eHealth Summit 2024 Miteinander das Krankenhaus der Zukunft ersinnen

Von Stephan Augsten 8 min Lesedauer

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Der Weg in die digitale Zukunft des Gesundheitswesens ist ähnlich mühsam, aber ebenso lohnenswert, wie der Anstieg auf den Petersberg bei Bonn. Dort trafen sich Fachleute aus Medizin, IT und Forschung, um gemeinsam Lösungen für die größten Herausforderungen der Digitalisierung zu finden.

Am 19. und 20. November 2024 fand auf dem Petersberg in Königswinter bei Bonn der 3. eHealth Summit statt.(Bild:  VIT-Akademie)
Am 19. und 20. November 2024 fand auf dem Petersberg in Königswinter bei Bonn der 3. eHealth Summit statt.
(Bild: VIT-Akademie)

Im Spannungsfeld zwischen gesetzlicher Regulierung und juristischen Folgen, unsicherer Finanzierung und technologischem Wandel haben Gesundheitseinrichtungen bei der Digitalisierung noch mit weiteren Herausforderungen zu kämpfen. Unter anderem nämlich mit dem Motivieren von Mitarbeitenden, die von der digitalen Transformation betroffen sind, sowie der Prozessoptimierung im Kontext derselben. Dies kristallisierte sich auf dem dritten eHealth Summit 2024 der Vogel IT-Akademie heraus. Knapp 30 explizit geladene CxOs und IT-Entscheider aus dem Gesundheitswesen hatten sich hierzu am 19. und 20. November 2024 im Steigenberger Grandhotel auf dem Petersberg bei Königswinter/Bonn eingefunden. Eineinhalb Tage nahmen sie sich Zeit, um unter dem Motto „Futurize Digital Healthcare“ über sich über aktuelle Herausforderungen, erfolgreich umgesetzte Projekte und bestehende Chancen der Digitalisierung auszutauschen.

Als ein großes Hemmnis wird – wenig überraschend – die gesetzliche Regulierung wahrgenommen, wie Prof. Dr. med. Dr. jur. Christian Dierks gleich zum Auftakt seiner Eröffnungskeynote „Die Zukunft der Datennutzung im Krankenhaus“ unterstrich: „Das können wir in Deutschland, das haben wir jetzt zur Meisterschaft gemacht. Die ganze Welt beneidet uns – nicht – darum, dass der Datenschutz so ausgeprägt ist, sondern er lähmt uns in vielen Bereichen.“ Mit Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), Bundes-, Landes- und kirchlichen Datenschutzgesetzen, Krankenhausgesetzen sowie Spezialvorschriften aus der Sozialversicherung, aus dem Arzneimittel- und Medizinprodukterecht komme man auf mehr als 50 Regelwerke, die Krankenhäuser beim Umgang mit Daten beachten müssten. „Es ist kein Wunder, dass man sich verheddert und dass man feststellt: Wir leben in einem föderalen Flickenteppich“, so Dierks, der anschließend „eine Antinomie der Schutzziele“ hervorhob.

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Ob Datenintegrität contra Intervenierbarkeit oder Datentransparenz und -verfügbarkeit versus Anonymisierung – alles laufe darauf hinaus, dass „wir die Daten nicht da [haben], wo wir sie brauchen, um eine gute Qualität in der Medizin zu erreichen. Das müssen wir angehen, das ist die Herausforderung der nächsten Jahre“, betonte der Fachanwalt für Sozial- und Medizinrecht sowie Facharzt für Allgemeinmedizin und Professor für Gesundheitssystemforschung an der Charité Berlin. Vor diesem Hintergrund bezeichnete er die europäische Verordnung über den Gesundheitsdatenraum und das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) als erfreuliche Entwicklungen. So sei die Befreiung von der Einwilligung für die Weitergabe von pseudonymisierten Daten innerhalb öffentlich geförderter Zusammenschlüsse „ein gewaltiger Paradigmenwechsel, den wir auch nutzen müssen.“

