Primärversorgung Die Rolle der Apotheken

Von Susanne Ehneß 4 min Lesedauer

Welche Aufgaben sollen oder dürfen Apotheken übernehmen? Dazu gibt es vonseiten der Apotheker- und Ärzteschaft konträre Meinungen.

Franziska Scharpf, Vorstand ABDA, BAK und DAV.(Bild:  ABDA)
Franziska Scharpf, Vorstand ABDA, BAK und DAV.
(Bild: ABDA)

Die Apotheken sehen sich als zentrale Schnittstelle im Versorgungssystem, und zwar auch in der Primärversorgung. „Wir bringen die Versorgungsrealität ein – jeden Tag, flächendeckend und nah an den Patientinnen und Patienten. Bei uns laufen viele Informationen zusammen, von den Ärzten und auch aus der Pflege. Unsere Kompetenzen können deshalb viel stärker in patientenrelevante Entscheidungen einfließen“, sagte Dr. Armin Hoffmann, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), kürzlich im Rahmen des „pharmacon“-Kongresses.

BAK-Vizepräsidentin Franziska Scharpf sieht das ähnlich und äußerte sich positiv, was die geplante Abgabe von rezeptpflichtigen Arzneimitteln in Verantwortung des Apothekers oder der Apothekerin anbelangt: „Das ist ein guter Schritt für die Apothekerschaft – sie entlastet auch die notärztliche Versorgung und vor allem die Patientinnen und Patienten. Wir machen die Pharmazie modern und patientennah“ Und sie ergänzte: „Unsere Kompetenzen in der Versorgung der Patientinnen und Patienten werden in Zukunft noch stärker gefragt sein als bisher, zusätzlich zur Logistik.“

Die Apotheken bringen sich also in Position, präsentieren selbstbewusst ihre Kompetenzen und fordern eine zentrale Rolle ein. Ein aktuelles Positionspapier der ABDA verdeutlicht diese Entwicklung: Die Apotheke als Anlaufstelle und Brückenbauerin, als Ergänzung zur (auch digitalen) Selbsteinschätzung, als Betreuerin nach Krankenhausentlassung und als „Point of Care“ für Tests aus Speichel, Urin, Kapillarblut, Abstrich.

Gegenwind

Aus der Ärzteschaft kommt Gegenwind. Der Virchowbund, Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e. V., spricht von einem „gefährlichen Spiel“. Die Apothekerschaft kombiniere die eigene Kompetenzausweitung mit einer Bagatellisierung von Versorgung.

„Wenn die organisierte Apothekerschaft jetzt in die Diagnostik durch anlasslose Testungen und in die Versorgung durch Direktabgabe von Medikamenten bei Allergien, Konjunktivitis oder Rachenentzündung einsteigen will, verlässt sie ihre Kernaufgabe und greift mit der Bestimmung von Diagnose und Therapie in den ärztlichen Bereich ein“, betont der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich.

Zu jeder Testung gehöre eine ärztliche Abklärung, jede Diagnose müsse von einem Arzt gestellt werden, und auch die Verlaufskontrolle sei eine ärztliche Aufgabe. „Die eigenständige Zuschreibung von ärztlichen Qualifikationen führt folglich bei den Apothekern, aber auch bei den Ärzten, zu einer Marginalisierung von Versorgung und zur Deprofessionalisierung beider akademischen Heilberufe. Denn auch hier gilt: ‚Wer alles machen will, der macht nichts richtig gut‘“, warnt Dr. Heinrich.

Kernaufgabe der Apotheken sei eine sichere und flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. „Diese Baustelle besteht immer noch und sie erscheint mir momentan die größere für die Apotheker zu sein“, so der Virchowbund-Chef.

Auch der Berufsverband der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands (BVA) und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft sehen das Positionspapier der ABDA kritisch. Das im Papier zitierte Beispiel der Selbstbehandlung einer Bindehautentzündung (Konjunktivitis) sei keinesfalls so trivial wie die Apothekerschaft annehme. „Entgegen jeder Vernunft und Verantwortung“, kritisiert Daniel Pleger, erster Vorsitzender des BVA, die Vorstellungen in dem Positionspapier. „Eine Konjunktivitis ist eine Diagnose und diese kann und darf nur augenfachärztlich gestellt werden – zudem empfehlen wir die Anschaffung einer Spaltlampe und eine gute Berufshaftpflicht“, fügte Pleger hinzu.

Ebenso kritisch äußert sich Professor Dr. med. Claus Cursiefen als Generalsekretär der DOG. „So sehr wir die Apotheken als Partner bei der Arzneimittelversorgung und der Arzneimittelsicherheit schätzen, erfordert das rote Auge zwingend eine apparative Diagnostik und eine augenfachärztliche Untersuchung.“

Auch der Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten e.V. weist die Forderung der ABDA zurück, Apotheken künftig als tragende Anlaufstelle in einem Primärversorgungssystem zu etablieren. „Wer Primärversorgung auf niedrigschwellige Erreichbarkeit reduziert, hat den Kern medizinischer Versorgung nicht verstanden“, kommentiert BDI-Präsidentin Christine Neumann-Grutzeck. „Primärversorgung bedeutet Anamnese, körperliche Untersuchung, Differenzialdiagnostik, Befundbewertung, Therapieentscheidung, Verlaufskontrolle und Verantwortung. Das ist ärztliche Aufgabe und lässt sich nicht an den Apothekentresen verlagern.“

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Die Rolle der Apotheken als Partner bei Arzneimittelabgabe, Arzneimitteltherapiesicherheit und Beratung sei unverzichtbar. Daraus folge jedoch nicht, Apotheken zu einer zusätzlichen Versorgungsebene für Ersteinschätzung, Testungen, Monitoring chronischer Erkrankungen oder Arzneimittelabgabe ohne ärztliche Einbettung auszubauen. „Bei allem Verständnis für die schwierige wirtschaftliche Lage vieler Apotheken: Die Lösung kann nicht darin bestehen, immer neue ärztliche Aufgaben als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Apotheken zu definieren“, erläutert Neumann-Grutzeck. „Wer ärztliche Aufgaben übernehmen will, braucht eine (fach-)ärztliche Aus- und Weiterbildung.“

Besonders kritisch sieht der Verband die Vorschläge, Apotheken in digitale Ersteinschätzungssysteme einzubinden, Point-of-Care-Testungen auszuweiten, chronische Erkrankungen standardisiert zu monitoren oder verschreibungspflichtige Arzneimittel bei vermeintlich unkomplizierten Beschwerden direkt abzugeben. „Gerade in der Inneren Medizin sind vermeintlich einfache Beschwerden häufig nicht einfach“, betont Neumann-Grutzeck. „Atemnot, Schwindel, Infektzeichen, Brust- oder Bauchschmerzen sowie Laborbefunde sind keine standardisierten Apothekenfälle. Dahinter können harmlose Ursachen stehen, aber ebenso ernsthafte Erkrankungen. Entscheidend ist nicht der Test oder der Messwert, sondern die medizinische Einordnung nach ärztlicher Untersuchung.“

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