Die Akteure des deutschen Gesundheitswesens haben nach wie vor individuelle Hindernisse und teils massive strukturelle Probleme zu überwinden. Allen gemein sind die Herausforderungen rund um die Telematikinfrastruktur.
In Digitalisierung muss investiert werden, bevor sie unterstützen kann.
(Bild: Twopictures – stock.adobe.com)
Das Gesundheitswesen kämpft mit Problemen, die seit vielen Jahren bekannt sind und sich immer weiter verschärfen. Krankenhäuser und Kliniken beispielsweise stehen zunehmend unter finanziellem Druck. Der Krankenhaus-Report 2025 des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass 56 Prozent der Häuser für 2024 einen Jahresverlust ausweisen, zudem seien die Liquiditätsreserven bedrohlich niedrig: Die Hälfte der Kliniken konnte laut Radar im vergangenen Jahr ihre laufenden Kosten nur noch für maximal zwei Wochen im Voraus decken.
Auch bei den Krankenkassen sieht es nicht besser aus. Beim GKV-Spitzenverband ist man enttäuscht vom Haushaltsentwurf, der eine Darlehenslösung als Finanzierungsüberbrückung vorsieht. „Solange die Schere zwischen laufenden Einnahmen und Ausgaben immer weiter auseinandergeht, bleibt der permanente Erhöhungsdruck auf die Zusatzbeitragssätze bzw. auf den Pflegebeitragssatz grundsätzlich bestehen, er wird nur vorübergehend kaschiert“, monieren Uwe Klemens und Dr. Susanne Wagenmann, Verwaltungsratsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, in einer gemeinsamen Erklärung.
Es sind nicht allein die Finanzen
Doch es sind nicht allein die Finanzen. Der Fachkräftemangel ist überall spürbar, und auch der bürokratische Aufwand ist nach wie vor enorm – bei sämtlichen Leistungserbringern und -trägern. Die Ankündigung der neuen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, die ambulante Versorgung entbürokratisieren zu wollen, empfindet Dr. Sibylle Steiner, Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), daher als „außerordentlich begrüßenswert“. Die Devise müsse lauten: „Erst entbürokratisieren, dann digitalisieren.“ Die KBV erarbeite derzeit entsprechende Vorschläge, etwa für das Antrags- und Gutachterverfahren für die Psychotherapie, erwarte aber auch Rückenwind durch den Gesetzgeber. „Nach wie vor fehlt uns als Selbstverwaltung die gesetzliche Grundlage für ein digitales Verfahren“, moniert Steiner.
Die Digitalisierung als zweiter Schritt nach der Entbürokratisierung ist sinnvoll, dennoch läuft sie bereits auf Hochtouren. Die Telematikinfrastruktur (TI) mit ihren zahlreichen und vielfältigen Komponenten läuft und wird stetig modernisiert und erweitert. Aktuell wurde ein weiterer Stichtag erreicht: Zum 1. Juli 2025 mussten alle ambulanten und stationären Pflegedienste an die TI angebunden sein. Die Realität sind anders aus: Dr. Anika Heimann-Steinert, Produktmanagerin Pflege bei der Gematik, sprach Anfang Juni von 60 Prozent der Pflegeeinrichtungen, die sich zumindest die SMC-B-Karte bestellt haben. Die Anzahl derer, die tatsächlich in der Lage sind, TI-Lösungen zu nutzen, liege allerdings erst bei bundesweit 3.300 Einrichtungen. Eine Umfrage der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zeigt: Die Gründe liegen häufig bei überlasteten Softwarefirmen und ausufernder Bürokratie.
Übersicht in der E-Rezept-App
(Bild: gematik GmbH)
Das E-Rezept
Das elektronische Rezept (E-Rezept) ist seit 2024 Pflichtanwendung, jedenfalls für gesetzlich Versicherte. Es ersetzt das Papierrezept (das dennoch auch ausgedruckt an die Patienten übergeben werden kann) und kann in den Apotheken per Gesundheitskarte, App oder (wenn ausgedruckt) QR-Code eingelöst werden. Pilotiert wird derzeit die Verschreibung von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) per E-Rezept; in der Modellregion Hamburg & Umland werden die Abläufe rund um die „Apps auf Rezept“ quasi auf Herz und Nieren getestet. „DiGAs sind digitale Produkte, dennoch werden sie bislang in Papierform verordnet“, sagt Hannes Neumann, Produktmanager E-Rezept bei der Gematik.
