Die Diskussion um New Work hat das Gesundheitswesen lange kaum berührt. Während in vielen Branchen ortsunabhängiges Arbeiten längst etabliert ist, galt die ambulante Versorgung als untrennbar an den Praxisstandort gebunden. Doch diese Annahme beginnt zu bröckeln.
Lange Zeit war das Thema Heimbüro in der Versorgung lediglich ein Gedankenexperiment, welches von einigen Progressiven skizziert wurde. Mittlerweile hat sich auch in diesem Sektor die Remote-Arbeit als fester Alltagsbestandteil etabliert.
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Die fortschreitende Digitalisierung – insbesondere durch Videosprechstunden und Anwendungen der Telematikinfrastruktur (TI) – schafft Voraussetzungen, unter denen sich ein relevanter Anteil ärztlicher Tätigkeit aus dem Homeoffice erbringen lässt. Aus praktischer Erfahrung zeigt sich: Bis zu 40 Prozent der hausärztlichen Arbeit können heute bereits ortsunabhängig erfolgen, ohne Abstriche bei der Versorgungsqualität.
Zwischen Versorgungsrealität und digitalem Potenzial
Auf den ersten Blick wirkt diese Zahl hoch. Schließlich bleibt der direkte Patientenkontakt ein zentraler Bestandteil medizinischer Versorgung. Doch ein genauerer Blick auf den Versorgungsalltag zeigt, dass ein erheblicher Teil der Arbeitszeit nicht in der unmittelbaren Interaktion mit Patienten stattfindet.
Dazu zählen unter anderem die Auswertung von Befunden, die Dokumentation, das Medikationsmanagement sowie die Koordination komplexer Behandlungsverläufe. Gerade diese Tätigkeiten sind prädestiniert für eine ortsunabhängige Bearbeitung – und profitieren oft sogar davon, weil die Unterbrechungen des Praxisbetriebs entfallen.
Darin liegt ein oft unterschätzter Hebel: Wenn sich bestimmte Arbeitsprozesse vom Praxisstandort lösen, profitieren nicht nur Ärztinnen und Ärzte durch mehr Flexibilität im Alltag. Auch Abläufe lassen sich effizienter organisieren, und die Versorgung kann insgesamt ruhiger und strukturierter werden.
Digitale Kommunikation als Grundlage
Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist eine funktionierende digitale Kommunikationsinfrastruktur. Mit dem etablierten E-Mail-Dienst KIM steht im Gesundheitswesen bereits ein sicherer Standard für den Austausch sensibler Daten zur Verfügung. Ergänzend gewinnt der TI-Messenger zunehmend an Bedeutung, da er eine niedrigschwellige Kommunikation innerhalb von Praxen und perspektivisch auch sektorenübergreifend ermöglicht.
Gerade im Zusammenspiel entfalten diese Werkzeuge ihr Potenzial: Rückfragen lassen sich schnell klären, Abstimmungen effizient treffen – unabhängig davon, ob sich die Beteiligten im selben Gebäude oder an unterschiedlichen Standorten befinden.
Remote-Zugriff und durchgängige Systeme
Neben der Kommunikation ist der ortsunabhängige Zugriff auf zentrale Systeme entscheidend. Moderne Praxissoftware ermöglicht es bereits heute, Patientendaten, Terminmanagement und Dokumentation sicher aus der Ferne zu bearbeiten.
Auch die Telematikinfrastruktur bietet mittlerweile einiges an Flexibilität. Lange Zeit stellte sie zugleich Enabler und Limitierung dar: Zwar konnten viele Prozesse digital vorbereitet werden. Doch für die rechtssichere Signatur – etwa bei Rezepten, Arztbriefen oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen – war spätestens nach 24 Stunden der physische Zugriff auf das Kartenlesegerät in der Praxis notwendig. Nach diesem Zeitraum lief die Gültigkeit der Komfort-Signatur ab.
Diese Einschränkung hat das Potenzial ortsunabhängiger Arbeit erheblich begrenzt. In der Praxis führte das teilweise zu aufwendigen und kostenintensiven Übergangslösungen, etwa durch zusätzliche eHealth-Terminals im Homeoffice.
Neue Lösungen für die Fernsignatur
Inzwischen zeichnen sich hier jedoch praxistaugliche Lösungen ab. Mobile PinPad Komponenten ermöglichen es, die für die TI notwendige PIN-Eingabe auch außerhalb der Praxis sicher vorzunehmen und eine verschlüsselte Verbindung zur bestehenden Infrastruktur herzustellen.
Damit wird ein zentraler Engpass aufgelöst: Ärztinnen und Ärzte können nun auch aus dem Homeoffice heraus rechtssicher signieren und damit Behandlungsprozesse vollständig abschließen. Insbesondere für die Videosprechstunde ist dies ein entscheidender Schritt, da Diagnose, Beratung und Verordnung nun nahtlos ineinandergreifen können.
Digitaler Patientenkontakt als zweiter Hebel
Neben der Verlagerung administrativer Tätigkeiten bildet die Digitalisierung des Patientenkontakts den zweiten zentralen Baustein. Viele Anliegen – von der Befundbesprechung bis hin zu einfachen Anamnesen – lassen sich problemlos per Video klären. Das entlastet nicht nur die Infrastruktur vor Ort, sondern ermöglicht auch eine gezieltere Fokussierung auf jene Patienten, die tatsächlich eine körperliche Untersuchung benötigen. Für Patienten ergeben sich ebenfalls Vorteile: Berufstätige profitieren von zeitlicher Flexibilität, mobilitätseingeschränkte Menschen vermeiden belastende Wege. Versorgung wird damit in vielen Fällen niedrigschwelliger und zugänglicher.
Stand: 08.12.2025
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