Krankenhausinformationssystem Ist das KIS tot?

Ein Gastbeitrag von Patrick Oestringer 5 min Lesedauer

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Mit der digitalen Transformation im Gesundheitswesen kommt das klassische KIS an seine Grenzen. Gleichzeitig stehen Kliniken mit der IS-H-Ablöse vor der Frage, welcher Nachfolger sie am besten für die Zukunft rüsten kann. Aber eigentlich sollte die Frage lauten: Warum überhaupt noch ein KIS?

Gastautor Patrick Oestringer ist sicher: Das KIS wandelt sich vom zentralen Frontend zur zugrundeliegenden Datenstruktur, die Patienteninformationen zusammenführt.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Gastautor Patrick Oestringer ist sicher: Das KIS wandelt sich vom zentralen Frontend zur zugrundeliegenden Datenstruktur, die Patienteninformationen zusammenführt.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Das Ergebnis der Umfrage an deutschen Kliniken war dramatisch, gerade weil es so wenig überraschend kam: 55 Prozent der Geschäftsführer in Krankenhäusern gaben gegenüber der Unternehmensberatung Roland Berger an, unzufrieden mit ihrem Krankenhausinformationssystem (KIS) zu sein. Gleichzeitig hatten die Befragten das Gefühl, nichts daran ändern zu können. Der Aufwand für einen Wechsel ist extrem hoch, die wenigsten Kliniken in Deutschland haben dazu die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen. Nun allerdings kommt Bewegung in das Thema.

  • Erstens zwingt die IS-H-Ablöse Kliniken zum Handeln.
  • Zweitens gewinnt die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung stetig an Tempo, der regulatorische und finanzielle Druck steigt. Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, muss die Klinik-IT deutlich flexibler werden. Neue digitale Funktionen müssen schneller eingeführt werden als noch vor wenigen Jahren – seien es digitale Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Gesundheitseinrichtungen, telemedizinische Angebote, Integration der ePA oder KI-Anwendungen in der Dokumentation oder bei der Verfassung von Arztbriefen. Bestehende Krankenhausinformationssysteme hingegen waren für eine Welt gebaut, in der sich Anforderungen nur sehr langsam änderten. Mit dem jetzigen Innovationstempo kommen sie an ihre Grenzen.
  • Drittens treten Anbieter auf den Plan, die das KIS in der Dateneingabe komplett abschaffen wollen. Die Idee dahinter ist verführerisch: Eine KI übernimmt, was heute noch Menschen erledigen. Sie wählt die richtigen Datenfelder aus, fügt Patientenstammdaten, Informationen zu Diagnosen, Therapien ein, hinterlegt Laborberichte und Ergebnisse der Bildgebung. Medizinisches Personal kann die Daten auf jeder beliebigen Nutzeroberfläche eingeben – solange eine künstliche Intelligenz im Hintergrund weiß, wie sie die Daten auf dem Server hinterlegen muss. Um die Informationen wieder hervorzuholen, läuft der Vorgang gewissermaßen im Rückwärtsgang. KI statt KIS.

Wohin also geht die Entwicklung? Zumindest der Tod der Krankenhausinformationssysteme wird ausbleiben. Denn selbst mit dem oben skizzierten Prozess bleiben sie zentrales Werkzeug zur Datenverwaltung, verschwinden zwar von der Bildschirmoberfläche der Nutzer, nicht aber aus dem Krankenhaus selbst. Und doch steckt in diesem dritten Szenario eine Wahrheit, die sowohl für Kliniken als auch für KIS-Hersteller von weitreichender Bedeutung ist.

Eine neue Denkweise

Der Grund ist folgender: Menschen und Maschinen verarbeiten Informationen sehr unterschiedlich. Damit können sich auch die informationsverarbeitenden Systeme grundlegend unterscheiden. Auf diese Weise entstehen ganz neue Möglichkeiten der Verknüpfung und Nutzung.

Maschinen brauchen keine Eingabefelder und keine Auswahlmenüs. Sie können medizinische Informationen zusammenstellen, ohne auf definierte Dateipfade angewiesen zu sein. Daten lassen sich also ganz anders ablegen, verwalten und zugänglich machen. Wenn KI Informationen kontextbezogen zusammenstellt und für den jeweiligen Moment der Nutzung aufbereitet, müssen klinische Teams weniger in starren Masken und Navigationspfaden arbeiten, sondern bekommen intelligente Oberflächen, die relevante Inhalte aus verschiedenen Quellen bündeln. Informationen aus Arztbriefen, Laborwerten, Diagnosen, Medikation, Anamnesen oder Befunden lassen sich auf diese Weise schnell zusammenführen und strukturiert verarbeiten.

