugt. Nutzerfreundlichkeit ist also nicht nur ein ästhetisches Beiwerk, sondern auch einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren digitaler Kliniklösungen. Insbesondere im schnelllebigen Berufsalltag von Ärzten, Therapeuten und Krankenpflegern müssen digitale Oberflächen intuitiv und übersichtlich sein. Digitale Hilfsmittel zum Vereinfachen der Kernaufgaben von der Patientenaufnahme über die Therapieplanung bis hin zur Berichtserstellung mit leistungsfähigen Such- und Filterfunktionen reduzieren den Aufwand im Arbeitsalltag erheblich. Gleichzeitig werden Fehlerquoten gesenkt und klinische Entscheidungen beschleunigt.
Stand: 08.12.2025
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Für Patienten wiederum ist die Usability ebenso relevant: barrierearme Interfaces, mobile Zugänglichkeit und klar geführte Videoübungen resultieren in einer Therapieadhärenz von beachtlichen 80 Prozent, wie wissenschaftliche Studien belegen. Wichtig ist und bleibt dabei die Verbindung von digitaler und persönlicher Betreuung. Digitale Kommunikation ersetzt nicht den therapeutischen Kontakt, sondern schafft zusätzliche Transparenz und ermöglicht eine engere Begleitung – insbesondere in der Nachsorge.
Die digitale Versorgungskette als strategisches Zielbild
Damit wird deutlich: Die eigentliche Stärke moderner Reha-Plattformen liegt nicht in einzelnen Funktionen, sondern in der Verbindung der Versorgungskette. Eine Reha endet fachlich längst nicht an der Kliniktür, und digitale Systeme müssen das abbilden. Wenn Daten von der Prävention über die stationäre oder ambulante Reha bis zur digitalen Nachsorge konsistent verfügbar sind, entsteht ein übergreifender Therapieprozess entlang der gesamten Gesundheitsreise von Patienten. Für Kliniken bedeutet dieser Ansatz eine deutliche Entlastung, weil weniger Rückfragen entstehen, weniger Papierdokumentation erforderlich ist und Therapieverläufe klar nachvollziehbar sind.
Einrichtungen, die ihre Digitalstrategie entsprechend ausrichten, profitieren von spürbaren Entlastungen im Alltag, effizienteren Workflows, einer höheren Datenqualität und besseren Behandlungsergebnissen. Digitalisierung wird damit nicht zum Selbstzweck, sondern zu einem Werkzeug, das die Versorgung stärkt, Ressourcen schont und den Herausforderungen der kommenden Jahre mit einem robusten, praxistauglichen Fundament begegnet.
Interview mit dem Autor
Torsten Kunz
(Bildquelle: Caspar Health)
Herr Kunz, in der Praxis begegnen sie sicher einigen skeptischen Therapeuten und Ärzteteams, die befürchten, dass Digitalisierung ihre persönliche Rolle in der Behandlung schmälert. Wie steht es mittlerweile um die Nutzerakzeptanz digitaler Lösungen?
Kunz: Der Ressourcengewinn digitaler Lösungen liegt nicht darin, Arbeitskräfte zu reduzieren, sondern Kapazitäten freizusetzen. Die digitale Unterstützung entlastet Teams von Routineaufgaben, damit sie sich stärker auf die klinischen Kernaufgaben konzentrieren können. So können sie letztlich mehr Patientinnen und Patienten versorgen.
Entscheidend sind die Basics: ein sauberer Workflow, klare Verantwortlichkeiten und Daten nur einmal erfassen, danach überall nutzbar machen. Dann schaffen digitale Tools wie Echtzeit-Monitoring, standardisierte Fortschrittsdokumentation oder automatisierte Abrechnungen Freiräume, ohne die persönliche Betreuung zu ersetzen.
Das merken auch unsere Klinikpartner schnell. Durch diese Kombination aus Software und menschlicher Expertise haben wir hohe Akzeptanzwerte im Klinikalltag festgestellt: Teams erkennen schnell den konkreten Nutzen, und die Integration in bestehende Abläufe funktioniert reibungslos.