KIM
Kommunikation im Medizinwesen (KIM) ist eine weitere Anwendung der Telematikinfrastruktur. Hierbei handelt es sich um einen abgesicherten E-Mail-Dienst für den Austausch von Arztbriefen und Befunden, der seit mittlerweile fünf Jahren aktiv ist. Seit 2021 läuft zudem die Übermittlung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung über die TI. Laut Gematik verwenden aktuell mehr als 160.000 medizinische Einrichtungen mit mindestens einer Adresse die KIM-Anwendung – von Arzt- und Zahnarztpraxen über Krankenhäuser und Apotheken bis hin zu Pflegeeinrichtungen und dem öffentlichen Gesundheitsdienst.
Pro Woche gibt es laut Gematik etwa fünf Millionen Transaktionen über den Kommunikationsdienst. „KIM hat in den vergangenen fünf Jahren maßgeblich dazu beigetragen, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzubringen. Dank der engen Zusammenarbeit aller Beteiligten ist ein interoperabler Standard entstanden, der die Grundlage für eine moderne und zukunftsfähige Versorgung schafft“, sagt Thomas Jenzen, Product Group Director ART ÖGD bei der Gematik.
Stand: 08.12.2025
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Die Sicherheitsarchitektur der elektronischen Patientenakte (ePA) im Überblick
(Bild: gematik GmbH)
ePA
Die elektronische Patientenakte (ePA) ist das Herzstück der TI. Nach einer langen Vorbereitungs- und Pilotphase wird die digitale Akte seit Ende April bundesweit ausgerollt. Wie das TI-Dashboard der Gematik beweist, steigen die Nutzerzahlen kontinuierlich an. Zu Spitzenzeiten gibt es täglich etwa sechs Millionen Zugriffe durch medizinische Einrichtungen auf die ePA. „Die ePA ist damit auf bestem Wege, fester Bestandteil unserer Gesundheitsversorgung in Deutschland zu werden – das ist ein wichtiger Meilenstein für uns alle“, freut sich Dr. Florian Fuhrmann, Vorsitzender der Gematik-Geschäftsführung.
Die Nutzung der ePA ist ab 1. Oktober 2025 für alle Arztpraxen verpflichtend. Um die Praxisteams darauf vorzubereiten, gibt es vonseiten der Gematik Unterstützungsangebote in Form von Online-Seminaren oder Infomaterial. Auch regional gibt es Support: So geht die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) auf ePA-Sommertour. Ein Impulsvortrag, eine Live-Demo sowie der persönliche Austausch sollen offene Fragen klären. „Grundvoraussetzung für den erfolgreichen ePA-Einsatz ist eine funktionierende Technik“, betont Anke Richter-Scheer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVWL. „Hier müssen die IT-Häuser und Software-Anbieter stabile Systeme gewährleisten.“ Sie ist sicher: „Wenn die ePA einmal reibungslos läuft, kann sie sicherlich ein echter Gamechanger in der medizinischen Versorgung sein.“
TI-Gateway
Reibungslose Abläufe soll das TI-Gateway gewährleisten. Die serverbasierte Lösung, die es von verschiedenen Anbietern gibt, löst die bisherigen Hardware-Konnektoren ab und befindet sich aktuell im bundesweiten Rollout. Die Anker-Apotheke in Südbrookmerland hat beispielsweise ihren TI-Anschluss auf das TI-Gateway von Curenect umgestellt. „Seit das E-Rezept verpflichtend ist, hängt fast jeder Vorgang in der Apotheke davon ab, dass die Telematikinfrastruktur funktioniert. Wenn die TI ausfällt, ist das nicht nur ärgerlich, sondern es wirkt sich sofort auf unseren Umsatz aus“, beschreibt Apotheker Jörn Sievers die Notwendigkeit einer stabilen Technik. Vom TI-Gateway erhofft er sich Ausfallsicherheit und einen ruhigen Betrieb. Bisher werden seine Erwartungen erfüllt: „Es läuft einfach. Seit wir das TI-Gateway nutzen, hatte ich noch keinen Hilferuf vom Team.“ Zwar gebe man durch die virtuelle Lösung ein Stück Kontrolle ab und könne nicht einfach den Konnektor neu starten, dafür müsse man sich nun nicht mehr um Updates oder Techniker kümmern. „Am Ende bleiben wir immer Apotheker – solange uns jemand bei anderen Themen den Rücken freihält“, sagt Sievers.
Fazit: Es ist paradox
Die Herausforderungen und Hürden sind derer viele. Die Digitalisierung soll hier unterstützen, ist aber zu Anfang selbst eine große Challenge. Dass die Umsetzung oftmals bis zum Stichtag und darüber hinaus ausgereizt wird, zeigt, dass es mehr braucht als moderne Technik: Es braucht Aufklärung und Unterstützung – finanziell und personell. Dass die Vorteile der Digitalisierung – weniger Bürokratie, Unterstützung beim Personalmangel, Zeitgewinn – gleichzeitig auch ihr Hemmschuh sind, darf getrost als paradox bezeichnet werden.