Lungenkrebs-Screening KI-Meilenstein für die Medizin

Ein Gastbeitrag von Patrick Oestringer 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Im April startet in Deutschland das Lungenkrebs-Screening – inklusive KI-Pflicht. Fachärzte und -ärztinnen müssen die Technologie einsetzen, um am Früherkennungs-Programm teilnehmen zu können. 2026 wird damit zum entscheidenden Jahr für den Einsatz von KI in der Medizin.

Beim Lungenkrebs-Screening für starke Rauchende müssen Fachärzte die CT-Aufnahmen laut KBV „mit Unterstützung einer geeigneten Software befunden“.(Bild: ©  Peopleimages - AI - stock.adobe.com / KI-generiert)
Beim Lungenkrebs-Screening für starke Rauchende müssen Fachärzte die CT-Aufnahmen laut KBV „mit Unterstützung einer geeigneten Software befunden“.
(Bild: © Peopleimages - AI - stock.adobe.com / KI-generiert)

Jedes Jahr erkranken 57.000 Menschen in Deutschland an Lungenkrebs, zwischen 75 und 80 Prozent von ihnen sterben innerhalb von fünf Jahren. Das Leiden ist damit eine der tödlichsten Krebsarten weltweit. Die erschreckenden Zahlen lassen sich derzeit nur senken, wenn der Krebs früh genug erkannt wird. Entsprechend groß sind die Hoffnungen, wenn Hochrisiko-Kandidaten nun einmal im Jahr per Computertomographie (CT) durchleuchtet werden.

Wenn diesen April in Deutschland das Lungenkrebs-Screening für starke Raucher und Raucherinnen beginnt, ist ein bedeutender Meilenstein im Kampf gegen diese Krebsart erreicht. Doch neben dem rein medizinischen Nutzen markiert das Screening auch einen Meilenstein für die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen: Erstmals ist die Nutzung Künstlicher Intelligenz verpflichtend. Der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zufolge müssen Fachärzte die CT-Aufnahmen „mit Unterstützung einer geeigneten Software befunden“.

Die Lungenkrebs-Früherkennungs-Verordnung definiert diese Software als „ein Computerprogramm, das einen Arzt bei der Befundung von Computertomographie-Aufnahmen durch Auswertung der digitalen Bilddaten unterstützt”.

KI ist damit nicht nur optionales Hilfsmittel, sondern Pflichtbestandteil einer medizinischen Leistung und Voraussetzung für deren Erstattung. Dieser Schritt ist weit mehr als eine technische Neuerung in einem Spezialgebiet. Er ist ein starkes Signal und ein Vorbote dessen, was künftig in der Gesundheitsversorgung Normalität werden wird.

Bisher wurde KI oft in Leuchtturmprojekten oder allenfalls als freiwilliges Zusatztool eingesetzt, etwa für die Arztbriefschreibung oder im Mammografie-Screening. Integraler, flächendeckender Bestandteil von Diagnose und Behandlung ist sie bisher nirgends. Mit dem Lungenkrebs-Screening rückt sie nun in diesen Kern der ärztlichen Leistung vor. Die Regelung ist eine Anerkennung der Tatsache: Mediziner sind hervorragende Spezialisten, aber mit KI lässt sich die Qualität ihrer Arbeit noch einmal verbessern. Angesichts der Notwendigkeit, kleinste Krebsherde zu erkennen, bietet KI eine wichtige Unterstützung. Sie erhöht die Erkennungsrate, ein entscheidender Faktor, wenn es um Leben oder Tod geht.