KI beschleunigt die Verschiebung

Bisher scheiterten diese Szenarien oft an der Komplexität der Medizin. Maschinen brauchen maschinenlesbare Formate, also hoch strukturierte Inhalte. Klinische Fälle sind jedoch oft das Gegenteil – sehr nuancenreich, kaum ein Patient gleicht dem anderen. Die Einsortierung in Tabellen, Rubriken und Auswahlfeldern gelangt immer wieder an Grenzen. Daher kommt nahezu keine klinische Dokumentation ohne Freitextfelder aus. Unter anderem deshalb liegen schätzungsweise 90 Prozent der relevanten Patientendaten noch immer unstrukturiert vor. Dieser Anteil wird in Zukunft zwar sinken, aber auf absehbare Zeit nicht verschwinden. Künstliche Intelligenz jedoch kann genau diese Informationen strukturieren, entweder schon im Moment der Erfassung oder nachträglich.

Mit diesem Ansatz ist sogar noch ein weiterer Schritt möglich. Daten können nicht nur von unstrukturiert in strukturiert, sondern von einer Struktur in eine andere überführt werden. Damit steht eine Art Übersetzer zur Verfügung, der jedes vorliegende Datenformat in ein anderes überführen kann, der nahezu jeden derzeit im klinischen Kontext genutzten Standard in einen neuen umwandeln kann. Kommuniziert eine Anwendung etwa über den Standard FHIR, wandelt die künstliche Intelligenz die zur Verfügung stehenden Daten entsprechend um. Gleiches gilt für Standards wie DICOM, LOINC oder SNOMED CT, nur um ein paar gängige Beispiele zu nennen. Klassische Schnittstellen wären kaum mehr nötig, neue Anwendungen ließen sich rasch in die Klinik-IT einfügen. Die Daten stünden ohne großen Aufwand einrichtungsweit zur Verfügung. Neue Anwendungen lassen sich einfacher anbinden, der Pilotbetrieb ist keine Sackgasse mehr.

KIS als Integrationsplattform

Hier stecken gleichzeitig die große Chance und die fundamentale Veränderung. Das KIS verwandelt sich vom zentralen Frontend zur zugrundeliegenden Datenstruktur, die Patienteninformationen zusammenführt. Das ist kein Bedeutungsverlust, sondern ein neues Verständnis darüber, was die Systeme künftig leisten müssen. Je mehr digitale Lösungen in die Klinik einziehen, desto wichtiger wird diese stabile Instanz, die Daten verfügbar macht, Zugriffe steuert und Informationen konsistent hält.

Auf dieser Grundlage kann ein Ökosystem aus spezialisierten Anwendungen entstehen. Krankenhäuser müssen nicht mehr darauf warten, dass ein einzelner Hersteller jede neue Funktion entwickelt. Sie können auf ein Bündel von Lösungen Dritter zurückgreifen und die für ihren Bedarf sinnvollsten auswählen.

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Genau diese Richtung schlägt beispielsweise die Meierhofer AG mit Ihrem M-KIS ein. Das Unternehmen entwickelt sein Krankenhausinformationssystem hin zu einer Integrationsplattform. Erster Fokus ist die Einbindung von KI: Averbis etwa ist mit seiner Medical Summary implementiert. Die Medical Summary fasst sämtliche Informationen zu Patienten oder Patientinnen übersichtlich zusammen. Ärztinnen und Ärzte können gezielt Fragen stellen – etwa zu Allergien, Laborwerten oder Röntgenergebnissen – und erhalten innerhalb von Sekunden eine Antwort sowie den Link zur ursprünglichen Quelle. Künftig sollen auch sektorübergreifende Daten wie die elektronische Patientenakte (ePA) integriert werden.

Am Bosch Health Campus ist die Technologie bereits in Verwendung. Hochrechnungen zeigen: Ärztinnen und Ärzte können mit Hilfe von KI fünfmal schneller auf medizinische Dokumentation zugreifen und benötigen bis zu 50 Prozent weniger Zeit für die Erstellung von Arztbriefen. Für eine Klinik wie das Robert Bosch Krankenhaus mit seinen rund 1.191 Betten und etwa 40.000 stationären Fällen pro Jahr entspricht dies einem Äquivalent von rund 100.000 ärztlichen Arbeitsstunden.

Ein neues KIS-Verständnis

Das KIS ist nicht todgeweiht. An sein Ende kommt jedoch seine bisherige Erscheinungsform. Seine große Zukunft liegt in einer neuen Arbeitsteilung. Das KIS wird zur verlässlichen klinischen Datenbasis, zur Integrationsplattform unterschiedlicher Anwendungen. Die Zukunft liegt dabei in einer intelligenten, der menschlichen Informationsverarbeitung nachempfundenen Interaktion – und nicht in starren, stark standardisierten Eingabemasken. KI ist gleichzeitig Katalysator und Ursache dieser Entwicklung. Denken wir sie konsequent zu Ende, bekommt das klinische Fachpersonal einen virtuellen, humanoiden Copiloten an die Seite, der ihnen den überwiegenden Teil der Dokumentation abnimmt. Zeit in der Klinik bedeutet damit wieder: Zeit für Patienten.

Der Autor
Patrick Oestringer ist Geschäftsführer von Averbis. Das Unternehmen hat über 15 Jahre Erfahrung im medizinischen Einsatz von KI. Zu seinen Kunden gehören sowohl Kliniken als auch Medizinische Dienste der Krankenkassen.

Bildquelle: Robert Lehmann

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