Während die Healthcare-Branche weiterhin unter massivem Digitalisierungsdruck steht, wachsen gleichzeitig die Anforderungen an Datenschutz, Governance und IT-Sicherheit. Dabei schwingt vor allem ein Thema immer mit: die digitale Souveränität.
Im Gesundheitswesen entscheidet nicht der Standort allein über Kontrolle und Sicherheit, sondern die Architektur der eingesetzten Systeme und die Art ihres Betriebs.
Im europäischen Gesundheitssektor steht für viele Akteure die Frage im Raum, wie sich die eigene IT unabhängiger und souveräner gestalten lässt. Nicht zuletzt durch steigende gesetzliche Anforderungen wie DORA, NIS-2 und lokale Datenschutzbestimmungen wie die DSGVO haben viele von ihnen die viel diskutierte digitale Souveränität stärker ins Auge gefasst. Anreize und Handlungsdruck, die eigene IT-Infrastruktur entsprechend neu auszurichten, gibt es sicherlich genug. Und dennoch greifen viele Ansätze zu kurz, wenn sie sich ausschließlich auf die Standortfrage konzentrieren. Entscheidend ist nicht mehr primär, wo Systeme betrieben werden, sondern auch in welchem Maß Unternehmen ihre technologischen Abhängigkeiten verstehen, gestalten und verändern können. Es geht um Kontrolle und Flexibilität.
In diesem Kontext ist ebenfalls wichtig, dass dieses Ziel von einer Organisation, sei es ein Krankenhaus oder eine Krankenkasse, nicht über Nacht mit einigen Tools oder einem Anbieterwechsel erreicht werden kann. Die angestrebte Souveränität ist vielmehr das Ergebnis fortlaufender Entscheidungen unter realen technischen, regulatorischen und organisatorischen Bedingungen.
Gleichzeitig steht das Gesundheitswesen unter erheblichem Modernisierungsdruck. Der Übergang von fragmentierten Legacy-Systemen hin zu flexibleren, skalierbaren Architekturen ist schlicht eine strukturelle Notwendigkeit, um die Versorgung und Sicherheit langfristig zu gewährleisten. Vor allem Cloud-Technologien spielen dabei eine immer wichtigere Rolle, weil sie den Wechsel von, schwer wartbaren und teuren Infrastrukturen hin zu dynamischeren Betriebsmodellen ermöglichen. Wie kann eine solche tiefgreifende Transformation gelingen, ohne dass es zu Kontrollverlusten kommt?
Mehr Flexibilität in der Infrastruktur
Eine häufige Fehlannahme in vielen Infrastrukturdebatten im Gesundheitswesen ist die Vorstellung homogener Systeme. Tatsächlich bestehen IT-Landschaften aus hochgradig unterschiedlichen Workloads, die jeweils eigene Anforderungen an Sicherheit, Regulierung und Betrieb stellen. Ein elektronisches Patientenaktensystem unterliegt etwa anderen Schutz- und Compliance-Anforderungen als ein Terminmanagement- oder Abrechnungssystem. Auch datenintensive Anwendungen wie diagnostische KI oder medizinische Bildverarbeitung folgen eigenen technischen und regulatorischen Logiken.
Ein großer strategischer Hebel ist daher die Fähigkeit zur bewussten Steuerung der Workloads. Unterschiedliche Anwendungen erfordern unterschiedliche Betriebsmodelle, abhängig von Risiko, Regulierung und operativer Bedeutung. In der Praxis führt das zu hybriden Architekturen, die Cloud- und On-Premises-Umgebungen gezielt kombinieren. Während Cloud-Infrastrukturen insbesondere bei skalierbaren Anwendungen Vorteile bieten, können stärker schützenswerte Workloads weiter On-Premise laufen.
Gleichzeitig reicht es nicht aus, die IT-Sicherheit über vertragliche Regelungen oder erst mit nachgelagerten Kontrollen abzubilden. Gerade im Gesundheitswesen müssen Schutzmechanismen bereits in der Architektur verankert sein, sodass sensible Daten während ihres gesamten Lebenszyklus abgesichert sind. Proaktive Sicherheitsansätze, die Transparenz und Überprüfbarkeit ermöglichen, werden damit zu einem zentralen Bestandteil souveräner Infrastrukturen. Darunter fallen unter anderem die Verschlüsselung von Code und Daten, eine vollständige Software Bill of Materials (SBOM) oder die durchgängige Verifikation der Herkunft und Integrität von Software über die gesamte Lieferkette hinweg.
Wahl der Plattform wiegt mehr als der Standort
In einem regulatorischen Umfeld, das durch DSGVO, den European Health Data Space und nationale Gesundheitsvorgaben geprägt ist, wird digitale Souveränität zur Frage der Systemarchitektur. Der Speicherort von Daten innerhalb der EU ist dabei zwar notwendig, aber alleine für sich genommen noch nicht ausreichend. Entscheidend ist vielmehr, wie die zugrunde liegenden Plattformen gestaltet sind, weil Systeme überprüfbar, nachvollziehbar und veränderbar bleiben müssen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Abhängigkeiten nicht nur zu verstehen, sondern sie bei Bedarf auch aufzulösen. In diesem Zusammenhang gewinnen Interoperabilität und Portabilität an Bedeutung, weil sie die Grundlage dafür schaffen, Entscheidungen nicht nur zu treffen, sondern auch wieder revidieren zu können.
Stand: 08.12.2025
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Der Faktor Kontrolle endet allerdings nicht auf Ebene der Infrastruktur. Er umfasst ebenso die Frage, wie Systeme betrieben werden und unter welchen Rahmenbedingungen operative Eingriffe erfolgen. Wer im Störungsfall Zugriff hat, unter welcher Jurisdiktion Support erbracht wird und wie Entscheidungen im Betrieb getroffen werden, sind integrale Bestandteile souveräner IT-Architekturen. Europäische Supportmodelle, die auf Open-Source-Fähigkeiten ausgerichtet sind und innerhalb europäischer Rechtsräume operieren, zeigen, dass Souveränität nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Frage ist.
Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, warum offene Plattformen eine zentrale Rolle spielen. Sie sind keine Garantie für uneingeschränkte Souveränität, aber sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Systeme überprüfbar, nachvollziehbar und im Zweifel ersetzbar bleiben. Gerade im Gesundheitswesen, wo regulatorische Anforderungen auf langfristige Betriebszyklen treffen, ist diese Fähigkeit entscheidend, um dauerhafte Abhängigkeiten zu vermeiden und agiler handeln zu können. Diese Flexibilität ermöglicht es Organisationen im Healthcare-Bereich auch, Sicherheit, Compliance und Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen sowie die Infrastruktur kontinuierlich anzupassen. Digitale Souveränität ist nicht als einmaliger Zustand zu verstehen, sondern als fortlaufender Prozess aus der Summe vieler einzelner Entscheidungen.
Der Autor Jonny Williams ist Chief Digital Adviser bei Red Hat.