Digital Health

Digitale Zeitenwende: ePA für alle

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Der Faktor Mensch: Digitale Teilhabe ermöglichen

Der entscheidende Erfolgsfaktor für die ePA ist nicht die reine Verfügbarkeit, sondern die aktive Nutzung durch die Versicherten – und genau hier droht dem Projekt laut Hausärzteverband eine „Bruchlandung“. Monate nach der Einführung ist die Zahl der aktiven Nutzer „ernüchternd“. Obwohl durch das Opt-out-Verfahren Millionen Akten angelegt wurden, bleiben sie oft leer.

Konkrete Zahlen belegen die Diskrepanz: Bei der Techniker Krankenkasse standen elf Millionen Akten nur 750.000 aktive Nutzer gegenüber, bei der Barmer 7,8 Millionen zu 250.000. Als Hauptgründe gelten eine störanfällige Technik, ein komplizierter Registrierungsprozess, der gerade ältere Menschen überfordert, und eine mangelnde Aufklärung seitens der Krankenkassen, die der Hausärzteverband scharf kritisiert.

Digitale Souveränität darf kein abstrakter Begriff bleiben. Sie muss erlebbar sein. Die Realität zeigt hier jedoch erhebliche Hürden:

  • Eingeschränkte Barrierefreiheit: Die Verwaltung der ePA ist primär auf eine Smartphone-App ausgelegt. Für Menschen ohne entsprechende Endgeräte oder digitale Kompetenz ist die Teilhabe stark erschwert. Eine Desktop-Anwendung für PC und Laptop soll erst ab Mitte Juli 2025 Abhilfe schaffen.
  • Komplexe und lückenhafte Stellvertreterregelung: Die Möglichkeit, eine Vertrauensperson mit der Verwaltung der ePA zu betrauen, existiert, doch der Einrichtungsprozess wird als „nicht ganz trivial“ und „alles andere als zu Ende gedacht“ kritisiert. Ein wesentlicher Schwachpunkt ist, dass der Entzug der Vertretungsberechtigung nur über die App möglich ist, was bei Vertrauensverlust zu einer problematischen Abhängigkeit führen kann.
  • Mangelnde granulare Steuerung: Verbraucherschützer bemängeln, dass die Datenfreigabe nicht ausreichend differenziert ist. So können Nutzer nicht einzelne Medikamente aus der Medikationsliste oder spezifische Diagnosen aus einem Dokument verbergen. Es kann immer nur das gesamte Modul (z. B. die komplette Medikationsliste) oder das ganze Dokument für einen Arzt freigegeben oder verborgen werden. Dies widerspricht dem Versprechen einer feingranularen Kontrolle.
  • Hoher Informations- und Handlungsbedarf: Die Stiftung Warentest kommt zu dem Fazit, die ePA „braucht einen aktiven Patienten“, da das Verbergen von Daten proaktives Handeln in der App erfordert. Verbraucherzentralen reagieren auf den hohen Beratungsbedarf mit Online-Kursen und Umfragen, um die Nutzererfahrungen zu bündeln und Verbesserungen einzufordern.

Wenn Menschen spüren, dass sie nicht überfordert, sondern unterstützt werden – und dass ihre Wünsche und Fragen ernst genommen werden – wächst Vertrauen. So wird aus einem digitalen Verwaltungsinstrument ein Werkzeug, das wirklich einen Beitrag zur Versorgung leisten kann.

Interoperabilität als Systemaufgabe: Die ePA ist kein Einzelprojekt

Eine der größten Herausforderungen in der operativen Umsetzung ist die heterogene Systemlandschaft des deutschen Gesundheitswesens. Die ePA ist kein isoliertes System, sondern ein Knotenpunkt in einem hochvernetzten, föderal und dezentral strukturierten Gesundheitsökosystem. Ihre Leistungsfähigkeit hängt daher maßgeblich von der Qualität und Standardisierung der Schnittstellen ab.

Obwohl Deutschland bei der gesetzlichen Verankerung des internationalen Standards HL7 FHIR eine Vorreiterrolle einnimmt, zeigt sich in der Praxis eine Lücke zwischen Standardisierung und effektiver Interoperabilität. Ein internationaler Vergleich von 2025 stuft die deutsche Interoperabilität auf 70,2 % ein und sieht das Land damit hinter Staaten wie Estland (99,1 %) oder den Niederlanden (88,9 %). Als Gründe werden komplexe föderale Strukturen und regulatorische Verzögerungen genannt.

Die Diskussion in Fachkreisen hat sich daher verschoben: Die Frage ist nicht mehr, ob FHIR genutzt wird, sondern wie ein verlässlicher und nutzbarer Datenzugriff über FHIR-APIs realisiert werden kann. Dies betrifft sowohl die semantische als auch die technische Interoperabilität – also die Frage, ob Daten nicht nur übertragen, sondern auch korrekt interpretiert und weiterverarbeitet werden können.

Dazu kommt: Jedes nicht angebundene System, jede nicht integrierte Kliniksoftware stellt ein potenzielles Friktionsrisiko dar. Das Ziel muss daher eine kooperative, übergreifende Digitalarchitektur sein – unter Einbindung aller Beteiligten.

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