Aus der Patientenportal-Pflicht eine Kür machen

In den drei darauffolgenden Formaten ging es jeweils um das Thema „Patientenportale“, und wie man aus der Notwendigkeit ihrer Umsetzung eine Tugend machen kann. Prof. Bernhard Rieser, Geschäftsführender Gesellschafter der ARCUS Kliniken, und Dr. med. Anke Diehl, CTO am Universitätsklinikum Essen, gaben hierfür zunächst einmal praktische Erfahrungsberichte zum Besten. Für Rieser beispielsweise war das digitale Klinikmanagement der Weg, um dem Run auf sein auf Orthopädie, Unfallchirurgie und Endoprothetik spezialisiertes Behandlungszentrum Herr zu werden. Ganz im Sinne einer intelligenten Belegungsplanung und einer reibungslosen „Patient Journey“ schöpft er dabei die Möglichkeiten von Prozessautomatisierung und Künstlicher Intelligenz aus. Nicht weniger, als ein „Türöffner für ‚Digital First‘“ sind Patientenportale auch für Diehl: „Für mich, für uns am Uniklinikum hat Patientenportal eine große Berechtigung. Ob wir es wirklich so umsetzen können – mit all den Krankheitsbildern, all den Fragebögen, all dem Informationsmaterial –, wie wir uns das mal idealistisch vorgestellt haben, weiß ich nicht.“

Mit derartigen Ungewissheiten und Unwägbarkeiten sollte sich im Anschluss auch der Roundtable „Patientenportale: Goldene Zukunft oder digitales Millionengrab?“ befassen. Wer, wenn nicht der selbsternannte „Unruheständler“, Arbeitsmediziner und ehemalige CIO des Landes Nordrhein-Westfalen, Prof. Dr. Andreas Meyer-Falcke, hätte diese moderieren sollen? Neben der bereits erwähnten Frau Dr. Diehl gesellten sich Axel Ernst vom Universitätsspital Basel, Sandra Hoyer von der Techniker Krankenkasse und Roland Engehausen von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft zum ihm. Zentrale Themen waren dabei die Finanzierung und Implementierung von Patientenportalen sowie die mit der fehlenden Standardisierung und Interoperabilität von Krankenhausinformationssystemen verbundenen Probleme.

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Cyberresilienz, IT-Sicherheit und Governance

Um thematisch für etwas Abwechslung zu sorgen, standen dann IT-Sicherheit und Cyberresilienz auf dem Programm. Rechtsanwältin Christine Kiefer sprach diesbezüglich über die „NIS-2-Richtlinie in der Praxis“. Gerade Akteure aus dem Gesundheitswesen hätten dank BSI-Gesetz und KRITIS-Verordnung schon viele Maßnahmen umgesetzt: „Die muss man nicht nochmal neu erfinden, die muss man gegebenenfalls nachschärfen oder vielleicht ergänzen.“ Am Anfang stehe deshalb erst einmal eine Gap-Analyse, um die Handlungsfelder zu identifizieren, wobei es gelte, Partner und verbundene Unternehmen mit zu berücksichtigen. Wie man richtig mit Cyberangriffen in der Praxis umgeht, zeigte Kiefer gemeinsam mit Dr. Monika Walter, IT-Leiterin am Klinikum Bielefeld, in einem anschließenden Roundtable.

Parallel dazu wurde in einem weiteren Roundtable die Frage erörtert, wie Krankenhäuser die digitale Transformation effizient umsetzen können. Dabei übernahm dabei David Senf-Mothes vom Universitätsklinikum C. G. C. Dresden die Moderation. Ein zentraler Punkt war die Einbindung und Motivation der Mitarbeiter, insbesondere des Pflegepersonals und der Ärzte. So seien „die Pflegebereiche die besten Ansprechpartner für Veränderung“ und es gelte, diese motivierten Mitarbeiter gezielt einzubinden. Gleichzeitig müsse man aber auch die skeptischen Mitarbeiter abholen, ihnen den Mehrwert der neuen Technologien und Prozesse vermitteln sowie Missverständnisse beseitigen. Partizipation, Kommunikation auf Augenhöhe, Mitarbeiter-Qualifizierung und Pilotprojekte mit kleinen, aber betroffenen Stellen waren nur ein paar der genannten Mittel.