Die Entwicklung wird nicht ohne Einfluss auf viele weitere medizinische Fachgebiete bleiben. Die Einsatzmöglichkeiten sind groß, drei Bereiche stechen besonders heraus:

1. Strukturierte Datenaufbereitung

Im klinischen Alltag entstehen nahezu Unmengen an Daten – Befunde, Medikationspläne, Laborberichte, ärztliche Beobachtungen, Arztbriefe, Entlassungsberichte und vieles mehr. Kaum ein Arzt kann sie vor einer Visite sämtlich durchgehen, um ein vollständiges Bild des Patienten vor ihm zu bekommen. Moderne KI-Lösungen sind in der Lage, diese riesigen Mengen an Patientendaten zu strukturieren, zu analysieren – und vor allem so aufzubereiten, dass sie für den Arzt rasch erfassbar sind. Mittels Dialogfunktion kann er gezielt nach Vorerkrankungen, Allergien oder der Medikationshistorie fragen. Dies spart wertvolle Zeit und reduziert das Risiko, entscheidende Informationen zu übersehen. Der Bosch Health Campus hat Ende 2025 ein Pilotprojekt mit der entsprechenden Anwendung „Medical Summary” von Averbis abgeschlossen. Dabei zeigte sich: Klinisches Personal findet relevante Informationen bis zu fünfmal schneller. Die frei gewordenen Stunden können in die Betreuung von Patienten fließen.

2. Frühzeitige Erkennung von Risikokonstellationen

Viele Krankheiten bauen sich langsam auf, oft gibt es Vorzeichen. Im hektischen klinischen Alltag mit seiner Informationsflut gehen diese Muster allerdings rasch unter. Oft sind sie auch noch gar nicht bekannt, weil das Zusammenspiel der Faktoren komplex ist. Hier kann KI helfen. Mit der Technologie lassen sich schon heute Risikokonstellationen für bestimmte Krankheiten erkennen – von Sepsis bis hin zu chronischen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz. Das Gesundheitspersonal kann eingreifen, bevor der Zustand des Patienten kritisch wird.

3. Sicherheitsnetz für die Ambulantisierung

Die Gesundheitsversorgung wandert zunehmend weg vom stationären Bereich. Patienten wollen zu Hause gesund werden, nicht in der Klinik. Chronisch Kranke sind froh, wenn sie seltener ins Krankenhaus müssen. KI wird hierfür unverzichtbar. Sie kann beispielsweise Daten von Wearables analysieren und warnen, wenn bestimmte Marker aus dem Ruder laufen – und idealerweise Gegenmaßnahmen empfehlen. Sie kann nicht-ärztliches Personal in der Beurteilung und Behandlung bestimmter Symptome unterstützen, und sie kann dem Patienten selbst im Umgang mit seiner Krankheit helfen. Entsprechende Anamnese-Tools gibt es längst. Sobald sie Daten etwa aus der elektronischen Patientenakte (ePA) einbeziehen können, werden sie noch um einiges besser.

Die drei Beispiele zeigen, dass KI in der Medizin schon längst vor der Tür steht. Die KI-Pflicht im Lungenkrebs-Screening wird diese Tür weit öffnen. Die Menschen jedenfalls sind bereit. Einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge steht die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen offen gegenüber. 76 Prozent gaben an, Ärztinnen und Ärzte sollten, wann immer möglich, Unterstützung von einer KI erhalten. Auch unter Ärzten überwiegt das positive Bild: In einer weiteren Bitkom-Umfrage gaben 78 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte an, KI als riesige Chance für die Medizin zu sehen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Wöchentlich die wichtigsten Infos zur Digitalisierung im Gesundheitswesen

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Der breite KI-Einsatz beim Lungenkrebs-Screening bietet nun die Gelegenheit, in großem Stil Erfahrungen zu sammeln, sowohl auf technischer als auch auf regulatorischer Ebene. Diese Erfahrungen werden den Einsatz von KI-Systemen in anderen Fachgebieten beschleunigen. Ende 2026 werden wir zurückschauen und feststellen: Es war ein bedeutendes Jahr für KI in der Medizin.

Der Autor
Patrick Oestringer ist Geschäftsführer von Averbis, einem KI-Spezialisten im Bereich Medizin. Das deutsche Unternehmen bereitet Gesundheitsdaten für Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern auf.

Bildquelle: Robert Lehmann

(ID:50798332)