Sie erwähnen DRV-konforme Abrechnungen als wesentlichen Entlastungshebel. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Kostenträgern konkret?
Kunz: Die Zusammenarbeit mit Kostenträgern wie der Deutschen Rentenversicherung (DRV) ist formal klar geregelt. Da die Plattform von Caspar Health von der DRV zertifiziert und anerkannt ist, sind unsere Leistungen in der Regelversorgung abrechenbar. Für Kliniken bedeutet das eine wesentliche Vereinfachung administrativer Prozesse: Digitale und automatisierte Patientendokumentation reduzieren manuelles Nacharbeiten sowie Rückfragen oder etwaige Korrekturen seitens der DRV.
Kurzum, die Abläufe der Zusammenarbeit mit dem Kostenträger werden vereinfacht und stabilisiert. Außerdem ermöglichen digitale Nachsorge und Prävention eine besser planbare Therapiedurchführung und unterstützen Kliniken dabei, ihre Auslastung effizienter zu steuern. Ein wichtiges Argument gegenüber Kostenträgern ist außerdem der Qualitätsgewinn der Therapie dank strukturierter Fortschrittsdaten und einer höheren Therapieadhärenz von 80 Prozent gepaart mit hoher Patientenzufriedenheit. Der konkrete Business Case dieser Effizienzsteigerungen hängt von individuellen Parametern der jeweiligen Klinik ab.
Stichwort datengestützte Therapieentscheidungen: Welchen Mehrwert liefern Daten für das klinische Qualitätsmanagement – und wie weit sind wir bei der datengetriebenen Therapiesteuerung?
Kunz: Digitale Datenerfassung macht Therapieverläufe vor allem konsistenter und nachvollziehbarer, weil Informationen nicht mehr verteilt in Papier, Excel und Köpfen stecken. Für Qualitätsmanagement bedeutet das: Entscheidungen werden überprüfbar, Abweichungen früher sichtbar und Ergebnisse zwischen Teams und Standorten besser vergleichbar. Daten ersetzen keine klinische Expertise, aber sie helfen Hypothesen über wirksame Therapiepfade zu testen und Fehlannahmen schneller zu erkennen.
Technisch ist vieles möglich und eine vollständig datengetriebene Therapiesteuerung rückt in greifbare Nähe. Die Daten sind heute bereits verfügbar. Allerdings gibt es auf struktureller Ebene noch Hürden. Was es hier braucht, ist eine stärkere Verzahnung und gemeinsame Standards der genutzten Systeme, um Daten noch effizienter zu standardisieren und zu bündeln. Eine durchgängige digitale Plattform wie die von Caspar Health setzt genau hier an und schließt diese Lücke. Sie erfasst Daten einheitlich, macht sie auswertbar und schafft so die Basis für automatisierte, adaptive Therapiepfade.
Strategisch hoffen Sie auf eine „digitale Versorgungskette über die Kliniktür hinaus“. Wo sehen Sie diesbezüglich noch strukturelle Lücken im System?
Kunz: Für eine konsistente Versorgung von Patienten braucht es eine Vernetzung aller Institutionen, die an der Gesundheitsreise beteiligt sind – von der Klinik über niedergelassene Ärzte und Therapeuten bis hin zu Kostenträgern. Nur wenn Therapie- und Verlaufsdaten zwischen allen Beteiligten ausgetauscht werden können, lässt sich eine lückenlose Behandlung sicherstellen.
Die elektronische Patientenakte (ePA) stellt hierfür ein zukunftsweisendes Instrument dar. Sie ist derzeit jedoch noch nicht in der Reha-Versorgung praktisch einsetzbar. Denn es fehlt sowohl an verbindlichen Standards für Reha-Daten als auch an klaren Prozessen für die Übertragung von Therapie- und Verlaufsinformationen in die ePA.
Sobald interoperable Profile verfügbar sind, können Plattformen wie die unsere strukturierte Therapiedaten bereitstellen – und damit die ePA um verlaufsbezogene Informationen zur Rehabilitation ergänzen.
Torsten Kunz ist Head of Product bei Caspar Health. Das Interview führte die Redaktion.