Die Funktion und Aufstellung der Führungsebene war ein weiteres Unterthema der Diskussion. Die Geschäftsführung müsse „hinter der Thematik, hinter jeder Entscheidung, hinter der Strategie stehen“. Nur so lasse sich die digitale Transformation erfolgreich umsetzen. Hier sei es wichtig, klar definierte Rollen und Verantwortlichkeiten zu schaffen und diese auch konsequent umzusetzen, ohne dass die Führungsebene immer wieder in operative Details eingreife.

Wie das Krankenhaus der Zukunft aussieht

Um die Runde vor der abendlichen Abschluss-Keynote aufzulockern, lud Moderatorin Nicole Dufft dann noch zu einem kreativen und visionären Austausch: mit Legobausteinen und allerlei weiterem „Baumaterial“ galt es, das Gesundheitswesen der Zukunft zu gestalten. In Kleingruppen durften die Gäste ihren eigenen Vorstellungen von Patientenportalen, KIS, Künstlicher Intelligenz, Regulierung und IT-Security Form und Gestalt verleihen. Wie die kunterbunten und spannenden Ergebnisse zusatande gekommen sind, haben wir übrigens in unserer Bildergalerie für Sie festgehalten.

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Einen Blick auf den Status quo hingegen gab Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin der Core-Unit eHealth und Interoperabilität (CEI) am Berlin Health Institute an der Berliner Charité. Thun betonte, dass in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland erzielt wurden und man darauf durchaus stolz sein dürfe. Nichtsdestotrotz gebe es vielerorts auch Nachholbedarf: Überregulierung durch den Gesetzgeber, fehlende Standardisierung und Datenaustauschformate bei Laborbefunden, Medikamentenkennzeichnung oder auch Patienteninformationen, eine elektronische Patientenakte, die längst noch nicht alle Möglichkeiten ausschöpft – alles Beispiele dafür, dass noch viel Arbeit zu erledigen ist.

Wenig Hoffnung hat Thun indes, dass in der Übergangszeit bis zur Neuwahl noch neue Gesetze wie das Digitalagenturgesetz verabschiedet werden. „Verordnungen hingegen kommen durch“, betonte die Digitalisierungsexpertin, „und jetzt gibt es eine Verordnung nach der anderen.“ Mit Blick auf die anderen genannten Problemfelder äußerte sie sich wiederum vorsichtig optimistisch. Ob bei der ePA, beim Medikationsplan oder dem Aufbau einer Interoperabilitätsplattform zwischen Universitätskliniken – Thun betonte, dass „wir einfach einmal stolz sein [müssen] auf das, was wir hier geschafft haben“ und rief dazu auf, die positiven Entwicklungen stärker in den Fokus zu rücken, anstatt nur über Probleme zu klagen.

Die Rolle von KI und den Klinikvorständen

Ein weiteres wichtiges Themenfeld sollte dann am zweiten Tag zur Sprache kommen: die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Gesundheitswesen. Prof. Dr. David Matusiewicz, Experte für Medizinmanagement, betonte in seiner Keynote „Krankenhaus 2030“, dass künstliche Intelligenz, digitale Geschäftsmodelle und roboterunterstützte Medizin den Klinikalltag grundlegend verändern werden. Allerdings sieht er weiterhin Hürden, wie die Trägheit des Gesundheitssystems und den Widerstand mancher Mitarbeiter gegenüber neuen Technologien. Um die Digitalisierung erfolgreich umzusetzen, sei eine ganzheitliche Strategie und Identität als digitale Organisation entscheidend: „Wir müssen eine Vision entwickeln, wie wir am Krankenhaus 2030 arbeiten und versorgt werden wollen – nicht nur einzelne Prozesse verbessern.“ Letztlich gehe es darum, Leidenschaft und Begeisterung für das Thema Digitalisierung zu entwickeln und „die Dinge auch als Chance zu sehen“. Digitalisierung im Krankenhaus dürfe durchaus Spaß machen.

In die gleiche Kerbe schlug Susann Homann, Chief Digital Officer am Universitätsklinikum Halle, die über die Herausforderungen und Möglichkeiten des Einsatzes von KI im Krankenhaus sprach. Sie betonte, dass KI nicht dazu dienen sollte, Ärzten vorzuschreiben, wie sie arbeiten sollen, sondern vielmehr dabei helfen könnte, unstrukturierte Daten zu sammeln und zu strukturieren. Ihrer Erfahrung nach wollten Ärzte keine KI, die ihnen erklärt, wie sie Arztbriefe schreiben sollen, sondern eine, die ihnen die Datenerfassung erleichtert. Gleichsam betonte Homann, dass der Faktor Mensch entscheidend sei und das medizinische Personal kontinuierlich geschult werden müsse, um mit den Möglichkeiten der Digitalisierung umzugehen. Um sich der Mitarbeit zu versichern, müsse man auch den Menschen und seine Bedürfnisse im Blick haben: „Was bedeutet denn Digitalisierung für ihn? Was ist denn eigentlich sein Mehrwert in diesem System? Wo kommt Vertrauen und Kompetenz her? Und warum kommt der Mitarbeitende jeden Montag in die Arbeit?“ All das sind für Homann relevante Fragen, die man sich und im Zweifel den betroffenen Fachkräften stellen müsse.

In einem der beiden abschließenden Roundtables stand die Bedeutung von Pflegedaten – dem „unbekannten Schatz im Datalake“ im Mittelpunkt. Die Gruppe um Bernadette Hosters, Leitung Entwicklung und Forschung Pflege, Universitätsmedizin Essen, identifizierte dabei bestehende Datenressourcen im Pflegebereich sowie deren Potenziale und Einschränkungen. Diskutiert wurden auch Möglichkeiten zur gemeinschaftlichen Nutzung von Pflegedaten und Risiken, die sich aus einer Vernachlässigung dieser Daten ergeben könnten. Best Practices zur Nutzung von Pflegedaten in KI-Projekten durften dabei natürlich auch nicht fehlen.

Im zweiten Roundtable widmeten sich die Diskutanten um Daniela Aufermann, M.Sc. und CDO, Vestische Caritas-Kliniken, der Frage nach der notwendigen Digitalkompetenz auf Führungsebene. Hier waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, dass Digitalkompetenz über reine IT-Kenntnisse hinausgeht und strategisches, innovatives und kommunikatives Denken erfordert. Ein Vorstand müsse die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Geschäftsmodell verstehen und Innovationen proaktiv umsetzen können. Entscheidend sei letztlich, dass digitale Expertise im Klinikvorstand mit der strategischen Ausrichtung des Hauses verknüpft wird, um Veränderungsprozesse effektiv anzustoßen.

Eine Erkenntnis, die sich aus den eineinhalb Tagen ziehen lässt: Digitalisierung ist eine Mammutaufgabe, die sich nur gemeinsam erfolgreich umsetzen lässt: vom partizipierenden Pflegepersonal über die CxOs bis hin zur Führungsebene, von der Politik und Gesetzgebung über Fachgremien, Standardisierungs- und Normungsorganisationen sowie IT-Anbieter bis hin zu den Kliniken und Krankenkassen – im Sinne effizienterer Prozesse, des Bürokratieabbaus sowie der Patientinnen und Patienten müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Auf C-Level herrscht bereits ein gemeinsames Verständnis für dieses Unterfangen – nun gilt es, diese Gedanken auch in die Einrichtungen zu tragen.

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